Beschäftigen wir uns erst einmal mit dem statischen Abgleich, d.h. wir stellen den Ruhestrom »nackt« ein. Also, ohne irgendein Signal.
Wir schalten den Lötkolben ein, ziehen alle Vorstufenröhren aus der Röhrenfassung und trennen die Stromversorgung zur Vor- und Treiberstufe. Das Poti für die negative Vorspannung stellen wir so ein, dass die höchste negative Spannung eingestellt ist (die Röhre sperrt komplett). Wenn Sie nicht wissen, in welcher Richtung Sie drehen müssen, sollten Sie das vorher ausmessen (natürlich ohne dazugeschaltete Anodenspannung). Die Krokodilklemmen werden angeschlossen und die Multimeter in Stellung gebracht. Zu guter Letzt werden die Ausgangsübertrager mit einem Dummy-Load belastet (8Ω-Widerstand in ausreichender Wattstärke).
Wie in der Skizze dargestellt, wird nun vorübergehend eine zusätzliche Masseverbindung hergestellt und bewirkt eigentlich nichts weiter, als dass das Gitter der Endröhre wirklich gegen umhervagabundierende Brummspannung immun wird.
Parallel zu R3, dem Kathodenwiderstand, wird nun das Messgerät bzw. der Messaufbau (wie beschrieben) in Stellung gebracht. Der Übertrager ist mit dem 8Ω-Ersatzwiderstand abgeschlossen? Dann kann die Endstufe (und nur diese) eingeschaltet werden. Zunächst wird die Versorgungsspannung Ub gemessen (am besten direkt am Netzteil) und dann die jeweilige Anodenspannung der Endröhren. Diese sollte bei allen Röhren gleich sein (± 2V ist akzeptabel).
Soweit - so gut. Sie kennen die Ruheströme, die der Hersteller des Verstärkers empfiehlt? Dann ist das weitere Vorgehen relativ einfach. Handelt es sich jedoch um einen unbekannten oder neu aufgebauten Röhrenverstärker, ist das noch kein Problem, wenn Sie das Datenblatt (zur Not ein älteres) der eingesetzten Röhre haben. Aber Vorsicht: besonders die Röhren aus China sowie einige russsiche Labels sind bekannt dafür, sich nicht unbedingt an die alten Spezifikationen zu halten (deshalb kann man die Kurvenschar getrost vergessen, was für viele Röhrenopas natürlich überhaupt nicht akzeptabel ist).
Aus dem Datenblatt wird nun der Grenzwert der Anodenverlustleitung herausgelesen. Für eine EL34 gibt Telefunken z.B. eine Anodenverlustleistung von 25W vor (in vielen Datenblättern als N bezeichnet). In den Datenblättern von JJ wird dieser Wert als Wa max. gekennzeichnet. Für die weitere Berechnung kann man also von diesem Wert ausgehen. Mit der folgenden Kurzformel (beruhend auf Erfahrungswerte) wird direkt der minimale und maximale Ruhestrom in mA ermittelt.
Beispiel anhand der EL34:
gemessene Anodenspannung: 450V, Anodenverlustleistung: 25W
IRuhe min = (25*500)/450
~ 28mA
IRuhe rat = (25*650)/450
~ 36mA
IRuhe max = (25*750)/450
~ 42mA
Die Zahlen 500, 650 und 750 definieren die prozentuale Leistung einer Röhre. Im ersten Fall also 50%, dann 65% (ein sog. Ratio-Wert) und im letzten Fall 75% der maximalen Leistung. Diese Min.- und Max.-Werte sollten in einem HiFi-Verstärker nicht unter- oder überschritten werden! Drehen Sie nun am Trimmpoti solange, bis Sie, nach Umrechnung, auf den maximalen Ruhestrom kommen (die Röhre »öffnet« sich). Bekommt die Röhre bereits bei 75% der ermittelten Leistung rote Bäckchen (glühende Anodenbleche), dann ist die Anodenverlustleistung soweit nach unten hin zu korrigieren, dass die Anodenbleche nicht glühen. Über die Qualität der Röhre braucht man da keine Worte mehr zu verlieren - sie kann unter »ihren« Arbeitsbedingungen allerdings ganz wunderbar arbeiten, nur, es ist eben keine (beispielsweise) EL34 im ursprünglichen Telefunken-Sinne.
Natürlich kann man jetzt -einmalig(!)- auch ganz gewollt die Anodenbleche zu glühen bringen. Sobald die Anodenbleche in einem zarten Rot erscheinen ist die absolute »No-Go Area« erreicht (das macht man wirklich nur einmal je Röhrensatz). Aber aufgepasst: das kommt nicht schlagartig, sondern es können schon einige zig-Sekunden ins Land gehen. Wenn sich aber nach 30 Sekunden immer noch keine Rotbäckchen zeigen wollen, dürfen Sie getrost weiter am Poti drehen (also weniger negative Spannung dazugeben). Wie gesagt, langsam. Und ich meine es mit »leicht Zartrot« aufleuchtende Anodenbleche genauso wie geschrieben: »ganz leicht Zartrot« eben. Anodenbleche bzw. Röhren, die einige Sekunde dunkelrot oder gar weiss geglüht haben, dürfen Sie getrost vergessen und damit die Röhre als »gut eingebrannt« auf irgendwelchen Auktionshäusern vertickern.
Nach Erreichen der »No-Go Area« kann der Verstärker ausgeschaltet werden. Lassen Sie den Elkos noch etwas Zeit, sich zu entladen und entfernen dann die zuvor angebrachte, temporäre, Masseverbindung, schliessen die Versorgungsspannung für die Vor- und Treiberstufe wieder an und setzen dann die Vorstufenröhren ein. Jetzt wird es interessant.
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