Doch was ist SRPP überhaupt? SRPP steht für Shunt Regulated Push Pull. Der Begriff Shunt ist aus der Messtechnik bekannt und beschreibt einen hochbelastbaren, oft niederohmigen, ohmschen Widerstand. In einer SRPP-Schaltung wird aber der Shunt nicht durch einen ohmschen Widerstand gebildet, sondern durch eine, als eine Art »Pseudo-Konstantstromquelle«, geschaltete Röhre. Diese ist aber alles andere als niederohmig und bildet den Ra der unteren Röhre.
Die obere Röhre arbeitet durch die Beschaltung ihres Gitters immer gegenläufig zu der unteren Röhre, was den durch beide Systeme hindurchfließenden Gesamtstrom konstant hält (halten sollte - daher auch der Begriff »Pseudo-Konstantstromquelle«). Auf diese Weise soll also die untere Röhre optimale Arbeitsbedingungen erhalten. Oder anders gesagt: in Abhängigkeit zur An- bzw. Aussteuerung der eigentlichen NF-Röhre werden (sollen) immer gleichbleibende Arbeitsbedingungen »geliefert«. So weit die Theorie.
Ein Fehler ist es, die beiden Röhrensysteme isoliert zu betrachten und erklären zu wollen. Denn dann landet man unwillkürlich zu Schaltungsprinzipien, die nichts mehr mit SRPP zu tun haben. Mein (damaliger) Versuch einer Beschreibung führte daher oft zu Irretationen und lebhaften Diskussionen.
Wenn man sich nun trotz oder gerade wegen der warnenden Worte an einen SRPP-Vorverstärker wagt (gemeint ist die häufig nachgebaute Grundschaltung, s.o.), sollte beachtet werden, dass eine nachzubauende SRPP-Schaltung selten auf Anhieb so funktioniert, wie man es sich vorgestellt hat. Für Optimierungsversuche sollte man über ein gutes Widerstandssortiment der E96-Klasse verfügen und viel Zeit und Geduld haben. Ein exaktes, lineares Stereopoti in 2W wäre hierfür am besten geeignet (gibt es aber nicht), um die beiden Widerstände im Kathodenkreis des jeweiligen Röhrensystems exakt abzugleichen (diese Widerstände sollten gleichgross sein).
Ist man nun nach dreimonatiger Optimierungsphase halbwegs zufrieden mit seiner SRPP, dann kann es schon kurz darauf passieren, dass man ein leises, aber störendes pfeifen aus den Lautsprechern vernimmt. Je nachdem wie gut die verwendete Röhre (meist ist es ja eine ECC82) war/ist. Bevor man nun sehr viel Zeit aufbringt, das Pfeifen zu beseitigen (was ich zuerst auch getan habe), tut man gut daran, einfach eine neue Röhre einzusetzen. Das allerdings zieht wieder etwas Optimierungsarbeit nach sich. Ein Teufelskreis. Das Thema »ewige HiFi-Baustelle« gewinnt eine ganz neue Bedeutung.
Das Pfeifen wird ja von vielen konsequent geleugnet und oftmals wird dagegen gehalten, das »…in meiner Endstufe auch eine SRPP arbeitet - ohne Pfeifen…« Da ich es leid bin, jedesmal darauf hinzuweisen: wir reden hier von einem Vorverstärker. Oder sind die einleitenden und nachfolgenden Texte nicht deutlich genug?
Das Problem des Pfeifens ist, dass die beiden Röhrensysteme unterschiedlich belastet werden. Das obere Röhrensystem unterliegt dabei einer wesentlich stärkeren Belastung, als das untere System. Wenn man SRPP sinnvoll als Vorverstärker einsetzen möchte, dann sollte die Gitterbasis-Schaltung (also die obere Röhre) durch eine eigenständige Röhre gebildet werden. Diese (und nur diese) wird auf ein festes Heizspannungspotenzial gelegt. Siehe auch: Ufk ohne Ballast.
Aber auch ein fixierter Ufk ist kein Allheilmittel, denn man hat hier in der Praxis mit einer thermischen Drift zu kämpfen, die das betreffende Röhrensystem natürlich auszugleichen versucht. Mit allerlei Getrickse bzw. zusätzlichen Bauelementen kann man die Drift zwar einigermassen im Griff bekommen aber auch damit ist irgendwann Schluss mit »Konstant-Stromquelle«.
Betrachtet man sich aber einmal die Schaltpläne von industriell gefertigten Röhrenvorverstärkern, so erkennt man, das mit zusätzlichen Arbeitswiderständen versucht wird, das obere Röhrensystem zu entlasten. Verschiedene Diskussionsmodelle u.a. auf »Tube Cad Journal« beschäftigen sich ebenfalls mit dieser Problematik. Das Problem einer instabilen Röhren-Stufe versucht man auch damit zu umgehen, dass dieses Röhrensystem durch verschleissfreie Halbleiter-Elektronik ersetzt wird (sog. Improved-SRPP) und damit wesentlich stabilere (vor allem auch niederohmigere) Voraussetzungen für die eigentliche Verstärkerröhre schafft.
Abgesehen davon: es scheint nur in Deutschland üblich zu sein, eine SRPP-Grundschaltung als Vorverstärker einsetzen zu wollen. Als Treiber für eine 211, 2A3, EL156, KT88, 6550 oder 300B findet man solche Schaltungsmodelle zuhauf und funktionieren hier problemlos. Keine Probleme macht auch eine zweistufige Phono-SRPP. Fragt mich nicht warum - ich weiss es nicht. Also, um es nochmals deutlich zu sagen: das Pfeifen tritt in Line-Vorverstärkern auf - wenn man eine ungeeignete Röhre einsetzt!
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