Angesichts der Lötstellen die teilweise so aussehen als wenn ein Sechsjähriger mit einer 100W-Lötpistole und mit Dachdeckerlot herumhantierte, bin ich doch etwas erschrocken. Können »die« nun auch nicht mehr löten? Das bei einigen Lötstellen eine Nachbehandlung angesagt ist, wurde schnell klar. Auch das Entfernen von Lötzinnresten, die sich noch auf der Platine befanden, erschien mir sicherer. Ach ja die Platine: ob der Schmier normal ist, weiss ich nicht. Kann aber auch sein, dass dieser vor Seeluft schützen soll, wenn die Verstärker nach Übersee verschifft werden oder in Rotterdam auf Zoll-Freigabe warten. Was die Lötstellen betrifft: da muss ich Zugeständnisse machen. Auch mir gelingt mit bleifreiem Lot keine Lötstelle aus dem Lehrbuch. Einige Lötstellen jedoch erschienen mir klar mit »normalen« Lötzinn nachgelötet.
Bis auf wenige Ausnahmen finden sich durchgängig 1W und 2W Kohle- oder Drahtwiderstände der allerbilligsten Sorte. Einige verhielten sich zudem äusserst tolerant und bei zwei Widerständen konnte man, auch wenn noch die Hühneraugen zugedrückt wurden, die Toleranzgrenze von 20% nicht anerkennen. Die braunen Koppelkondensatoren erinnerten mich an die alten Wima-Bonbons, von denen der Hersteller mal sagte, dass diese selbst nach einem Bad im kochenden Wasser noch funktionieren (was natürlich nicht stimmte…).
Das notwendige Reverse Engineering brachte Erstaunliches zutage. Wie war das noch mit der Überraschung? Nicht die übliche 08/15- Schaltung wurde verwendet, sondern eine fast originalgetreue Kopie einer Hafler & Kereos Ultra-Linear Schaltung aus dem Jahre 1951: eine sich selbst symmetrierende Vorstufe mit 12AX7 (ECC83) arbeitet auf einen Treiber mit 12AU7 (ECC82), die ihrerseits auf die vier EL34 arbeiten. So etwas bekommt man nicht alle Tage unter die Finger.
Die Schaltung an sich ist nicht schlecht. Es kommt nur darauf an, was man daraus macht. Mit den verwendeten Bauteilen und der Dimensionierung darf man aber nicht allzuviel erwarten. Das geht besser.
Und wenn man schon »Hafler & Kereos« bemüht, warum dann nicht richtig? Beim Reverse Engineering habe ich lange (ergebnislos) nach einigen Widerständen gesucht und mich bestimmt zehnmal versichert, das die eingebauten Widerstandswerte auch wirklich die sind, die ich da messe. Watt ist dat dann?
Inflationär ist auch das Aufkommen von 250V und 400V-Kondensatoren zu bezeichnen. Egal ob Elektrolyt oder Folie. Wenn eine (theoretische) Betriebsspannung von etwa 480V anliegt, dann tut man gut daran, entsprechend spannungsfeste Kondensatorentypen einzusetzen. Der Ausfall lässt sonst nicht lange auf sich warten. Und je nach Laufleistung des Verstärkers ist dies in ein bis zwei Jahren (das die Frist wohl noch kürzer ist, habe ich erst später erfahren). Gerade im Einschaltmoment - da wo die Röhren noch keine Last bilden (können) - kann sich so ein unterdimensionierter Kondensator verherrend auswirken und, vor allem bei den Siebkondensatoren, ihn aus Protest das Elektrolyt gleichmässig ins Chassis verteilen lassen. Ausserdem, ein (Serien-) Widerstand allein ist noch kein Garant für eine zuverlässig verminderte Spannung.
Aber so sind »sie« eben und verbauen Bauteile die garantiert billig sind und den minimalsten Anforderungen gerade mal eben so erfüllen. Und so kalkulieren »sie« auch, nach bestem Wissen und Gewissen(?), einen übliche 10%-tigen Aufschlag der Spannungs- festigkeit, mit ein. Aus einem 400V-Elko wird so ein 440V-Elko. Voila. Wenns im Ein- schaltmoment nicht knallt (430V), dann passt das schon.
Aber da ist noch etwas.
|