Habe ich schon über Widerstände geredet? Hm… Ne, ich glaube nicht. Moment, ich schaue nach… Ja, über Gridstopper. Aber so pauschal eben nicht. Wird Zeit, diesem Bauteil mal etwas mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Also, lasst uns mal kurz über Widerstände reden. Beziehungsweise über zwei wichtige Widerstandsarten.
Da gibt’s Widerstände, die sind objektiv gut. Modern, präzise, belastbar, in jeder Hinsicht perfekt. Also alles, was des Technikers Herz höher schlagen lässt. Und trotzdem passen sie in eine Röhrenschaltung ungefähr so gut wie ein Normal-Mann auf einem Mädelsabend.
Wenn Sie meine Customizing- und Selbstbauartikel kennen, dann wird Ihnen aufgefallen sein, dass ich oft mit Widerstände arbeite, denen man allerhand Schlechtes nachsagt. Dazu kann ich vorweg nur eines sagen: Vergessen Sie, was Sie gehört haben. Ist nämlich wirklich Blödsinn.
Gemeint sind Widerstände aus Kohle. Gepresst (Kohlepress bzw. Carbon Composit) oder als Film (Kohlefilm). Diese Widerstände sind ja nicht umsonst wieder leicht erhältlich. Leider nur bis 2W, aber immerhin. Ein „vernünftiger“ Vier- oder Fünf-Watter ist dagegen allerdings schon schwerer aufzutreiben. Leider.
Der „natürliche“ Gegenspieler nennt sich Metallwiderstand. Ab etwa Mitte der 1980’er-Jahre wegen der unbestreitbaren guten Eigenschaften hochgejubelt. Industrie und Hobby-Elektroniker ließen sich davon anstecken… Wer trotzdem noch mit Kohle hantierte, galt als rückständig.
Der Witz jedoch war, dass viele namhafte Verstärker-Hersteller im Halbleiterbereich Widerstände aus Kohle einsetzten. Genau die, die, die Kohle verteufelten, erkannten nicht, dass in deren Verstärkern Kohledinger steckten, obwohl es rein optisch relativ einfach möglich gewesen wäre (und ist), diese zu identifizieren. Wie’s heute aussieht, weiss ich nicht, schon lange keinen Halbleiter mehr von innen gesehen.
Widerstände aus Kohle vs. Metall
Der Schlachtruf der Pro-Metaller war: „Nur 1% Toleranz!“ Ja, schön. Ein Metallwiderstand mit einem Prozent Toleranz ist natürlich genauer als ein Kohletyp mit fünf oder gar zehn Prozent. Das ist ungefähr so überraschend wie die Erkenntnis, dass ein Strich mit Lineal gezogen gerader ist als eine Freihandmalerei.
Unerwähnt blieb, dass sich diese geringe Toleranz nur auf die Halb-Watter (0,5W bzw. 0,6W) bezog. Je mehr Watt die Widerstände „vertrugen“, desto grösser wurde auch die Toleranz (bis max. 5%). Heute wird selbst 1% nicht mehr toleriert. Da muss es 0,5% oder gar 0,1% sein.
„Sie rauschen weniger als Kohle“ war und ist das nächste Argument. Gut möglich. Jedes elektrische Bauteil besitzt ein Eigenrauschen und so blieb und bleibt unerwähnt, dass andere Bauteile, allen voran die Halbleiter (von Röhren reden wir besser nicht), ein höheres Eigenrauschen besitzen, als Widerstände. Dieses Eigenrauschen ist aber höchstens akademischer Natur. Normalerweise bekommt man davon nichts mit. Zumindest nicht in der NF-Technik.
Genau diese Tatsache nutzten die Pro-Metaller für ihre eigene Zwecke und präsentierten alte Carbon-Composits oder gut „gelittene“ Kohlefilm-Widerstände, die auch tatsächlich hörbar rauschten. Das hat dann jeden überzeugt.
Unerwähnt die Tatsache, dass Carbon-Composits mit der Zeit Wasser einlagern und dadurch ihren Widerstandswert ändern, zu echten „Rauschbomben“ wurden oder einen undefinierten Wackelkontakt (ein Albtraum jeder Werkstatt) darstellten. Genau die wurden dann den Leuten vorgeführt. Wobei, das muss man auch sagen, es besonders im deutschen Raum Kohlepress-Widerstände gab, die waren als Neuware schon Seuche. In der Werkstatt fackelte man deshalb nicht lange und hat diese Dinger durch Kohlefilm ersetzt.
Wohl dem, der azyklisch dachte und zu dieser Zeit alte Carbon Composits (Stichwort „Alan Bradley“) kaufte und sie richtig einlagerte. Und wohl dem, der mit diesen Dingern umzugehen weiss und bei fragwürdiger Lagerung sie zunächst in einem Backofen verfrachtet, um sie tagelang auszugasen (vulgo zu trocknen).
Wie auch immer: Ab Mitte der 1990’er-Jahre war es in Europa sehr schwer, an Widerstände aus Kohlematerial zu kommen. Man konnte sich etwas bei den „Surplus-Händlern“ bedienen, aber auch das war schnell vorbei. Man war gezwungen, Metall-Widerstände einzusetzen.