Früher war die Welt noch in Ordnung. Da wurde mit dickem Lötzinn und einer Lötpistole das elektrisch verbunden, was verbunden werden sollte (wer kennt es noch, das Radiolot?). Mit Aufkommen der Halbleiter machte man aber mit einer Lötpistole mehr kaputt als gedacht. Leistungsschwächere Lötkolben mussten her. Und mit ihnen auch ein dünneres Lötzinn (Elektroniklot). Mit der Zeit wurden die Lötkolben immer schwächer (10 Watt ist mittlerweile im Hobby-Bereich durchaus üblich) und das Lot immer dünner.
In der Lehre musste jeder angehende Elektronikfritze erst einmnal einen kubischen Drahtkäfig verlöten lernen. Und wehe nur eine der vielen Lötverbindungen sah matt, verklumpt oder verzundert aus. Dann gab's Haue vom Chef. Irgendwann sass dann das richtige löten und man erkannte eine gute Lötstelle sofort an der glänzenden, leicht gewölbten und glatten Oberfläche. Damit nun das Lot oder gar die Lötspitze nicht zundert und man nicht die Leiterbahnen der Platinen beschädigt, kamen irgendwann temperaturgesteuerte Lötkolben auf. Damit liess sich lange Zeit recht gut arbeiten. Wer auf sich hielt, legte siche eine Lötstation zu. Vorzugsweise natürlich von Weller.
Die Zeiten haben sich jedoch seit Mitte 2006 geändert. Seit RoHS darf ein Hersteller nicht mehr mit dem beliebten Blei-Lötzinn arbeiten, wobei es hiervon natürlich Ausnahmen gibt: z.B. in der Automobilindustrie. In der und für die Consumer-Elektronik müssen aber z.B. alle Verstärker mit bleifreiem Lot verlötet werden. Kein Problem? Ha! Wo kämen wir denn da hin?
Das bleifreie Lot hat die hässliche Eigenschaft, dass es nicht so fliessfreudig wie herkömmliches Lötzinn ist. Ausserdem frisst dieses gottverdammte Lötzinn normale Lötspitzen auf, denn für bleifreies Lötzinn muss eine spezielle Lötspitze verwendet werden. Auch muss heisser (als Faustformel gelten 50°C, besser jedoch gleich 100°C mehr) gelötet werden, damit man überhaupt zu Potte kommt. Und dabei ist nicht einmal gesagt, dass die Verbindung auch sofort zustande kommt. Aufgrund dessen sind mir Flüche zu Ohren gekommen, die ich nie und nimmer für möglich gehalten hätte (und ich kenne Flüche die selbst einem alten Fahrensmann die Schamröte ins Gesicht treibt). Das heisst, vom kleinen Handwerksbetrieb bis hin zur Elektronikindustrie hat eigentlich jeder so seine Probleme mit diesem Lötzinn. Bis jetzt bin ich aber davon verschont geblieben. Bis…
…Ja bis ich selbst eines Tages einen Verstärker tunen durfte der einen gemischten Einsatz von bleifreiem Lot und normalem Lötzinn beinhaltete. Kein Witz: sobald man den Deckel öffnete, sah man »kalte Lötstellen«. Wenn man allerdings unter der Platine schaute, oder an sicherheitskritischen Stellen oberhalb der Platine, fand man normale Lötstellen. Das dabei die »kalten Lötstellen« nicht auf mangelndes Können zurückzuführen war (wie ich zuerst annahm), sondern auf dieses beschissene bleifreie Lötzinn habe ich erst dann erfahren, als ich nach zwei(!) aufge- fressenen Lötspitzen mit dem Hersteller des Lötkolbens (bzw. Lötstation) telefonierte.
Diese Probleme hat die z.B. Autoindustrie, die Weltraum- oder Flugzeugindustrie, die Computerindustrie und exponierte Medizintechnik natürlich nicht (Firmen übrigens, die auch in der Stiftung EAR eingetragen sind). Denn die darf weiterhin mit normalem Lötzinn löten: aufgrund von Klima- und Temperaturschwankungen und der Sicherheit wegen. Das spielt für die normale Elektronik für den Otto-Normalverbraucher natürlich keine Rolle. Sicherheit deswegen, weil das bleifreie Lot keineswegs jeder Klimaschwankung standhält und sich auch unter bestimmten Bedingungen leitende, kristalline Ablagerungen bilden. Vorzugsweise natürlich da wo eine elektrische Verbindung nicht gewollt oder gewünscht ist.
Und so sehe ich sie schon: die Lötkolbenakrobaten die nachlöten oder die kristallinen Ablagerungen abkratzen, um den Besitzer des defekten Gerätes dann eine saftige Rechnung um die Ohren zu hauen.
Ich für meinen Teil habe mir eine eigene Strategie zugelegt, um dem bleifreien (B)Lötzinn wirkungsvoll zu begegnen: mit einem preiswerten Löteisen (40W) aus dem Baumarkt, versehen mit einer breiten Lötspitze, kann man wundervoll und auch über eine längere Zeit an dem bleifreien Lot arbeiten. Bei entsprechendem Geschick auch ohne etwas zu beschädigen oder zu braten.
Und so verwundert das Revival der preiswerten Lötpistole nicht. In einigen Werkstätten, wo sie lange Zeit verpönt waren, sind sie wieder aufgetaucht: um heiss und schnell nachzulöten oder um Chassisverbindungen zu lösen.
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