Herzlichen Glückwunsch, CDU

Habt ihr wirklich gut gemacht. Ganz ehrlich: Das muss man euch lassen. Ihr habt es geschafft, eine politische Situation zu schaffen, bei der man sich unweigerlich an den 23. März 1933 erinnert fühlt. Okay, es war damals nicht die CDU, sondern die Vorgängerpartei „Zentrum“ – auch so ein „christlicher“ Verein. Herrgottnochmal, aus der Geschichte zu lernen, sollte doch nicht so schwierig sein, oder?

Sicher, Vergleiche mit der NS-Zeit sollte man auch nie nicht leichtfertig verwenden, aber diesmal brüllt es einen an. Wie war es denn 1952 als sich die Ost-CDU freiwillig der SED unterwarf. War ja auch ’ne Diktatur – nur mit anderer Farbe. Wie wurde die Ost-CDU noch gleich genannt? Blockflöte? Wie auch immer: Über aufbrausenden Gegenwind sollte man sich nicht wundern.

Besonders beeindruckend ist dabei die Führung. Applaus deshalb auch an den sauerländischen Fahnenjunker der als Chef den Laden offenbar nicht einmal ansatzweise im Griff hat. Während nach außen Geschlossenheit und Kontrolle vermittelt werden sollen, wirkt es intern eher wie ein improvisierter Haufen, in dem niemand genau weiß, wer was wo und wie macht oder sagt. Entscheidungen werden getroffen, wieder kassiert oder nachträglich schöngeredet.

Fehler können und dürfen passieren. Aber nicht den gleichen Fehler zum dritten Mal. Dazu das Problem, dass man so tut, als sei alles völlig normal, dass die Demokratie den Bach ’runtergeht. Hauptsache, das (persönliche) Ergebnis stimmt. Und wenn der Gegenwind dann stürmt und braust, wird überrascht geschaut oder so getan, als hätten alle anderen die Situation bzw. das Wort falsch verstanden.

Politik ist kein Strategiespiel, bei dem man jede noch so zweifelhafte Möglichkeit ausnutzt und anschließend behauptet, man habe lediglich seine Optionen wahrgenommen. Nein, diesmal hätte es keine Option gegeben. Ja, man darf sich bei einer Wahl enthalten. Aber in diesem Fall hätte es der SA-CDU gut zu Gesicht gestanden, klare Kante zu zeigen: Nein! Demokratische Parteien tragen Verantwortung — nicht nur für ihre eigenen Anhänger, sondern vor allem für das Volk. Dafür wurden sie gewählt.

Man kann, darf, soll über politische Inhalte streiten. Man kann unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie etwas gemacht wird. Das gehört zur Demokratie. Aber es gibt einen Unterschied zwischen hartem politischen Wettbewerb und einem stillen Vorgehen, bei dem Prinzipien offenbar nur so lange gelten, wie sie den eigenen Interessen nützen. Stichwort gefällig? Brandmauer. Die scheint zumindest im SA-Land gefallen zu sein. In diesem Fall war Enthaltung Zustimmung.

Vielleicht wäre es an der Zeit, weniger vom Wollen zu reden, sondern einfach macht und dafür auch die Verantwortung zu tragen. Dem Volk auf’s Maul schauen und nicht die Naht irgendwelcher Shareholder Values durchziehen. Weniger Selbstzufriedenheit, mehr selbstkritisches reflextieren. Und vor allem eine Führung, die tatsächlich führt, statt den Eindruck zu erwecken, dass ihr der eigene Laden entgleitet.

Wie war das noch…? Moment. Ich hab’s gleich… Ah, ja.

Wenn irgendjemand von uns die Hand hebt, um mit der AfD zusammenzuarbeiten, dann steht am nächsten Tag ein Parteiausschlussverfahren an.

Zitat des Fahnenjunker aka CDU-Chef im Jahr 2021 im „Spiegel“.

So. Und heute ist bzw. war der nächste Tag. Ich wette, da kommt nix. Gaaar nix. Und morgen auch nicht. Never ever. Aber ’ne große Klappe haben, dass konnte der Fahnenjunker schon immer. Kollektivstrafe ist Mist, ja, aber diesmal alternativlos: Schmeisst die komplette SA-CDU ’raus.

Und was macht der Chef am Tag danach? Er äusserte sich auf einer Veranstaltung des „Handelsblatt“ und der „Wirtschaftswoche“ dahingehend, dass man nicht wisse, wer es gewesen ist wer Ja zum Kackbraun-blauen gesagt hat, da es ja eine geheime Wahl gewesen sei. Er vermutet eine Art „false flag Operationen“ von politischen „Gruppierungen“ im Landtag. In Klartext-Sprech: den links-grün Versifften.

Also noch einmal: Herzlichen Glückwunsch, CDU. Wirklich ganz großes Kino.

frihu

…hört gerne Musik. Über Röhrenverstärker. Musikrichtung egal. Ausser Jazz, Hip-Hop, House, Metal, Trash, Schlager, Volksmusik, Gangsta-Rap (noch schlimmer, wenn in Deutsch gebrüllt). Da krieg' ich ein Hörnchen.Autor der Bücher: Hören mit Röhren, Röhrenschaltungen und High-End Röhrenschaltungen. Artikel in hifi-tunes (Röhrenbuch 2): Bauteileauswahl für Röhrenverstärker und EL509 Single-Ended Röhrenverstärker im Selbstbau

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