Teil 2 des Hörerlebnis-Beitrages
Electro Harmonix 300B (made by Sovtek)
Auch in Russland werden schon seit vielen Jahren Röhren gebaut - und jetzt werden auch 300B wieder verstärkt produziert. Um bezüglich der Electro Harmonix/Sovtek mit der (klanglichen) Türe gleich ins (musikalische) Haus zu fallen: Im gesamten Bassbereich erscheint mir diese Röhre als zu weichzeichnend, dabei gerät der Oberbass zu schlank. Dadurch fehlt es etwas an »Durchzug«. Die Mitten werden dafür gut aufgelöst, wenn auch nicht ganz so gut wie bei den besten erhältlichen 300B. Der Hochton neigt insbesondere bei noch uneingespielten Electro Harmonix zu leichten Schärfen, die aber ein wenig »nachdunkeln« im Laufe der Zeit. Ein Horn mit Fullrange-Chassis (z.B. Keller, Stamm, Lowther) könnte ich mir als besten Partner für diese 300B vorstellen. Gut zu beobachten war diese Klangausrichtung etwa bei der Jethro Tull-LP »Too Old To Rock'n'Roll: Too Young To Die!« (Chrysalis, 1976, 202 663-320).
So wurde der Titelsong beispielsweise schon gut wiedergegeben, nur ein paar Feinheiten schienen etwas verschliffen zu sein. Ebenso beim »Pied Piper« - ein wenig zu grobkörnig wirkte die Präsentation des Bildes, das Ian Anderson und seine Mitstreiter damals entwarfen. Der interne Aufbau dieser Röhre scheint eher klassisch, dadurch baut die Electro Harmonix nicht so hoch wie andere aktuelle Typen, sondern entspricht da recht genau der WE. Leider besteht eine relativ gesehen stärkere Klingelneigung als bei anderen Vertretern ihrer Art. Dennoch: Eine respektable Anfangsröhre, wenn man nicht gleich mit dem Original beginnen will.
KR 300B (Globe)
Ein intern völlig geschlossenes System zeichnet die 300B aus dem Hause Kron aus. Dadurch leuchtet diese Röhre überhaupt nicht mehr; ein offensichtliches Optik-Fiasko also für alle »Glühkolben-Romantiker«. Doch das zählt nicht wirklich. Alles andere als ein Waterloo findet nämlich klanglich statt: Sehr sauber zeichnend, präzise, mit stabilem Bassfundament, dennoch mit der Klangmagie der 300B ausgestattet - so wunderbar stabil-harmonisch präsentiert sich die KR 300B. Kurz: Für mich ist es derzeit eine der besten 300Bs überhaupt. Ihr sehr robust wirkender Innnenaufbau ist mit Sicherheit daran beteiligt, dass keine Mikrofonieneigung feststellbar war. Ebenso wie vielleicht auch die alte Globe-Form des Glaskolbens und das extrem hohe Vakuum, das der Hersteller für sich in Anspruch nimmt. In meinen Kombinationen bewiesen die KR-300er jedenfalls ihre Qualitäten sowohl bei der klassischen Aufnahme der Klavierkonzerte Nr.2 (B-Dur, op. 19) und Nr.4 (G-Dur op.58) [mit Wilhelm Kempff als Solist sowie den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Ferdinand Leitner] wie auch beim Metal-Gewitter von Metallica (Schwarzes Album, Vertigo 510 022-1). Sie wirkten immer souverän, unangestrengt. Ob nun das Adagio des 2. Satzes des »Zweiten« oder das Rondo-Vivace des 3. Satzes des 4. Beethovenschen' Klavierkonzertes auf dem Programm stand - geradezu lässig zeigte die Kron-Röhre, was in der von Toningenieur Werner Wolf 1964 in bewährter DG-Qualität aufgenommenen Scheibe musikalisch steckt. Und das ist beileibe nicht wenig!
Aber auch der intelligente Metal-Rock von Metallica kommt voll zu seinem Recht. Abfeiern mit Druck und Power ist angesagt - und genau das liefert die KR 300B völlig unangestrengt ab. Wobei die Unterschiede zwischen der CD und der LP sehr klar erkennbar werden. Die Besonderheit des mir vorliegenden Pärchens: es war auf ca. 1,8 A ausgelegt und lief dennoch erstaunlicherweise sowohl bei 1,2 A wie auch bei 1,5 A problemlos, ohne relevante Klangdiskrepanzen. Inwieweit die eventuelle Unterheizung die Lebensdauer des Heizfadens beeinflusst, vermag ich nicht zu sagen. Sofern dies nicht der Fall ist und in der gesamten Serie eine 1,8-A-Auslegung gegeben ist, was ich beides so leider nicht überprüfen kann, wäre sie eine erstklassige Lösung für die meisten 300B-SET-Amps - unabhängig davon, ob nun 1,2 oder 1,5 A anliegen.
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