»Och ist der süüüüsss «, raunte meine Frau mir erstaunt zu, als der Sino-Röhrenverstärker von Raphalite ausgepackt wurde und sich zum ersten Testhören in die bestehende Anlage einreihte. Ja, süss ist er. Und relativ leicht - was aber den zierlichen Übertragern geschuldet ist. Ich bin halt etwas wuchtigeres gewohnt. Aber, aus der Äusserung meiner Frau kann man entnehmen, dass der Verstärker ein recht hohes WAF besitzt, was ja bisweilen nicht zu unterschätzen ist.
Auf den ersten Blick macht der chinesische Röhrenverstärker Sino VT also einen guten Eindruck. Na dann mal los. Hören wir mal, ob sich der akustische Eindruck dem visuellen angleicht. Tut er. Der erste klangliche Eindruck bestätigt die Optik: Insgesamt nicht schlecht - da kann man mit leben. Na gut, an der Dynamik hapert es und die Höhenlastigkeit nervt ungemein. Frank Fischer klingt unten herum zu dünn und sorgt oben herum für Aua im Ohr. Frequenztechnisch gesehen. Das ganze wird ziemlich behäbig präsentiert und man muss das Poti des Gegentakters schon gewaltig aufdrehen, damit die Lautsprechermembrane überhaupt in Wallung kommen.
Nur - zu sehr darf man das Poti auch nicht aufdrehen, denn dann fängt es an, vernehmlich zu brummen. Oha! Dreht man dann etwas weiter, verschwindet der Brumm. Nochmals Oha! Derlei Fehler (ein »Geburtsfehler«) ist mir gänzlich unbekannt und sorgt auch in den tiefen des Internet für Ratlosigkeit. Gut, Hörtest schnell beenden und ebenso schnell wieder einen normale Verstärker angeschlossen, damit sich das Ohr nicht zu sehr an die Höhenlastigkeit gewöhnt. Was gibts denn weiter?
Mithilfe des schnucklig kleinen, hintergrundbeleuchtenden, Amperemeters welches sich auf der Chassisoberseite befindet, lässt sich ganz bequem der Ruhestrom der vier 6L6GC einstellen. Hierfür besitzt jede Endröhre einen eigenen Drucktaster und Poti. Einfach den entsprechen Taster drücken, schon schaltet sich das Messgerät in den Stromkreislauf der entsprechenden 6L6GC. Schnell und vor allem komfortabel lässt sich nun am Poti der Ruhestrom einstellen. Neben 6L6GC ist der Verstärker mit einer Tesla E88CC und zwei ECC85 für die Phasenumkehr, bestückt. Ungewöhnlich, zumal die ECC85 ja auch nicht gerade zu den Schüttgut-Röhren gehört.
Ein Blick in die elektronischen Eingeweiden bestätigt die schlichte aber funktionelle Optik. Alles sehr sauber verdrahtet und - wie gesagt: Auf den ersten Blick - vernünftig dimensionierte Bauteile, wenn man einmal von den zierlichen Übertragern absieht. Sogar das blaue Alps-Poti ist eingebaut und es findet sich sogar ein Glimmerkondensator. Das die Vorstufenröhren gleichspannungsbeheizt und mit einem fest definierten Uf/k arbeiten, ist genauso ungewöhnlich, wie die Verwendung eines sauber verdrahteten Eyelet-Boards. Na bitte, geht doch. Besser kann man eine Freiverdrahtung nicht präsentieren. Applaus!
Dann bemühen wir einmal die Website des Herstellers. Richtig gelesen! Keine dubiose Lötfabrik die Verstärker unter den verschiedensten Namen auf den Markt wirft, sondern etwas eigenständiges präsentiert. OK, hier gibt der Hersteller an, dass der Verstärker, so round about, 20 Watt pro Kanal liefern kann. Der fast baugleiche EL34-Gegentakter wartet jedoch mit 30 Watt auf. Keine Frage - da stimmt etwas nicht. Auch den Frequenzgang halte ich, angesichts der mickrigen Übertrager, doch für arg geschönt. Also so ganz… Schauen wir aber mal weiter…
Nicht nur Fertiggeräte werden angeboten, sondern auch Bausätze. Die jedoch weisen eine geringfügig andere Röhrenbestückung auf. Aus der 6L6GC wird die russische 6P3P, aus E88CC wird 5670 und aus der ECC85 wird das russche Äquivalent 6N1. Auch im Schaltplan finden sich kleine Änderungen. Die haben es aber in sich! Quasi als Vorab-Resumee: Der Gegentakter von Raphalite lohnt sich durchaus, wenn man entsprechend optimiert und dem Hersteller sei geraten, sich bei den Fertiggeräten einmal an den Bausätzen zu orientieren.
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