JJ’s 828 Röhrenverstärker

JJ fertigt bekanntermaßen Röhren. Das JJ-Logo prangt aber auch auf Kondensatoren und Röhrenverstärker. Um letzteres geht es jetzt. Die Modellbezeichnungen der Röhrenverstärker sind – entgegen aller HiFi-Phantasiegesetze – völlig unerotische Nummern. Wie die zustande kommen, soll das Geheimnis der JJ-Marketingabteilung bleiben. Ich habe es mit dem »Flagschiff« Acht-Zwo-Acht zu tun.

Der 828-Verstärker ist strikt monophon aufgebaut. Je Kanal mit zwei ECC82 (12AU7), einer ECC99 und vier KT88 bestückt. JJ-Röhren, versteht sich. Je zwei KT88 sind dabei parallel geschaltet. Als Gegentakter soll er rund 70W RMS leisten können. Das verwundert etwas, weil die KT88 deutlich mehr hätten leisten können.

jj828

Der Grund für das Stelldichein: Eine KT88 wird gehimmelt. »Kurzes Aufblitzen« – Exitus. Über den Jordan wandert dabei auch eine Schmelzsicherung. Ruhestrom-Probleme alleine wird es nicht sein. Das hätte der KT88 nämlich zunächst rotglühende Anodenbleche beschert. Also ist da was anderes faul – bestenfalls war nur die Röhre…

Nun hat dieser, gut 20 Jahre alte, 828-Röhrenverstärker ein bewegtes Vorleben. Die ganze Choose sollte also sowieso mal genau unter die Lupe genommen werden.

Technik aus der Slowakei

Wider Erwarten handelt es sich nicht um einen »normalen« Gegentakter. Wieder einmal kommt Quad in’s Spiel. Und wieder einmal ist das nicht genug und hat die Endröhren nach Williamson-Art beschaltet. Also Quad plus Ultralinear. Tja… Äh… War da nicht mal was?

Das Parallelschalten der Endröhren erfolgt dabei – völlig korrekt – über separate Widerstände an den Anoden, Schirmgittern und Kathoden. Steuergitter sowieso. Die Werte der Anoden- und Kathodenwiderstände sind allerdings unüblich. Parallel zu den Kathodenwiderständen liegt eine LED samt Vorwiderstand, wobei der LED ein Kondensator parallel liegt.

Warum das Marketing das nun unbedingt »CFB« – Cathode-Feedback nennen musste, weiss ich nicht. Wenn das Schirmgitter (screen grid) am Übertrager »hängt«, nennt man es Ultralinear und nicht »Screen Grid Feedback«. Nun gut, »CFB« hat sich »eingebürgert«…

Das mit dem »CFB« kommt wiederum bekannt vor. Da hatte ich vor kurzem doch den Canor-Verstärker… Ich möchte fast wetten, dass dieser JJ-Röhrenverstärker vom gleichen slowakischen Hersteller stammt. Die Handschrift ist gut leserlich…

Zumindest ist nun erklärbar, warum die vier KT88 »nur« 70W pro Kanal in den Raum stellen. Die Quad’sche Schaltungstechnik in Tateinheit mit Ultralinear kostet eben Kraft.

Optical BIASing?

Die LED’s dienen übrigens für die optische Ermittlung des Ruhestroms. Laut Anleitung soll man an den Reglern so lange drehen, bis alle acht LED’s gerade eben zu leuchten beginnen und das auch noch einigermaßen gleich hell. Nett gedacht. Ist aber trügerisch und kann kein »richtigen« Ruhestromabgleich ersetzen. Das geht noch nicht einmal als »Warnlämpchen« durch. Leuchtet nämlich eine LED rot auf, leuchtet auch schon was ganz anderes rot: Nämlich das Anodenblech der betreffenden KT88.

Die Sache mit dem drehen der Ruhestromregler: Hier im 828-Verstärker sind sog. Mehrgangsregler verbaut, die der Reihenfolge der Endröhren entsprechen. Ausserdem darf man sich mit einem Uhrmacher-Schraubendreher einen Wolf drehen…

Wo wir schon bei Ruheströmen sind: Alle KT88 sind – laut JJ-Manual – auf 75mA einzustellen. Fünfundsiebzig. Das ist hier, unter diesen Umständen, eine mehr wie heisse Einstellung.

Schaltung

Die Verstärkerschaltung vor den Endröhren gibt sich fast schon klassisch. Mit fast schon klassisch zu nennenden Denkfehlern. Abgesehen davon, dass man das Ganze (also die komplette Schaltung) auch anders hätte machen können…

Ein Beispiel für einen Denkfehler: Alle Röhren eines Kanals werden aus einem Stromzweig mit Heizspannung versorgt. Die Endröhren bekommen Wechselspannung, die Vorstufenröhren Gleichspannung, die auch noch »symmetriert« wird…?

Das Schaltbild, das dem Gerät beilag, entspricht im übrigen nicht ganz der Realität. Ginge es nämlich danach, dann wusste der Konstrukteur scheinbar nicht, was JJ (als Auftraggeber) zu den KT88 an Datenblättern lieferte. Eine andere Schaltplanvariante entspricht dann fast dem, was auf der Werkbank steht.

Und vernünftigerweise hat man sich dann auch von 75mA Ruhestrom verabschiedet. Nunmehr sind es 10mA weniger. Das hört sich dann doch etwas besser an. Noch etwas weniger und man liegt im HiFi-Rahmen – was auch der Lebensdauer der Röhren zugute kommt. Die LED’s leuchten dabei aber nicht. Nicht ein bisschen. Bei grosser Lautstärke und kräftigen Bassimpulsen mutieren die LED’s natürlich zu einer Art Lichtorgel. Das ist normal.

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frihu

…hört gerne Musik. Über Röhrenverstärker. Musikrichtung egal. Ausser Jazz, Hip-Hop, House, Metal, Trash, Schlager, Volksmusik, Gangsta-Rap (noch schlimmer, wenn in Deutsch gebrüllt). Da krieg' ich ein Hörnchen. Autor der Bücher: Hören mit Röhren, Röhrenschaltungen und High-End Röhrenschaltungen. Artikel in hifi-tunes (Röhrenbuch 2): Bauteileauswahl für Röhrenverstärker und EL509 Single-Ended Röhrenverstärker im Selbstbau

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