Ihre Frau spielt in der Blues Company den Bass und singt auch. Wie verträgt sich das im normalen Leben, also ausserhalb der Bühne? Oder ist sie es, die ein noch grösserer »Röhrennarr« ist?
zur Linde: Nicht nur, dass meine Frau Bass spielt, unsere Tochter ist auch unsere singende Frontfrau! (Wir sind nicht die Kelly Family!) Was kann man sich – neben einigen anderen Dingen, die hier im Verborgenen bleiben – schöneres vorstellen, als gemeinsam Musik zu machen? Die Kenntnisse meiner Frau in Hinblick auf Röhren beschränken sich auf die Einsicht, dass diese eine gewisse Ähnlichkeit mit Glühbirnen besitzen.
Abgesehen von den Kosten: würde es sich lohnen, einen Gitarrenverstärker selber zu bauen?
zur Linde: Etwas selbst zu bauen, macht immer Spaß, da mit Stolz verbunden; davon leben ganze Heimwerkerketten. Allerdings darf man seine (klanglichen) Erwartungen nicht so hoch hängen. Legendäre Fender-, Marshall- oder VOX-sounds bekommt man auch bei sorgfältigstem 1:1-Nachbau nicht hin.
Blindtests sind immer gefährlich. Kann es doch passieren, dass das gesamte technische Weltbild ins Wanken gerät. Ist Ihr Weltbild dabei schon einmal ins Wanken geraten?
zur Linde: Nein.
Wie schätzen Sie den derzeitigen Markt und das Käuferverhalten bezüglich HiFi und »Geiz-ist-Geil« ein? Wo liegen Ihrer Meinung nach die Chancen für kleinere Hersteller von HiFi- und Gitarrenverstärkern?
zur Linde: Im Zuge der Globalisierung tendieren die wohl – so bedauerlich man das im Einzelfall finden mag – gegen Null.
Musik, HiFi und Gitarrenverstärker: etwas, was nur scheinbar nicht zusammenpasst. Viele alte Rock- und Bluesstücke aus den 50'ziger bis 70'ziger wollen von CD nicht so recht klingen. Besonders schlimm wird es, wenn diese remastert wurden. Erst das vollständige Retro-Equipment (Dual-Plattenspieler, Röhrenverstärker) lässt die Stimmung von einst ins heimische Wohnzimmer übertragen. Wie zaubern Sie die Stimmung der 60'ziger und 70'ziger in Ihr Wohnzimmer?
zur Linde: Es ist ein Trugschluss zu glauben, man könne die Stimmung einer vergangenen Epoche mit Hilfe eines Plattenspielers im modernen Wohnzimmer reproduzieren. Wozu denn auch? Dann müsste ich mir mindestens die Haare wieder lang wachsen lassen und ein Che Guevara-Plakat an die Wand pinnen. Der 10-Plattenwechsler und das Röhrenradio, mit denen ich damals verzweifelt versucht habe, das Gitarrenriff von »House of the Rising Sun« herauszufuddeln (und grandios gescheitert bin), existieren auch schon lange nicht mehr. Warum wohl kommt niemand auf die Idee, seine HiFi-Anlage bei Ebay einzustellen, Edisons Tonwalzen auf einem Phonographen abzuspielen um in dem verzückenden Gedanken zu versinken, gerade den Sound des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu erleben?
Bei Rock- und Blues begeisterte Eltern wird der eigene Nachwuchs mehr oder weniger zwangsläufig mit dieser Musikrichtung gross. Was steht bei Ihrem Nachwuchs derzeit hoch im Kurs? Musikalische Rebellion, so wie bei uns damals?
zur Linde: Rebellion nicht, gegen was soll der heutige Nachwuchs denn auch schon rebellieren? Eltern sind heute zahm, keine Eichen mehr, an der die Sau sich wetzen kann. Beruhigend und tröstlich zugleich empfinde ich, dass beide Kinder nach einer mehr oder weniger langen Durchlaufzeit zu der Einsicht kommen, dass HipHop von der Wiederholung und einer gewissen Monotonie lebt. Das schlägt sich darin nieder, dass unsere Tochter eine begeisterte Bluessängerin geworden ist, unser (16 jähriger) Sohn gerade Steppenwolfs »Born to be Wild« als »ultrakrasse« Musik entdeckt hat.
Herr zur Linde, ich danke Ihnen für das dieses Interview.
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