Butter bei die Fische (3)

Na? Wie war’s beim HNO? Auch ’ne semitaube Nuss? Nimm’s nicht tragisch und… Willkommen im Club. Tragisch für Dich ist nur, dass Du nun anfängst zu realisieren, hunderte, gar tausende Euros zum Fenster ’rausgeschmissen zu haben für hifidele Dinge, die Du gar nicht (mehr) hören kannst. Mit Sicherheit auch nie konntest. Du hast es nun Bunt auf Weiss.

Was Du nun daraus machst, ist Dein Bier. Du kannst den Doc einen Quaksalber nennen, den Test für untauglich erklären oder es auf die Tagesform schieben und Dich letztendlich selber betrügen. Dein Bier. Oder Du akzeptierst die Tatsache, dass Du eine semitaube Nuss bist und richtest Dich danach. Das heisst nun nicht, dass Du Deine hifidele Existenz komplett wegschmeissen musst. Die rote oder die blaue Pille?

Wer mit 30, 40 oder 50 Jahren noch das Hörvermögen eines 6-Jährigen hat, hat meiner Meinung nach noch nie richtig gelebt. Discos, Clubs oder Rockschuppen kennt er wohl nur vom Hörensagen als geheimnisumwitterte Spelunken. Demzufolge kennt er auch keinen gut gelaunten „Die-Dschay“, der die Hütte mit nahezu 100dB rockte. Auf Konzerte ist man wohl auch nicht gegangen und als typischer Bürohengst hat man einen riesigen Bogen um die Werkhalle gemacht. Der Presslufthammer, der tagelang vor der Haustür die Straße aufgerissen hat, ist ihm ebenso fremd wie die regelmäßigen Tiefflüge von Düsenjägern damals.

Jessasmariaundjosef! In welcher Blase ist diese Person bloß aufgewachsen?

Hört, hört

Spätestens ab 50 Lenzen – so die offizielle HNO-Lehrmeinung, die davon ausgeht, dass man sein Gehör bis dahin ordentlich in Watte gepackt hat – geht es mit dem Hörvermögen munter bergab. Inoffiziell beginnt der Abstieg aber deutlich früher. Wie beim Verschleiß einer Röhre: zunächst ganz langsam, kaum bemerkbar, und irgendwann ist oben herum einfach weniger los.

So wird es beispielsweise oberhalb von 8kHz zunehmend übersichtlich. Irgendwann klingt der 10kHz-Testton nicht mehr wie ein Ton, sondern eher wie eine philosophische Frage: „War da gerade etwas?“

Im Frequenzkeller ist die Sache allerdings vertrackter. Vielleicht hört man die 40Hz noch – und irgendwie eben auch wieder nicht.

Ich sage bewusst 40Hz, weil selbst mittelprächtige Lautsprecher das gerade noch einigermaßen verarbeiten können und weil 40Hz Bestandteil der HiFi-Norm war. Außerdem unterbietet das normale Musikprogramm aus Rock, Pop, Schlager und Klassik nur in Ausnahmefällen diese Marke. Nein, auch Bumm-Bumm-Techno und Trance sind nicht automatisch Tiefbass-Orgien. Vieles, was als „abgrundtief“ verkauft wird, ist bei näherem Hinsehen – äh… -hören nur ordentlich aufgepumpter Oberbass.

In der Prä-HiFi-Ära galten 40Hz bis 15kHz in der Studiotechnik als völlig ausreichend. Mit marginalen Änderungen erklärte die selbsternannte hifidele Clubleitung der DIN diesen Bereich kurzerhand zum deutschen HiFi-Standard. Als die Regelung 1960 in Kraft trat, war „HiFi nach DIN 45500“ natürlich ein hervorragendes Verkaufsargument. Und es bot viel Raum, die hifidele Norm zu übertreffen.

Bekanntlich hört ein gesunder junger Mensch Frequenzen von 20Hz bis 20kHz. Mit der HiFi-Norm begann das Wettrüsten erst richtig: Watt – das war eigentlich immer schon, aber bei Frequenz, Klirr öffnete sich mit der 45500 Tür und Tor… Ganz einfach deshalb, weil die Vorgaben nur Mindestanforderungen waren. Das merkte man vor allem beim Klirrfaktor. Aus den maximal 1% Erlaubten (bei Nennleistung von mindestens 6W/Kanal) wurde es schnell sehr viel weniger. Wobei natürlich auch gut „geschummelt“ wurde…

Die technischen Daten entpuppten sich aber oft als reine Papiertiger, denn die hifidele Clubleitung „übersah“ (Haha, wer’s glaubt…), dass Röhren altern. So mancher Röhrenverstärker wusste nach 50 Betriebsstunden nichts mehr mit der DIN-Norm anzufangen. Das war und ist der Knackpunkt bei Röhrenverstärker. Alle Daten sind einmalig in den ersten Betriebsstunden ermittelt worden. Wie’s nach 50 Stunden aussieht – who cares? Bekam auch keiner mit, weil schleichend…

Die Kundschaft griff vermehrt zu den „20Hz bis 20kHz“-Verstärkern mit immer niedrigeren Klirrwerten. Die kirre machende Werbung sorgte schon dafür. Blöd war nur Zweierlei: Erstens wurde der erweiterte Frequenzbereich nie nicht ausgenutzt (sagte nur keiner) und Zwotens konnte selbst die zahlungskräftige Klientel mit den Mindestanforderungen der DIN-Norm schon gar nichts mehr anfangen, denn…

Lärm (Krach, Radau) war „früher“ allgegenwärtig. Nach heutigen Maßstäben hätte man selbst im VW Käfer Gehörschutz tragen müssen. Erst Mitte der 1970er-Jahre wurde Lärm am Arbeitsplatz in den Unfallverhütungsvorschriften überhaupt ernsthaft berücksichtigt. Und selbst dann wurde das Thema, vorsichtig formuliert, eher großzügig interpretiert. In Webereien, Metallbetrieben, im Bergbau, beim Haus- oder Straßenbau: Gehörschutz war vielfach nicht vorgesehen. Wenn überhaupt, gab es vielleicht irgendwo einen Satz Ohrenstöpsel, dessen Verwendung aber eher auf Freiwilligkeit beruhte. Diese Malocher waren aber auch nicht die typische HiFi-Klientel, das nur nebenbei.

Erst Mitte oder Ende der 1980er-Jahren fing die BG an, genauer hinzuschauen… Heute trägt der Mitabeiter des städtischen Grünflächenamtes selbst beim Rasenmähen Gehörschutz.

Meanwhile…

…haute sich die hifidele Welt die wahnwitzigsten Messwerte um die Ohren: Watt as Watt can, Klirr von höchstens akademischem Interesse, Frequenzen die Fledermäuse glücklich machen konnten, Rauschabstand und was weiß ich nicht noch alles. Doch das mit Abstand wichtigste Bauteil der gesamten Wiedergabekette, das menschliche Gehör, wurde und wird oft sträflich vernachlässigt. Es lässt sich leider nicht einfach durch einen vermeintlich besseren Verstärker oder teure Lautsprecher (Klangverbieger) ersetzen. Vor allem, weil jeder Mensch anders hört.

Genau das hat die hifidele High-Society nie kapiert. Im Gegenteil. Jeder Hansel will einem weismachen, was wie zu klingen hat und was der heilige „audiophile“ Gral ist. Das ist genauso eine gequirlte Scheisse, wie das, was in SA passiert ist…

Dieses individuelle Hören – da brauche ich gar nicht so weit zu gucken. Das habe ich – seit über 30 Jahren – jeden Tag direkt neben mir. Meine Frau findet beispielsweise den 845er klanglich „schöner“. Ich stehe ja eher auf Drehmoment und hab’s mit meinem 509er, der die Geschichte direkter angeht, dabei etwas zu brutal-ehrlich ist. Woran wir das festmachen? Unser Gehör und das Gefühl dabei, was wir wie hören und das lässt sich messtechnisch nur ganz schlecht erfassen.

So, und jetzt mal ganz unter uns Pastorentöchtern: Selbst wenn man sämtliche Obertöne berücksichtigt, sind 20kHz schon ziemlich ambitioniert. Die „normale“ Musik kommt – je nach Instrumentarium – mit Ach und Krach vielleicht auf 8kHz. Mit Obertönen landet man evtl. bei 15kHz und das ist dann eher akustisches Bonusmaterial als Grundversorgung. Ähnliches gilt auch für den unteren Frequenzbereich.

Der sensible menschliche Hörbereich liegt bei etwa 500Hz bis etwa 6kHz (nach aktueller HNO-„Lehrmeinung“). Und genau dieser Bereich ist vom Doc unter die Lupe genommen worden. Alles, was darüber hinausgeht, kann man als „Nice to know“ betrachten. Und in diesem sensiblen Bereich zeigst Du halt ein paar Schwächen.

Ehrlich jetzt: Ein neutraler Beobachter wird Dir mit Sicherheit aber schon gesagt haben, dass der Lautstärkeregler (Stereo, Fernseher…) neuerdings immer weiter aufgedreht wird. Na? Butter bei die Fische!

Sollte… Ich weiss es ja nicht, also… Sollte sich der ganze hifidele Klangzinnober in diesem Bereich abspielen, was aber der „Heiopei des durchhörbaren Klangs“ nicht sagt – sagen kann, weil er’s selber nicht weiss und deshalb schwurbelt… Muss ich weiterreden…?

frihu

…hört gerne Musik. Über Röhrenverstärker. Musikrichtung egal. Ausser Jazz, Hip-Hop, House, Metal, Trash, Schlager, Volksmusik, Gangsta-Rap (noch schlimmer, wenn in Deutsch gebrüllt). Da krieg' ich ein Hörnchen.Autor der Bücher: Hören mit Röhren, Röhrenschaltungen und High-End Röhrenschaltungen. Artikel in hifi-tunes (Röhrenbuch 2): Bauteileauswahl für Röhrenverstärker und EL509 Single-Ended Röhrenverstärker im Selbstbau

Kommentare sind geschlossen.