Ein paar Sätze mit X

Oft bekommt man Mails, die will man nicht und befördert diese sofort in die virtuelle Rundablage. Manchmal bekommt man Mails, die will man nicht lesen und tut es trotzdem. Seltener sind Mails, die den Empfänger fassungslos machen!

Da flattert mir nämlich spät abends eine Mail ins Haus, in der ich aufgefordert werde, etwas nicht zu schreiben. Wenn nicht, so drohe mir Ungemach…

Zitat


… sollten Sie a) weiterhin unsere Typenbezeichnungen verwenden und b) die völlig aus der Luft gegriffene Behauptung bei unserem X handele es sich um einen normalen (steinalten) X beibehalten.


Zitat Ende

Hä? Kurz mal ein Kontrollblick… Ich kann zunächst nichts Verwerfliches erkennen. Ok, die Mail ist länger. Lesen wir erst einmal weiter… (Hätte ich das mal nicht getan…)

Zitat


Wir haben die neue Vorstufe hier selbst entwickelt, diese trägt auch auf der Platine übrigends auch unsere Bezeichnung. Die verstaubte Lochrasterplatine des Protoyps habe ich im letzten Monat wahrscheinlich fachgerecht entsorgt, ich brauche Platz in der Garage für den neuen Lotus. Daher sind die Röhren auch nicht »umgestempelt«. Wozu auch? Wir, (warum »Wir« siehe Vermerk unten) sind Shuguang Premiumseller (dafür gibts jährlich so eine nutzlose Plastikskulptur, die nutzlos im Showroom herumstehen), mit entsprechenden Konditionen. Da würde das Umlabeln von Röhren selbst im kostengünstigen China mehr kosten als die Röhre selbst 🙂 Wer für eine Vorstufenröhre im Einkauf mehr als 2,50$ bezahlt hat mit Shuguangs Geschäftsführung sehr schlecht verhandelt. Trafo und Übertrager haben wir ebenfalls verbessert, sind also auch nicht identisch mit X 0815 Standartware. Zudem stimmt die Sache mit dem Update vom September 2014 auch nicht so ganz. Das Gerät ist jetzt schon über drei Jahre alt (der Protpotyp fast vier…).

Ein Nachfolger, komplett von uns entwickelt und komplett in Alu, folgt im nächsten Jahr. Das wird dann allerdings nichts mehr für Schnäppchenjäger, der Preis wird mindestens 999€ betragen, eher noch teurer. Wir möchten auch preislich noch etwas aufsteigen. Vielleicht nehmen wir auch mal russische Röhren, dass bringt zwar technisch logischwerweise rein gar nichts, erhöht dafür aber zumindest die Marge noch etwas. Leider ist nur die Qualität bei Y so unglaublich schlecht…


Zitat erst einmal Ende

Es folgt ein Passus, der nicht in die Öffentlichkeit gehört. Ausserdem gehört es nicht zu den guten kaufmännischen Gepflogenheiten, Firmeninternas auszuplaudern, die hier auch noch ein falsches Licht auf die Firma warf. Das Y steht übrigens für eine Röhrenmarke russischen Ursprungs. Die Russen sind mir derzeit etwas zu nervös – also, da würde ich ja nichts riskieren.


Wer sich selbst nicht regieren kann, was geht den das Regieren von andern an?

Geflügelter konfuzianischer Merksatz

Weiter gehts im Text bzw mit der Mail:


Falls Sie so toll sind, wie Sie sich auf Ihrer Webseite darstellen, können sie sich ja mal melden. Vielleicht übernehmen wir ja mal einmal tatsächlich -sollten wir jemals einen bekommen- einen sinnvollen Vorschlag 🙂

Ich setze Ihnen eine Frist von einer Woche, zur Beseitigung Ihrer nachweislich falschen Aussagen, folglich bis zum 01.10.

P.S. Meiner einer ist bei X mit eingestiegen 🙂 Als Folge dessen, ist seit Juni u.a. eine vollautomatische Bestückungsmaschine im Einsatz. Die Platinen sehen jetzt, wie man das als qualitätsbewusster Deutscher gerne mag, wie geleckt aus. Also mal wieder ein Schritt nach vorne. Das wird freilich etwas teurer, preisliche Luft nach oben, besonders wenn es das Produkt tatsächlich verbessert, haben wir aber noch reichlich. Daher wirds im kommenden Monat (für alle) 15% teurer.

Ihren Lob zum X kann ich mich nur bedingt anschliessen. X Chef hat das Ding nachgebaut (dort kann niemand selbst entwickeln, Schaltbilder lesen geht dort auch erst seit 1,5 Jahren, auf meinen Druck hin). Wir haben eines davon hier: Fazit: Na ja, geht so… Da ist zwar kein so tolles Poti drin wie im Orginal, der Rest ist aber identisch. Die Arbeitsbedingungen bei X sind übrigends zum heulen… Das hat Ihnen der Vertrieb wahrscheinlich nicht erzählt. Ich habe da letztes Jahr mal eine Bekannte vorbeigeschickt. Autsch!

Achso, der X war eine Entwicklung vom damaligen X Chef in Frankreich und uns. X aus Canada können Sie auch aus Ihren
Texten streichen, X verstarb vor sieben Wochen nach langem Krebsleiden. Er hatte nur die Erlaubnis von Frankreich und uns die Geräte bei X kaufen zu dürfen.

Schöne Grüße aus dem verregneten X

X


Jetzt aber wirklich: Mail-Zitat Ende.

Namen und Orte wurden ausge-X-t. Der besseren Lesbarkeit wurden Absätze da eingefügt, wo dies sinnvoll erschien. Ausge-X-t wurde einerseits, um den Verfasser dieser Mail vor der Gefahr sich einer mittelprächtigen Lächerlichkeit preiszugeben, zu bewahren. Andererseits, um erst gar nicht in die Nähe eines Verdachts zu geraten, Ruf- und/oder Geschäftsschädigung zu betreiben, was ich unzweifelhaft getan hätte, hätte ich nicht ausge-X-t. Nicht wegen den ge-X-ten und entfernten Firmen und Personen, sondern wegen des Unternehmens (keine Firma, wohlgemerkt) des Mailschreibers. Kaufmännischer Ehrenkodex, you know? Ich bin viel zu gutmütig. Die Syntaxfehler sind allerdings Original.

Bestimmte »Informationen« (besser wäre der Begriff Indiskretionen) hat »meinereiner« natürlich, »neugierigerwelcherweis«, geprüft. Besser war das. Ich habe natürlich auch nachfragen lassen, ob der dargestellte Sachverhalt, dass man nur nachbauen, nicht aber entwickeln und erst »seit kurzem« Schaltpläne lesen kann, richtig sei. Auf eine ehrliche Antwort darf man, aus kulturell verständlicher Sicht, nicht wirklich hoffen. Das interessiert mich letztendlich auch einen feuchten Kehricht. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass die nächsten Verhandlungen doch etwas schwieriger werden. (An eine Firmenmitinhaberschaft glaube ich nicht so recht. Kann natürlich sein. Geht mich aber auch nichts an. Interessiert mich aber auch nicht.)

Sorry, dieses Niveau liegt so niedrig, dass selbst ein geübter Limbo-Tänzer erhebliche Schwierigkeiten hätte, darunter durchzukommen.

Den implizierten Vorschlag zur Zusammenarbeit zwecks Gewinnmaximierung habe ich bereits negativ beschieden. Für »so toll« halte ich mich nämlich nicht, denn ich baue selber reichlich Böcke (wie diese Rubrik »Abgeraucht« auch zeigt). Das sind meine Fehler auf die ich ein alleiniges Anrecht habe.

So, dann kommen wir mal zum »Kernproblem«: Ich habe nunmehr sechs Augenpaare (ein Augenpaar dürfte bekannt sein) damit beschäftigt herauszufinden, was ich da zum Henker nicht schreiben soll und kann das nun kurz machen: a) Die Typenbezeichnung ist überhaupt kein Problem (das steht so noch nicht einmal auf dem Gerät bzw. auf den Platinen) und b) existiert keine Behauptung, dass X identisch mit normalen (»steinalten«) X-Geräten wäre.

Letzteres könnte ich ja ruhigen Gewissens behaupten. Genauso wie behauptet wird, das X eine Eigenentwicklung sei. Könnte. Tue ich aber nicht. Was andere behaupten, geht mich wiederum nichts an. Noch nicht.

Punkt.
Hm. Ne. Noch nicht ganz. Ich kann mit der Fristsetzung nämlich rein gar nichts anfangen und verschiebe die Sache nun auf den 1.10.Sanktnimmerleinsjahr.

Jetzt aber.
Punkt.


Der Edle bleibt fest in der Not.
Wenn der Gemeine in Not kommt, so wird er trotzig.

(Alle gekennzeichneten Zitate: Konfuzius »Gespräche Lunyü«)

Falls jetzt jemand allzu trotzig werden sollte, der sollte bedenken, dass ich noch ein Überraschungsei in der Hinterhand habe. Wird das Ei geöffnet, dann bezahlt der die Musik, der sie bestellt hat. Meine Gutmütigkeit hat Grenzen. Mein Tipp, so von Kumpel zu Kumpel: Knall die Hacken in den Asphalt und kümmere Dich um Deinen Lotus.

frihu

…hört gerne Musik. Über Röhrenverstärker. Musikrichtung egal. Ausser Jazz, Hip-Hop, House, Metal, Trash, Schlager, Volksmusik, Gangsta-Rap (noch schlimmer, wenn in Deutsch gebrüllt). Da krieg' ich ein Hörnchen. Autor der Bücher: Hören mit Röhren, Röhrenschaltungen und High-End Röhrenschaltungen. Artikel in hifi-tunes (Röhrenbuch 2): Bauteileauswahl für Röhrenverstärker und EL509 Single-Ended Röhrenverstärker im Selbstbau

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