(Not only) For Beginners: KoppelKondensatoren (2)

Bypassen von Koppelkondensatoren

Manchmal ist es sinnvoll, einem grossen Koppelkondensator (also kapazitätsmässig »gross«) eine kleinere Kapazität zur Seite zu stellen. Gegen einen sinnvollen Einsatz habe ich nichts, wohl aber, wenn damit dubiose Geschäftemacherei betrieben wird.

Beispiel: Einem 0,22µF (220nF) MKP-Koppelkondensator wird ein 1pF-Styroflexkondensator zur Seite gestellt. Das soll zu einem »transparenteren« Klang führen. Die Argumentation ist, dass der 1pF-Kondensator das obere Frequenzspektrum besser und schneller »abarbeitet«.

Kurz und gut: Das wird gar nichts bringen! Nix, Nada, Niente, Nothing oder vornehm: c’est pas la peine!

Auch dann nicht, wenn das Dielektrikum aus dem Plasma eines Himalaya-Kugelbitz besteht. Nein, auch nicht messtechnisch! Der 0,22µF-MKP wird auch nicht »schneller«. Der MKP ist eh schon schnell…

Diese 1pF liegen nämlich sehr, sehr, weit innerhalb des Toleranzbereichs des »Hauptkondensators« (meist 5%). Verschiedene Dielektrika können wirken, ja, aber nicht so, wie man es erklärt. Man begeht hier nämlich den »Fehler«, die einzelnen Kondensatoren isoliert zu betrachten und das kommt in der Praxis ja überhaupt nicht vor, denn beide Kondensatoren sind ja immer parallel geschaltet, oder? Die Gesamtkapazität ist gleich der Summe der Einzelkapazitäten.

C_{ges} = C_{1} + C_{2} ... + C_{n}

Addiert man also diese zwei Kapazitäten einmal, erhält man folgendes Ergebnis:

0,220001 = 0,22 \mu F + 0,000001 \mu F

(Für Nicht-Bastler: 1 Picofarad (pf) entspricht 0,000001 Microfarad (µF))

Das Ergebnis spricht für sich und man kann nun damit herumrechnen so oft und so viel man will. Von mir aus probieren Sie es aus und schauen sich das Ergebnis am Oszilloskop an: c’est pas la peine! Schade um die vertane Zeit. Ein schickes Abendessen mit dem Lebenspartner bringt viel mehr.

Sinnvoll einen Bypass legen

Anders sieht die Geschichte aus, wenn das eintausendfache von 1pF genommen wird, nämlich 1nF. Ob dieses eine Nanofarad aber bei 0,22µF Grundkapazität (gesamt also 0,221µF bzw. 221nF) bei einem guten Kondensator wirklich etwas bringen, hängt vom Einzelfall (!) ab und kann nicht pauschal beurteilt werden.
Update 5.2.2016: Korrektur des Kondensatorwertes 0,221µF. Danke für den Hinweis!

Ab etwa 5nF wirds jedoch richtig interessant. Das ist aber eine Grössenordnung, die es nicht mehr als Styroflex oder Glimmer gibt. Zumindest nicht im bezahlbaren Rahmen.

Den Klanggewinn, den man (vielleicht) wahrnimmt, ist, im Falle von Bypassen von Koppelkondensatoren, eigentlich »nur« ein »stabilerer Signalverlauf«, was man dann auch am Oszilloskopbild nachweisen kann! Ein geschickt gewählter Bypass-Kondensator kann Überschwinger bzw. Nachschwinger (resultierend aus dem Lade- bzw. Entladevorgang) des »dicken« Hauptkondensators wirksam unterdrücken.

Bei bestimmten Schaltungstechniken sind relativ grosse Koppelkapazitäten nahezu »Pflicht«, wenn man sich nicht andere »Problemchen« einhandeln will (Stichwort: Miller-Kapazität). Nehmen wir mal an, eine Röhre will unbedingt 0,47µF »sehen«, damit sie nicht anderweitig herumzickt.

Was spricht dagegen, diese 0,47µF durch zwei parallel geschaltete 0,22µF Kondensatoren zu ersetzen? Nichts. Und selbst die fehlenden 0,03µF machen den Braten nicht fett. Wer mag, kann diese Kondensatoren aus MKP und MKT zusammensetzen. Oder aus Silber-Öl und MKT, oder…

Wann immer möglich setze ich deshalb ab 0,47µF diese aus Einzelkapazitäten zusammen. Wenn möglich alles aus dem »einfachen« MKP-Lager. Manchmal (und das ist allerdings selten) greife ich auch mal zu einem Öl-Kondensator – ganz einfach deshalb – weil ich meine (!) dass es sich besser anhört. Wenn so etwas nicht möglich ist, müssen eben kleine Styroflexkapazitäten ‘ran.

Mit dieser Einstellung fahre ich ganz gut und kann mich vor allem schnell auf die Musik konzentrieren. Irgendwann ist nämlich Schluss mit lustig! Vor lauter Herumrechnerei und Kondensatortausch kommt man nicht mehr zu dem, wozu der Röhrenverstärker eigentlich da sein sollte: Nämlich um Musik zu hören.

Also: Formeln als Anhaltspunkt, den Koppelkondensator (so er sich nicht vermeiden lässt) so klein wie möglich (denken Sie an die Grenzfrequenz) und einen Gitterableitwiderstand weit unterhalb der Maximalangabe. Das ist die Pflicht.

Die Sache mit den Zeitkonstanten ist dann die Kür. Und bei der Kür sollte man auch mal Fünfe gerade sein lassen. Es gibt Wichtigeres.

Musik hören, zum Beispiel… 😉

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frihu

…hört gerne Musik. Über Röhrenverstärker. Musikrichtung egal. Ausser Jazz, Hip-Hop, House, Metal, Trash, Schlager, Volksmusik, Gangsta-Rap (noch schlimmer, wenn in Deutsch gebrüllt). Da krieg' ich ein Hörnchen. Autor der Bücher: Hören mit Röhren, Röhrenschaltungen und High-End Röhrenschaltungen. Artikel in hifi-tunes (Röhrenbuch 2): Bauteileauswahl für Röhrenverstärker und EL509 Single-Ended Röhrenverstärker im Selbstbau

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