Auch bei den Frequenzangaben wird oftmals heftigst geflunckert und sind deshalb mit allergrösster Vorsicht zu geniessen. Eine untere Grenzfrequenz von unter 10Hz ist mit Sicherheit - selbst bei einem M102B- oder gar PM114-Kern - nicht reell. Selbst dann nicht, wenn Übertragerblech verwendet wird. Diese Angabe in Zusammenhang mit einer oberen Grenzfrequenz von weit über 60kHz bei einer Blechdicke von 0,5mm - und das ganze ist eine Luftnummer (besonders dann, wenn das Nicht-Kornorientierte M400-er Blech verwendet wird). Keine Frage, der Übertrager funktioniert - aber nicht mit den angepriesenen Eigenschaften.
In einem anderen Fall will man aus einem M74-Kern sagenhafte 4Hz bis 55kHz herbeizaubern. Diese Angaben sind auf einem M74-Kern wohl kaum erzielbar. Zumindest nicht mit 0,5-er Dynamoblech. Und überhaupt, wie war das noch mit der Quer-, Längs- und Streuinduktivität? Der Vergleich mit einem anderen (seriösen) Anbieter zeigt hingegen folgendes: 25Hz bis 21kHz bei Nennleistung - allerdings mit einem wesentlich besseren Blechmaterial und deshalb auch so nicht direkt vergleichbar. Noch lustiger wird es, wenn unterschiedliche Kerne (also EI- oder M-Kern) das gleiche Betriebsverhalten mit genau den gleichen Daten produzieren wollen.
Moment! Einen habe ich noch. So mancher Hersteller lobt die Symmetriereigenschaft seiner Übertrager. Nichts dagegen. Nur sollte sich dieser Hersteller mal gute, maschinell gewickelte Übertrager ansehen. Von mir aus soll er ausmessen (vorausgesetzt er besitzt die notwendige und geeichte Messeinrichtung). Die propagierte Messanordnung mit einem Oszilloskop, Signalgenerator, 08/15-Poti ist nämlich nicht geeignet, um tatsächliche exakte Symmetriereigenschaften nachzuweisen. Wie man mit einer solchen Messanordnung geringste Toleranzen (allein das Poti ist mit einer zigfachen höheren Toleranz behaftet, von den simplen Widerständen ganz zu schweigen) nachweisen will, erstaunte vor kurzem die Fachwelt. Reproduzierbar war das, dem Vernehmen nach, nicht. Allein das Kupfermaterial stellte einige Hindernisse in den Weg…
Der Preis ist heiss
Will man Qualität, ist der Preis ein fast todsicheres Argument. Nichts ist Rohstoffintensiver als ein Netztrafo oder Übertrager. Die Preise für Stahl, Aluminium oder Silizium sind exorbitant gestiegen. Von Kupfer erst gar nicht zu reden. Dazu kommt die leidige RoHS-Verordnung. Manche Wickelbetriebe wehren Kleinstabnehmer durch horrende Preise ab. Unter 400 EUR Bestellwert läuft gar nichts. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht verständlich.
Sicher, als gewiefter Geschäftsmann kann ich billige Ware überteuert verkaufen. Zusammen mit toll klingenden Namen (aus Dynamoblech wird halt nachgeglühtes Siliziumeisen) und fragwürdigen, hochgestochenen Phantasieaussagen verkauft man schon. Seriöse Hersteller oder Händler gibt es in Deutschland nicht viele - Hinterhoftrafowickler (die mit dem Dynamoblech) anscheinend reichlich. Beachten Sie weiterhin, dass Netztrafos und Übertrager ein sicherheitsrelevantes Bauteil darstellen. Die gängigen Sicherheitsvorschriften nach VDE0550/EN60742 müssen eingehalten werden. Aber das kostet ja nur unnötig Geld…
Noch ein Kostenpunkt: Die Tränkung des Übertragers oder Netztrafos. Eine Tränkung schützt nicht nur vor Korrision (was die Eigenschaft des Übertragers ändern kann), er festigt auch das Eisen (Verschweissung - ganz, ganz böse Falle - oder Verschraubung ist dann eigentlich nicht nötig). Das Ergebnis ist ein extrem brummarmer Trafo und verbessertes Übertragerverhalten. Nur - eine gute Tränkung kostet! Und das nicht zu knapp (»Umweltschutz«, Sie wissen schon). Eine Vakuumtränkung ist sogar noch teuerer (der Vakuumofen kostet ein kleines Vermögen, dazu der Umweltschutz…). Der Vorgang ist hier einfach erklärt: Übertrager in den Vakuumofen stellen, Tränkharz einfüllen, Luft absaugen, das Harz wird durch den Unterdruck warm und deshalb dünnflüssig und kriecht dann in jede noch so kleinste Ritze, danach aushärten lassen und gut ist. Das vergiessen von Trafos ist eine extrem billige Alternative zudem man nicht mehr nachvollziehen kann, wie der Trafo oder Übertrager tatsächlich aussieht bzw. gewickelt wurde. Mich beschleicht immer ein ungutes Gefühl, wenn ich auf einen vergossenen Trafo oder Übertrager stosse. Ist in der Vergussmasse wirklich ein M102-Übertrager oder doch nur ein M85-Kern? Ich habe mir angewöhnt, dass jemand, der vergiesst (oder pottet) etwas zu verbergen hat. Ausserdem: Wie will ein Trafo seine zwangsläufig entstehende Wärme sicher abführen?
Fazit
Es empfiehlt sich also, lieber bei den Röhren, Kondensatoren und Kabelmaterial zu sparen und dafür etwas mehr Geld in den Ausgangsübertrager zu stecken. Das Ergebnis wird überzeugender sein, als Wunderkondensatoren, versilbertes Lot und Silberkabel, EL34XY mit Platin-Anode und Goldstiften.
Ein Vorteil einer vollautomatisierten Bewicklung ist, das ein Übertragertyp exakt genauso gewickelt wird, wie der Vorgänger oder Nachfolger. Computer oder computergesteuerte Maschinen irren sich nicht. Der Mensch schon. Von daher verbietet sich eine manuelle Bewicklung. Passiert doch einmal ein Fehler bei der maschinellen Herstellung, fällt dies spätestens in der Prüfstrecke auf (Qualitätskontrolle) mit der Folge, dass man diesen fehlerhaften Übertrager nie zu Gesicht bekommt.
Aus all dem Erwähnten lässt sich nun folgendes ableiten: Die Leistungsdaten eines Übertragers sind zunächst einmal die Daten, für die der Übertrager steht. Beispiel: 50W Nennleistung (also nix mit RMS) und mit einem Frequnzgang von X bis Y (-3dB) bei Nennleistung. Was letztendlich die Röhrenschaltung daraus macht, steht auf einem ganz anderen Blatt. Das lässt sich nur insoweit abschätzen, als das man die Betriebsbedingungen nennt, z.B. Ub 450V, 2x EL34, Class AB, Ruhestrom 40mA, maximale Sinusleistung 35W bei XY% Klirr. Und selbst das ist - toleranzbedingt - sehr Toleranzbehaftet. Auch die Benennung wieviel Induktivität (mH, H) eine Wicklung aufweist ist letztendlich nur eines: Augenwischerei. Die Induktivität ändert sich nämlich unter realen Bedingungen - natürlich auch dann, wenn man von der Messanordnung abweicht (die vorsichtshalber ja nicht aufgeführt wird). Und - last but not least - ist richtiges Übertragerblech dem Dynamoblech vorzuziehen.
Für diese Darlegung waren hilfreich:
Etwas Zeit, sich in die Materie einzuarbeiten,
Valvos technische Informationen
Telefunken Laborbuch von 1958
Wikipedia (Stichwort: Dynamoblech, Transformatorenblech)
diverse Informationsseiten der Stahl- und Chemieindustrie
Google
|