Um es einmal sofort klar zu stellen: »richtiges« HiFi oder deren Spielart HighEnd, gibt es nicht. Wer bitteschön hat denn je definiert, was HiFi ist? Die DIN? Nein, hier spricht man lediglich von Mindestanforderungen, die ein Verstärker für HiFi (egal ob mit Röhre oder Transistor) erfüllen muss, um als HiFi durchzugehen. Was also ist HiFi?
Ehrlich gesagt, ich weiss es nicht. Ich weiss aber, was es nicht ist: zum einen sind es nicht die wummernde Bässe die bei Schwangeren zu einer Fehlgeburt führen und/oder Höhen, welches eine Cerumen-Ausspülung beim HNO-Arzt überflüssig macht. Es ist auch nicht die absolute Darbietungstransparenz die sich dadurch äussert, dass dem Musiksignal jedliche Tieftöne beraubt wurden.
Hören …
Auf diversen HighEnd-Leistungsschauen erlebt man häufig, wie die Zuhörerschaft so angestrengt der Darbietung des Meisters (wahlweise Verkausrepräsentant oder Hersteller) lauscht, dass man allein nur vom hinsehen Muskelverkrampfungen bekommt. Da wird im Geiste analysiert und verglichen, um dann anschliessend zu kommentieren (klingt gut, klingt zu spitz, klingt ausgewogen und überhaupt: viel Kling um den Klang).
Habe ich da etwas verpasst? Ich denke, HiFi soll gar keinen Eigenklang aufweisen?! Wie kann man denn da über Klang reden? Egal wo und wie: Verstärker (mit Röhre oder Transistor) und Lautsprecher müssten sich demnach überall gleichgut anhören. Das dem nicht so ist, kann jeder, aus eigener Erfahrung, selber sagen. Und wehe, bei einem vorzuführenden Verstärker finden sich, gut sichtbar, Klangsteller, um damit räumlich-akustische Unzulänglichkeiten etwas auszugleichen…
… produzieren …
Wer als Stammgast dieser HighEnd-Vorführungen Live-Konzerte besucht, wird sich keine fünf Minuten nach Konzertbeginn darüber beschweren, dass die Hochtöner wohl defekt sein müssen oder aber zumindest vollkommen falsch positioniert sind. Und, je nach Art des Konzerts, ist da natürlich viel zu viel Bass. Unerträglich.
Deshalb findet man diesen erlauchten Zuhörerkreis auch nicht bei einem Konzert einer Rythm'n'Blues Band sondern eher bei Peter Brötzmann oder bei einem Unplugged-Konzert für Cembalo (Synthesizer des Barocks), Oboe und a capella Kastratengeträller. Zumindest bei letzterem Event fehlen Lautsprecher völlig und damit auch Klangverfälschendes. Klangverfälschung findet aber spätestens dann statt, wenn das Mainstream aus der Belle Epoche konserviert werden soll. Die Palette reicht von künstlichem Hall oder Schallabsorber, Dynamikexpander, Mikrofonpositionierung bis hin zum wohldosierten nachwürzen am Klangsteller des Mischpults. Schlussendlich spielt es noch eine Rolle, ob der Tontechniker Zahnschmerzen hat oder am Vorabend neckische Spielchen mit seiner Lebensgefährtin spielte.
… und reproduzieren
Das, was schliesslich das Wiedergabegerät aus der Musikkonserve macht, steht auch wieder auf einem anderen Blatt. Das geht mit der analogen Schallplatte genauso gut wie mit einem modernen CD-Player. Bei den Schallplatten-Spielern gibt es zur Klangbeeinflussung enge Grenzen, bei der Digitaltechnik jedoch, kann man so einiges mehr machen, was eigentlich »verboten« ist… Wenn da die HighEnd-idianer wüssten, wie sehr doch der Klang beeinflusst wird, noch ehe er verstärkt wurde. Ich glaube, sie wollen es gar nicht wissen. Nicht wirklich.
Und die Lautsprecher erst. Da wird an der Frequenzweiche und der Holzkonstruktion solange herumgetüftelt, bis es theoretisch passt. Wer nicht tüfteln, sprich basteln bzw. schreinern kann, muss zwangsläufig das nehmen, was da ist. Wie der selbstgebaute Schallwandler letztendlich klingt (da isses wieder, das Un-Wort), steht auf einem anderen Blatt und ist nicht so einfach vorherseh- oder gar berechenbar. Zumindest nicht für den Laien. Nur selten wird der selbstgebaute Lautsprecher einer wirklichen »Qualitätskontrolle« unterworfen (da haben es die Selbstbauer von Röhrenverstärker etwas besser: Multimeter, Oszilloskop, Signalgenerator sowie eine Handvoll einfacher mathematischer Formeln reichen (wenn man damit umgehen kann).
Von der Einrichtung des zur Kathedrale erhobenen HighEnd- Wohnraums (dicke Polstersitzmöbel, dicke Teppiche an den Wänden und am Boden, dicke Vorhänge) in dem die Lautsprecher achtlos hineingestellt werden, gar nicht zu reden. Wen wundert denn da ein überbetonter Bass? Da macht natürlich die Klangschale zur Betonung des Obertonspektrums Sinn. Andererseits - ein minimalstisches Interieuer steigert auch nicht unbedingt das Wohnraum-Behagen.
Was nützen also die, nach strengsten High-End Spezifikationen, gekauften Verstärker, Lautsprecher, Kabel, CD-Player, Schalltplattenspieler, Röhrenverstärker-Bausätze (etc. etc.), wenn die Raumakustik oder gar der eigene Tinitus alles wieder zunichte macht? Von einem Röhrenverstärker zur fordern, dass er nur das Signal zu verstärken hat, ohne Klirr und ohne nenneswerte Beeinflussung des Obertonspektrums ist daher auch so sinnvoll wie Klangschalen und armdicke Lautsprecherkabel.
Nur wenige Hersteller, besonders Lautsprecher-Hersteller, sind so ehrlich und mahnen immer wieder die Raumakustik an. Und nur wenige High-End Anbieter, besonders Verstärker- und Röhrenverstärker-Hersteller, bieten die Möglichkeit, mit einem Klangsteller der Raumakustik etwas auf die Sprünge zu helfen. Man muss nur ehrlich genug sein. Wer das nicht vertragen kann, soll sich eben weiter verblöden lassen. Ein standardisiertes HiFi gibt es nicht.
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