In der Vorbereitungsphase zu diesem Interview bemerkten Sie meine »etwas kritische
Haltung« gegenüber diverse High-End Produkte. Glauben Sie nicht, dass die Röhrentechnik (so schön sie auch sein mag) teilweise zu sehr mystifiziert wird?
Kraft: Ich bekenne augenzwinkernd, ein echter Röhrenfreak zu sein. Und der glaubt felsenfest, daß Röhren besser klingen können als Sand. Aber natürlich werden Röhren schon mystifiziert, zumindest, wenn es um ihre Nutzung in High-End-Verstärkern geht. Aber ist daran etwas Schlimmes? Wie würde unser Leben aussehen, wenn alles, was uns umgäbe, nur dem reinen Zweck dienlich wäre? Oder nur dem Diktat der Kosten unterworfen? Warum baut der Mensch mit großem Aufwand ein Gerät, welches sich von anderer Warte aus betrachtet in ein fingernagelgroßes Siliziumplättchen gießen ließe? Warum werfen wir das Vorderrad begeistert in die Paßkurven, anstatt die Umgehungsautobahn zu fahren? Ein handfester Grund für das Comeback der Röhren ist doch sonnenklar: Viele moderne Gerätschaften sind einfach furchtbar ungeil. Und sie bieten ihrem Besitzer keine Möglichkeit mehr, selber irgendwie Hand anzulegen. Damit werden menschliche Grundbedürfnisse nicht mehr erfüllt, nämlich der Spiel- und Kreativitätstrieb plus das Bedürfnis, gut unterhalten zu werden. Wie erklären wir uns das offenkundige Faszinosum Computer? Weil alles so perfekt funktioniert? Nein – weil es verdammte Mistdinger sind. Aber immerhin solche, die man sich zurechtschneidern kann!
Vor Jahren brachte ich auf meiner Homepage eine satirische Kolumne über Herrn Ennemosers C37-Lack. Als ich später hörte, dass Herr Ennemoser dies sehr humorvoll aufnahm und meine Seite ebenfalls verlinkte, war ich doch sehr erstaunt. Seitdem steht Herr Ennemoser bei mir (als Mensch) ganz hoch im Kurs. Haben Sie nicht auch manchmal das Gefühl, dass viele High-End Firmen auf Kritik viel zu dünnhäutig reagieren und einer fachlichen Diskussion lieber ausweichen und stattdessen auf Lobhuddelei setzen?
Kraft: Im Gegensatz zu Industrieware steht hinter vielen High-End-Produkten ein kleineres oder gar ganz kleines Unternehmen. Und damit bisweilen sogar noch Handarbeit, furchtbar viel persönlicher Einsatz und ein Höchstmaß an Kreativität. Kurz: echtes Herzblut. Daß die Erfinder da manchmal empfindlicher sind, sollten wir ihnen nachsehen. Nichtsdestotrotz haben sich die Dinge auch hier verändert. Wer dauerhaft im Geschäft bleiben will, muß sich in jeder Hinsicht professionell verhalten und natürlich professionelle Produkte zur Diskussion stellen.
Angesichts der Preise und des Anspruchs gibt es zwar Toleranz für Ungewöhnliches, nicht jedoch Freiraum für völlig schräge Bastelarbeiten, sicherheitstechnische Mängel oder gar handfeste Unseriosität. Daß auch mal Künstlerhonorare fällig sind, daß eine Voodooecke existiert, daß integrierte Schaltungen und Röhren koexistieren, daß Hornlautsprecher mit digitalen Frequenzweichen laufen oder 50-Kilo-Netzfilter zum Einsatz kommen, macht die Szene nur interessanter, farbiger und spannender. Lebhafte Auseinandersetzungen über alle Themen sind ausdrücklich erwünscht!
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