JJ’s 828 Röhrenverstärker

Reparatur-chen

Nachdem die Denkfehler korrigiert wurden, finden sich Fehler, die mit der eigentlichen Fehlermeldung aber nichts zu tun haben:

Ein Schirmgitterwiderstand einer KT88 war schlichtweg defekt. Ohne Spannung am Schirmgitter – keine Funktion. Da je zwei KT88 parallel geschaltet wurden, musste die übrig gebliebene KT88 es nun richten. Ein anderer Widerstand war auch schon etwas »blass« um die Nase. Das zu reparieren war allerdings etwas abenteuerlich… Bei einer Endröhre im anderen Kanal liess sich zunächst der Ruhestrom nicht vernünftig einstellen bzw. produzierte abstruse Werte.

jj828-2

Die im Vorfeld kontrollierte negativen Vorspannung für den Ruhestrom der Endröhren machte stutzig: Jede KT88 bekam – bis auf maximal 0,2V Unterschied – die gleiche Höhe an Vorspannung. Theoretisch fährt dann jede KT88 mit dem gleichen Ruhestrom. Praktisch ist das ein Ding der Unmöglichkeit und würde bedeuten, dass die ursprünglichen Röhren 100%-tig identisch waren. Alle acht. Das kommt in etwa genauso oft vor, wie sinkende Benzinpreise zu Beginn der Sommerferien.

Der Verstärker ist – seit dem Kauf – wohl nie richtig abgeglichen worden und/oder man hat sich zu sehr an den (alten) Schaltplanvorgaben orientiert, wonach man am Steuergitter (!) der KT88 eine bestimmte Spannungshöhe zu messen hat.

Die Fehlerchen konnten alle beseitigt werden, keine Frage. Da gab’s schon andere Defekte auf der Werkbank.

Für den richtigen Abgleich allerdings (sowohl statisch als auch dynamisch). sollte man gut gefrühstückt haben. Das »Handling« war wegen des Gewichts ebenfalls abenteuerlich. Und dadurch auch langwierig und nicht »mal eben so« durchzuführen.

Spätestens wenn ein neuer Satz Endröhren fällig ist, ist auch ein Werkstattaufenthalt fällig. Anders als bei dem Canor-Verstärker gab es keine Möglichkeit für eine Konstruktion, um die Messwerte bequem aufnehmen zu können. Da kaum Möglichkeit besteht, die Ruheströme bei Bedarf nachzujustieren, sollten die KT88 ordentlich »eingebrannt« werden.

The Sound of Concertina

Der Acht-Zwo-Acht klingt kräftig. Ja. Aber irgendwie »aufgepumpt«. Ohne »Leben«. Kein »Rotz«. Irgendwie »steril« und »behäbig«.

Ein »Testbericht« schlussfolgerte, dass dieser Verstärker auch (oder vor allem) sehr gut für Popmusik-Liebhaber geeignet wäre… So etwas ähnliches hatte ich vor kurzem schon einmal – bezogen auf einen anderen Verstärker – gelesen. Anstatt Pop wurde das Klangbild des Verstärkers als »auch geeignet für Liebhaber von ‘moderner’ gitarrenlastigen Musik« umschrieben… Beide Autoren meinten damit den sehr dunklen »Grundton«: Die Mitten gehen fast unter, die Höhen klingen wie durch Watte gepresst und selbst eine hart angeschlagene Basssaite wabbert konturlos in den Raum.

Im JJ-828 ist für den »Sound« (der Begriff ist richtig gewählt) der Phase-Splitter (Phasenumkehr) verantwortlich. Die hier verwendete Kathodyn- bzw. Concertinaschaltung hat nun einmal ihre speziellen Eigenschaften, die sich im »Klangbild« bemerkbar machen… Das muss nicht nachteilig sein, aber man sollte da von vorneherein etwas gegensteuern…

Und damit komme ich zu dem Eingangs erwähnten »man hätte es anders machen können«: Eine ordentliche Vorstufe mit ECC83, oder Canor-typisch mit ECC81, eine Long Tail Pair von mir aus mit ECC99 und – schwups – kommen schon die KT88. Eine komplette Röhrenstufe gespart. Die KT88 wie bei Quad im Pentodenmodus beschalten und – zack – würden da gut und gerne 100W Ausgangsleistung auf dem Papier stehen. Und nicht nur da…

Um nun das Quentchen »Rotz« hinein zu bekommen und die »Behäbigkeit« zu beseitigen, gibt es eigentlich nur zwei Stellschrauben, an denen man – ganz petit – drehen kann. Gesagt, getan. Der Verstärker musste eh noch einmal abgeglichen werden…

Und das war es dann auch. Der JJ-828 spielt nun deutlich »freier« auf – um nicht zu sagen »jugendlich frisch«. Trotz seines Alters.

Das hat der Verstärker an den BK201-Lautsprechern (Fostex-Bestückung) dann auch ein-drucks-voll unter Beweis gestellt. Kollaterallschaden: Ein Grillabend für die Nachbarschaft… Aber Watt mut, dat mut.

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frihu

…hört gerne Musik. Über Röhrenverstärker. Musikrichtung egal. Ausser Jazz, Hip-Hop, House, Metal, Trash, Schlager, Volksmusik, Gangsta-Rap (noch schlimmer, wenn in Deutsch gebrüllt). Da krieg' ich ein Hörnchen. Autor der Bücher: Hören mit Röhren, Röhrenschaltungen und High-End Röhrenschaltungen. Artikel in hifi-tunes (Röhrenbuch 2): Bauteileauswahl für Röhrenverstärker und EL509 Single-Ended Röhrenverstärker im Selbstbau

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