Aus dem Buch HighEnd-Röhrenschaltungen - Single-Ended mit 845, Röhrenverstärker-Selbstbau: Aufwärmen, Hören und Geniessen (6)
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18.05.2012. - 02:33

Single-Ended mit 845


Röhrenverstärker-Selbstbau: Aufwärmen, Hören und Geniessen (6)

23.11.2008


Ready

Nach nunmehr insgesamt sechswöchiger Bauzeit und Probierphase (Pleiten und Pannen sowie mehrfacher Neuaufbau nicht mit eingerechnet) ist dieser Röhrenverstärker eigentlich fertig. Eigentlich deshalb, weil Röhrenverstärker bei mir nie fertig werden und es immer was zu tun gibt.

Ein paar Versuche aus der »theoretischen Praxis« (Messorgie mit Signalgenerator, Klirrfaktormessbrücke und Oszilloskop) lassen das Beste vermuten: das Subcontra-C (16Hz) wird verzerrungsfrei ebenso locker zum Dummy-Load geschickt, wie Töne im oberen Frequenzbereich. Im Bereich von 20Hz bis 20kHz ist die Übertragungskurve keine Kurve sondern gleicht einer Linie an dem man ein Lineal anlegen könnte. Nenneswerte, geschweige gar hörbare und damit gravierende Ausreisser, gibt es kaum. Wem 0,2 bis 0,4dB nicht behagen, soll auf Halbleiter umsteigen. Im unteren Leistungsbereich zeigt sich ein schöner, röhrentypischer, Klirr (Obertöne) mit gesundem k2 und k3 Verhältnis. So sollte es sein. Soweit so gut.

Mit dem Netzschalter des Röhrenverstärkers hat man was an der Hand: Ein- und Ausschalten äussern sich vernehmlich durch ein sattes Klack. Nicht Klick, wie man es von billigen Verstärker kennt - so ein Spielzeug-Netzschalter würde hier nicht lange überleben: trotz der NTC's, die den Einschaltstrom etwas begrenzen, sind es 300W die da zum Leben erweckt werden.

Röhrenverstärker mit 845 Röhren

Was sofort auffällt ist die scheinbare unbändige Kraft, die in diesem Röhrenverstärker stecken (das ist in etwa so, als wenn man einen leistungsschwachen 300B Single-Ended direkt mit einem 30 Watter Push Pull vergleicht). Die Leistung, die die beiden 845 liefern, ist deutlich zu hören. Nicht zu reden von der Schnelligkeit: in geradezu beängstigender Weise folgt der Verstärker extreme Dynamikspitzen und platziert auch tiefste Bässe punktgenau. Die Kesselpauke paukt und plöppt nicht. Eine Triangel klingt wie eine Triangel. Und selbst die Snare-Drum klingt so schnarrig, wie nur eine Snare-Drum klingen kann. Und selbst bei gefühlten 1000 Watt verlor dieser Röhrenverstärker bei den japanischen Kodo-Trommlern nie die Contenance: jeder Schlag auf die doppelt mannshohe Trommeln sassen Millimetergenau 6cm unterhalb des Bauchnabels und massierten das Chi. Etwaiger Staub, der sich aufgrund von Nichtbeschäftigung, auf den Bass-Lautsprechermembranen festgesetzt haben könnte, wird da einfach weggeblasen.

Dazu kommt noch die typische Klangfarbe der 845'er selber: obwohl der Frequenzverlauf sehr linear verläuft, ist der Klang dennoch als 845-typisch zu bezeichnen. Im direkten Vergleich (obwohl unfair)- EL156 vs. 845 - klang der EL156-Eintakter doch etwas gemächlicher. Keine Frage, auch beim EL156'er geht es zur Sache, doch richtig Schmackes bekommen die Nubert-Lautsprecher von den 845-Röhren.

Hier muss ich kurz erklären, was für mich Röhrentypisch ist oder besser, was es nicht ist. Vielfach liest man in machen Broschüren von einem schönen warmen und typischen Röhrenklang. Auweia. Aus Erfahrung kann ich nur sagen, dass so etwas nur für Dynamikbegrenzende Barkhausen-Groupies taugt aber nicht für aufgeklärtes, lebendiges High-End. Wenn Sie also unbedingt Seppuku begehen wollen, bitte. Ich kann mir schöneres vorstellen. Schnell gezupfte Bassläufe haben sich als solche anzuhören und nicht wie Ekstase auf dem Totenbett. Ein gut abgestimmter Röhrenverstärker klingt zudem nicht warm - er ist warm. Und den typischen Röhrenklang gibt es bei guten Röhrenverstärkern sowieso nicht.

Zurück zu meinem Eintakter. Nach meinen ersten Eindrücken klang es doch etwas zu »analytisch« mit etwas zuviel Höhen: das HiHat und die Becken traten zu sehr in den Vordergrund, viel zu deutlich das Tambourin und selbst die Blechbläser klangen mir persönlich zu blechern. Wie gesagt, dass ist meine Auffassung. Nicht wenige Ohren beurteilten den Verstärker schlichtweg als saugut und waren überrascht, was da zu Tage kam.

Nachbesserung war also angesagt. Ich wusste, was der Verstärker zu leisten vermag - aber ein kleines bisschen Erziehung an gegebene Verhältnisse erfordert Geduld und Zeit. Der einzigste Punkt, wo man jetzt noch eingreifen konnte (feinfühlige Masseverdrahtung, unterdrücken der Schwingneigung, verringerung von Siebkapazitäten - all das ist ja bereits passiert), war die Gegenkopplung. Einerseits will ich die Becken klar und deutlich hören, andererseits dürfen diese nicht im Vordergrund treten. Versuch macht klug mit Apokalytikas Farewell oder der Filmmusik The Fountain: beide Signalquellen sind extrem Cello-lastig, liefern einen kräftigen Bums und geben auch dem Hoch-Mitteltöner reichlich zu tun. Wenn es bei diesen Stücken passt, stehen die Chancen gut, dass es überall passt.

Nach langem hin und her wurde ein Gegenkopplungsgrad gewählt, der sich nahe am Originalwert orientiert. Einerseits, um dem Verstärker gar keinen Anlass zur Schwingung zu geben, andererseits, um den Kondensator im Gegenkopplungszweig (frequenzabhängig) zu vermeiden. Mit dieser Gegenkopplung manifestiert sich auch die Erkenntnis, dass man es hier bei direkt geheizten Röhren nicht so wild treiben darf/kann wie bei indirekt geheizten Röhren, sprich: man muss hier die Über-alles-Gegenkopplung wie ein rohes Ei behandeln. Im Gegensatz zu meinen früheren Geräten, wo die Gegenkopplung »gerade mal so eben« noch wirkt, muss bei 845 und Consorten »mehr Wirkung« rein.

Fertig. Jetzt werden die schwarzen Scheiben aufgelegt und gehört, was man früher nicht gehört hat. Von Pink Floyd bis hin zu Genesis. Dazwischen darf die Wechsel-/Gleichstrom Inkarnation von AC/DC zeigen, was sie nicht verlernt haben. Auch Hardrocker haben schliesslich ein Herz was berührt werden will. Bob Seger oder Jackson Browne tun es allerdings auch. Und wie! Überraschungen und Gänsehaut ist garantiert.

Hatte ich übrigens schon erwähnt, dass dieser Single-Ended einen derart kräftigen Bums liefern kann, das so mache Billig Push-Pulls neidisch werden? Wenn nicht, dann wissen Sie es jetzt.



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Letzte Aktualisierung am 23.11.2008 - 11:56
 
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