Jeder hat so seine eigene Vorstellung über seinen Traum-Röhrenverstärker und Traum-Lautsprecher. Wie sollte Ihre Kombination (auch in Bezug auf Röhrenbestückung, Schaltungstechnik, Leistung, Schallwandler) aussehen?
Kraft: Die Vorstellungen über HiFi - und über den »richtigen« Klang - sind in der Tat grundverschieden. Und das ist letztlich auch gut so, sonst wäre uns ja langweilig, nicht war? Mein ganz persönliches Fazit – nach 25 Jahren intensiver Beschäftigung auch mit teils sehr teurer Unterhaltungselektronik – mündet ganz extrem in einem dünnwandigen »mitarbeitenden« Einweg-Breitband-Lautsprecher sowie Eintakt-Röhren-Endstufen. Davor mache ich keinen großen Unterschied mehr zwischen Analog- und Digitaltechnik, sprich zwischen Plattenspieler und CD-Player: Beide zählen zu den aussterbenden Rassen und werden bald nur noch von den Higendern am Leben erhalten. Der vorbespielten Kauf-CD gebe ich noch ein paar letzte Jahre, bevor kostenpflichtige, datenreduzierte Downloads und winzige Datenspeicher endgültig die Musikvermarktung völlig verändern werden.
Von einem guten, wirkungsgradstarken Breitbänder glaube ich Dinge gehört zu haben, die selbst »fünfstellige« High-End-Lautsprecher nur schwerlich können. Aber diese Meinung muß subjektiv bleiben. Ich denke inzwischen, daß Klangempfinden, vor allem aber Erwartungen und Bedürfnisse im Hinblick auf Musikwiedergabe nicht verallgemeinerbar sind. Vor diesem Hintergrund – und vor dem zumindest rein technischen Perfektionsgrad moderner Gerätschaften – hat sich die herkömmliche, oft sogar nur meßtechnisch orientierte Testarbeit schon längst erledigt. Ein guter, auch erkennbar subjektiver, sich dennoch um Nachvollziehbarkeit in der Schilderung seiner Eindrücke bemühender Berichterstatter ist der ehrlichere Weg. 1,5 mehr Klangprozente für X im Vergleich zu Y sind doch genauso lächerlich wie einige Voodoo-Auswüchse der High-End-Szene und die Diskussion um die zweite Klirr-Stelle hinter dem Komma.
Was die Verstärker betrifft, so ziehe ich persönlich die Röhrentechnik vor. Aber lassen wir die Kirche im Dorf: Röhrenverstärker zu mögen, ist keine Religion, sondern eine mehr oder weniger fundierte Meinung. Genau so, wie des Einen Lieblingsfarbe Blau und die des Anderen Grün ist. Meine Lieblingsfarben sind Eintakter, bestückt mit Trioden wie etwa 300B, AD1, RE604, 45 oder VT52. Was ich an solchen Verstärkern mag, ist nicht nur ihre Röhrentechnik, sondern auch ihre klangliche Vielfalt, deren unterschiedlicher »Geschmack« an gute Weine erinnert. Wer einen im althergebrachten Sinne »perfekten« Verstärker sucht, landet womöglich bei einer meßtechnisch unangreifbaren Black Box voller Chips. Und stellt dann oft genug fest, daß ihm – technisch, klanglich und optisch – sterbenslangweilig ist …
Zur Ihrer Arbeit bei der »Image-HiFi«: gibt es redaktionsinterne Wettbewerbe (z.B., welcher Verstärker feiner auflöst oder den tiefsten Bass erzeugt)?
Kraft: Nein, so etwas gibt es nicht. Wir müssen Gott sei Dank weder Prozente noch Punkte verteilen. Image HiFi verfolgt das Konzept eines Autorenmagazins. Damit existiert weder eine Art von »Redaktionsmeinung« noch ein einbetoniertes Kriteriengerüst. Den teils völlig unterschiedlich ausgerichteten Produkten des High-End-Marktes wird man so – wie wir glauben – am ehesten gerecht. Wer »ingenieursmäßig« Punkte in Tabellen abhakt, bei dem schneidet ein Cabriolet schlecht ab, denn ihm fehlt ja das Dach. Durch dieses simple Beispiel ist klar, wo der Schwachpunkt ausstattungsorientierter Testerei alter Machart liegt. Aber natürlich kommunizieren die Image-HiFi-Autoren miteinander, oft werden die Geräte auch untereinander ausgetauscht, um weitere Meinungen einzuholen. Über feine Qualität herrscht erfahrungsgemäß Einigkeit.
Wie definieren Sie selber HiFi und wie High-End?
Kraft: Keinesfalls über den Preis. Für mich bedeutete High End immer, besondere Ansprüche an die Wiedergabequalität und an die Bauweise der daran beteiligten Komponenten zu haben. Nichts von der Stange, sozusagen. Das kann bis hin zum höchst Anspruchsvollen, gerade noch technisch Machbaren gehen, beeinhaltet für mich aber auch den qualitativ höher angesiedelten Selbstbaubereich, ganz gleich, ob es sich um Eigenkonstruktionen oder um Bausätze handelt. Es gibt auch für 300 Euro schon ganz außergewöhnliche Gerätschaften! Man würde sich aber in die Tasche lügen, wäre da ausschließlich das Argument höchstwertiger Musikwiedergabe. High End war und ist immer auch die Faszination der Technik selbst, die Befriedigung des Spiel- und Basteltriebs sowie – mittlerweile – womöglich sogar die Pflege eines Retro-Style-Hobbys, bei dem es gegen alle Trends noch um Röhren und Vinyl geht.
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