Der Roederstein-Koppelkondensator ist mit 470 Nanofarad auch etwas zu »wuchtig« (erwähnte ich, dass mit Farad nicht gegeizt wurde?) und zudem auch nicht mehr im Vollbesitz seines Kapazitätsvermögens. Knapp die Hälfte täte es hier zudem auch - aber locker. Ein 220nF MCap Supreme von Mundorf ist nun der würdige Nachfolger. Derart aufgehübscht geht's ans testen.
Wirklich, die Messungen und das Oszilloskopbild von Sinus und Rechteck sind wie aus dem Lehrbuch. Wenn man nicht wüsste, dass es sich um einen Röhrenverstärker handelt, könnte man einen Halbleiter dahinter vermuten. Klanglich? Nun - sagen wir mal so - gewöhnungsbedürftig. Zwar besser, als beim ersten Mal - aber so richtig tut es das nicht. Mau. Mehr wie mau.
Gegenkopplung? Da lässt sich nicht mehr viel reissen. Die Alternative hiesse dann: Keine Gegenkopplung - und das ist auch nicht so das Wahre. Schauen wir uns deshalb noch einmal die Originalschaltung des WE-91A an. Da wird mit erheblich weniger Siebkapazität im Netzteil gearbeitet und auch Roland Kraft (seines Zeichens 300B-Röhrenversteher) stattete seinen WE-91A Nachbau mit wenig Kapazität aus. Sicher, der Verstärker spielt und macht Musik. Aber alles irgendwie so müde. Da hört man selbst an einer 3-Wege (die man eigentlich an einer 300B Single Ended gar nicht anschliessen dürfte). Das ist so, als ob der legendäre Drummer Buddy Rich Lähmungserscheinungen hat. Oder stellen Sie sich Animal (das Tier), aus der Muppets Show mit Valium vollgepumt vor. Sich das vorzustellen, fällt schwer: Drum Battle. Oder, wer es seriöser mag: Phil Collins & Chester Thompson (Genesis: Los Endos).
OK, die Monsterkapazitäten im Versorgungszweig der 300B sind, genauso wie der unselige Tantal-Elko, der Zeit geschuldet, in der die Röhrenverstärker hergestellt wurden. Da war es total modern, monströse Siebkapazitäten (und Tantal) einzusetzen. Ob der Klang so mancher Schallplatten aus dieser Zeit daher rührt? Heute orientiert man sich eher wieder an das Ursprüngliche. Die wussten damals schon, dass Viel nicht viel hilft und ein ausgeklügeltes Schaltungsdesign mehr bringt, als 1000 Mikrofarad im Netzteil. Back to the roots!
Der erste Elko (also der dicke Pott ganz aussen) wird, technisch gesehen, aufs Abstellgleis befördert. Seine Aufgabe übernimmt jetzt ein 10µF-Kondensator aus dem MKP-Lager. Also rund ein Zehntel der ursprünglichen Kapazität! Das gefällt der Gleichrichterröhre auch gleich viel besser. Klanglich bekamen diese Single-Ended damit »den Tiger im Tank«: Ortbarkeit, Durchzeichnung und Dynamik sind nun »auf einmal einfach da«. Dermassen zurückgebaut muss nun doch etwas an der Gegenkopplung herumgedoktert werden, denn, wie der dritte Hörtest bewies, zischelte es leicht und die Höhen waren allgemein einen Tick zu stark vertreten. Eine klitzekleine (wirklich nur klitzeklein) Styroflex-Kapazität bereitet dem ein Ende und sorgt für Ausgewogenheit bei den Höhen und den Tiefen, also ohne das Klangbild wieder komplett ins dunkle Audio-Mittelalter zurück zu teleportieren.
Finale!
Was soll man schreiben? Es klingt einfach. Selbst an 3-Wege Lautsprecher bekommt man eine gute Ahnung dessen, was die 300B an »richtigen« Lautsprechern leisten kann. Richtige Lautsprecher heissen: Alles ab 96dB Wirkungsgrad. Je mehr dB, desto besser. Heisst also: An einer »plumpen« 2- oder 3-Wege Lautsprecher wird man mit solch einem Verstärker nicht glücklich.
Und der Besitzer? Der ist an und für sich begeistert, mokierte aber, dass man nun sehr deutlich schlechte Aufnahmen (von denen es tatsächlich einige geben soll) von guten unterscheiden kann. Den Radiosprecher hört man atmen und überhaupt… »Viel besser«.
So klingt westfälische Begeisterung.
 Aussen L'Audiophile - Innen Western Electric
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