Rainer zur Linde

Im Jahre 2005 führte ich ein Interview mit Rainer zur Linde. Rainer war nicht nur ein Autorenkollege in Sachen Röhren und Röhrenverstärker, sondern auch ein begeisteter Musiker. Als Gitarrist spielte er in der Bornheim Blues Company (B.B.C.). Auch nach dem Interview telefonierten wir noch einige Male. Seine ruhige Art Fachwissen (Gitarrenverstärker, was sonst?) zu vermitteln, lernte ich schnell schätzen.
Ende 2012 erhielt ich die traurige Nachricht über den Tod von Rainer.


Herr zur Linde was sind Sie in erster Linie: Musiker oder Röhrennarr? Am besten Sie stellen sich einmal selbst vor.

zur Linde: Es wäre ja ganz furchtbar, wenn alle diejenigen, die, insbesondere im Instrumentalbereich, Röhren bevorzugen, Narren wären.

Ich mache seit meinem zehnten Lebensjahr Musik. Zunächst haben mich meine Eltern mit endlosen Geigenstunden gequält (»aus dem Bub soll mal was werden«) – und das in einer Zeit, als sich mit den Beatles, den Stones und später mit Hendrix eine musikalische und gesellschaftliche Revolution ankündigte. Mein Großvater(!) hatte Erbarmen und schenkte mir zu meinem 12. Geburtstag eine Neubauer Schlaggitarre (wie das damals hieß) mit einem aufmontierten Schaller-Tonabnehmer (einer, dessen Umschaltknöpfe wohl auch als Blinkerschalter auf Armaturen von Straßenbahnen gedient haben mussten). Animals, Kinks und Hendrix (»Hey Joe« zum ersten Mal im Beat Club gesehen, was mich seinerzeit zu der festen Überzeugung gebracht hat, dass solche Töne auf meiner Gitarre einfach nicht vorhanden sein konnten) waren die Einstiegsdrogen.

Doch bleiben wir beim Thema. Zu der Schülerband (»Hang on Sloopy« ohne Solo, das konnte keiner wirklich spielen) stieß eines Tages so um 1965/66 herum ein Typ aus Hamburg, der brachte einen AC30 mit, fragte, ob wir den gebrauchen könnten, spielte eine Weile mit und verschwand wieder – ohne AC30. Dass das Ding verdammt gut klang, ahnte ich damals, heute weiß ich es. Die Kiste benutze ich heute immer noch, sie befindet sich im Originalzustand und produziert den Sound, über den ich denke, dass eine Fender Strat so und nicht anders zu klingen hat.

Durchforstet man einmal die im Internet anzutreffenden Elektronik-Selbstbauseiten, dann gewinnt man den Eindruck, dass wieder vermehrt »gebastelt« wird. Halten Sie dies für eine Modeerscheinung oder geht der Trend tatsächlich wieder zu Do-it-yourself?

zur Linde: Das Leben folgt mehreren Wellenbewegungen, die Moden von heute sind morgen der Trend von gestern. Genauso, wie Jean Pütz’ selbst gebrautes Parfum (selbstverständlich ohne chemische Konservierungsstoffe) heute kaum noch jemand vom Hocker reißt, wird auch der »Röhrenbastelei« kaum vergönnt sein, zum ewig währenden Lustfaktor menschlicher Kreativität zu mutieren. (Obwohl ich mir aus selbstverständlich ganz uneigennützigen Motiven als Autor von Röhrenbüchern eine möglichst lange Welle wünschen würde).

In dem gleichen Masse, wie Neulinge in die Bastlerszene strömen, ziehen sich die Profis frustriert zurück. In den letzten Wochen hörte ich immer wieder, dass man grundsätzlich nicht mehr in Internetforen liest, besonders nicht in sog. freien Foren. Als Grund wird häufig der allzu rüde Ton, die Besserwisserei von selbsternannten Profis und die haltlosen Angriffe unter einem Pseudonym genannt. Wie sehen Sie das?

zur Linde: Da lohnt ein differenzierender Blick. Nach meiner Einschätzung wird auf den weitaus größten Teil der Fragen mit dem ernsthaften Bemühen reagiert, hilfreiche Antworten zu geben. Aber wie im wirklichen Leben auch, sind es nur einige Wenige, die die Stimmung der Foren nachhaltig negativ prägen. Ganz besonders verurteilungswürdig empfinde ich es, wenn selbsternannte Röhrenpäpste auf Anfängerfragen mit dem Hinweis reagieren, man solle sich doch, bevor man solch »dumme« Fragen stelle, gefälligst erst einmal durch die grundlegenden Werke der Röhrenliteratur arbeiten, bevor man hier mitreden könne. Das habe man schließlich damals ja auch getan, und da habe es auch keinen gegeben, dem man »überflüssige« Fragen hätte stellen können. Basta!

Ihr anderes Leben beschäftigt sich mit Musik. Wie lassen sich Elektronenröhren und deren Technik mit Musik verbinden?

zur Linde: Die Musik, die ich heute mit meiner Band mache (Rock, Blues, Jazz, Soul), geht nur mit Röhrenverstärkern, sie sind einfach das passende Werkzeug. Damit sage ich nicht, dass Halbleiterverstärker per se schlechter seien, sie produzieren nur nicht den Sound, den ich für meine Musik brauche. Ein Flamenco-Gitarrist würde auch nie ernsthaft auf den Gedanken kommen, seine Musik auf einer Jazz-Gitarre spielen zu wollen, nicht, weil er Jazz-Gitarren ablehnt, sondern weil sie nicht den Klang erzeugen können, der den Flamenco auszeichnet.

Verteilen Sie im Haus auch alte Röhrenradios und verfügen Sie auch über eine begehbare HiFi-Anlage, so wie sie Roland Kraft in seinem Interview beschrieb?

zur Linde: Nie und nimmer! Alte Röhrenradios gehören ins Museum, im übrigen versprühen die dunkelbraunen Holzkisten einen gewissen »Muff«, den ich erdrückend finde. Die HiFi-Anlage hat nach meiner Kenntnis die Aufgabe, Musik zu reproduzieren – dazu muss ich nicht »in ihr herumlaufen« können.

Jeder hat so seine eigene Vorstellung über seinen Traumverstärker und -Lautsprecher. Wie sollte Ihre Kombination aussehen?

zur Linde: Ich habe eine Traumfrau und zwei Traumkinder, von Verstärkern oder Lautsprechern habe ich noch nie geträumt.

Wie definieren Sie selber HiFi und wie High-End?

zur Linde: High-End ist ein prestige- und vor allem profitträchtiges Modewort. Wem High-End bedeutet, 1000-Euro teure Lautsprecher- oder Netzkabel mit irgend welchen ominösen Eigenschaften benutzen zu müssen, der hat die einfachsten Grundgesetze der Physik nicht verstanden oder in der Schule nicht richtig aufgepasst. Aber die Menschen sind wohl so, bisweilen steht der Verstand still.

Glauben Sie nicht, dass die Röhrenverstärker-Technik teilweise zu sehr mystifiziert wird?

zur Linde: Ja! Ich beurteile das mal aus der Sicht des Musikers. Niemand wird doch wohl ernsthaft behaupten wollen, dass Jimi Hendrix noch genialer gespielt hätte, wäre sein Marshall mit Cold-Caps ausgestattet gewesen oder wenn jemand den Ruhestrom der Endröhren auf einhunderstel Millivolt genau abgeglichen hätte – das war dem wohl ziemlich schnurzpiepe. Und wenn der Transistor vor der Röhre erfunden worden wäre, hätte Jimi halt auf einem Halbleiterverstärker gespielt.

Wenn man gegenüber einem altgedienten Radio- und Fernsehtechniker den Begriff »HighEnd« erwähnt, muss man damit rechnen, dass an den Geisteszustand gezweifelt wird. Was meinen Sie: woher kommt das?

zur Linde: Weil ein »altgedienter Radio- und Fernsehmechaniker« die technischen Zusammenhänge kennt.

Kommen wir zur Musik: Welche Instrumente spielen Sie und welchen Verstärker nutzen Sie? Was evtl. noch interessiert: ist der Verstärker noch Original oder hat der »Röhrennarr« zur Linde getuned?

zur Linde: Elektrogitarre, akustische Gitarre, Dobro, Steelgitarre, Mundharmonika. Dass mein alter AC30 mich seit 40 Jahren treu begleitet, habe ich bereits erwähnt. Getuned ist nichts und wird auch garantiert nicht. Ich habe unzählige solcher »getunter« Geräte auf meiner Werkbank gehabt und stelle unmissverständlich fest: Alles Verschlimmbesserungen.

Ihre Frau spielt in der Blues Company den Bass und singt auch. Wie verträgt sich das im normalen Leben, also ausserhalb der Bühne? Oder ist sie es, die ein noch grösserer »Röhrennarr« ist?

zur Linde: Nicht nur, dass meine Frau Bass spielt, unsere Tochter ist auch unsere singende Frontfrau! (Wir sind nicht die Kelly Family!) Was kann man sich – neben einigen anderen Dingen, die hier im Verborgenen bleiben – schöneres vorstellen, als gemeinsam Musik zu machen? Die Kenntnisse meiner Frau in Hinblick auf Röhren beschränken sich auf die Einsicht, dass diese eine gewisse Ähnlichkeit mit Glühbirnen besitzen.

Abgesehen von den Kosten: würde es sich lohnen, einen Gitarrenverstärker selber zu bauen?

zur Linde: Etwas selbst zu bauen, macht immer Spaß, da mit Stolz verbunden; davon leben ganze Heimwerkerketten. Allerdings darf man seine (klanglichen) Erwartungen nicht so hoch hängen. Legendäre Fender-, Marshall- oder VOX-sounds bekommt man auch bei sorgfältigstem 1:1-Nachbau nicht hin.

Blindtests sind immer gefährlich. Kann es doch passieren, dass das gesamte technische Weltbild ins Wanken gerät. Ist Ihr Weltbild dabei schon einmal ins Wanken geraten?

zur Linde: Nein.

Wie schätzen Sie den derzeitigen Markt und das Käuferverhalten bezüglich HiFi und »Geiz-ist-Geil« ein? Wo liegen Ihrer Meinung nach die Chancen für kleinere Hersteller von HiFi- und Gitarrenverstärkern?

zur Linde: Im Zuge der Globalisierung tendieren die wohl – so bedauerlich man das im Einzelfall finden mag – gegen Null.

Musik, HiFi und Gitarrenverstärker: etwas, was nur scheinbar nicht zusammenpasst. Viele alte Rock- und Bluesstücke aus den 50’ziger bis 70’ziger wollen von CD nicht so recht klingen. Besonders schlimm wird es, wenn diese remastert wurden. Erst das vollständige Retro-Equipment (Dual-Plattenspieler, Röhrenverstärker) lässt die Stimmung von einst ins heimische Wohnzimmer übertragen. Wie zaubern Sie die Stimmung der 60’ziger und 70’ziger in Ihr Wohnzimmer?

zur Linde: Es ist ein Trugschluss zu glauben, man könne die Stimmung einer vergangenen Epoche mit Hilfe eines Plattenspielers im modernen Wohnzimmer reproduzieren. Wozu denn auch? Dann müsste ich mir mindestens die Haare wieder lang wachsen lassen und ein Che Guevara-Plakat an die Wand pinnen. Der 10-Plattenwechsler und das Röhrenradio, mit denen ich damals verzweifelt versucht habe, das Gitarrenriff von »House of the Rising Sun« herauszufuddeln (und grandios gescheitert bin), existieren auch schon lange nicht mehr. Warum wohl kommt niemand auf die Idee, seine HiFi-Anlage bei Ebay einzustellen, Edisons Tonwalzen auf einem Phonographen abzuspielen um in dem verzückenden Gedanken zu versinken, gerade den Sound des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu erleben?

Bei Rock- und Blues begeisterte Eltern wird der eigene Nachwuchs mehr oder weniger zwangsläufig mit dieser Musikrichtung gross. Was steht bei Ihrem Nachwuchs derzeit hoch im Kurs? Musikalische Rebellion, so wie bei uns damals?

zur Linde: Rebellion nicht, gegen was soll der heutige Nachwuchs denn auch schon rebellieren? Eltern sind heute zahm, keine Eichen mehr, an der die Sau sich wetzen kann. Beruhigend und tröstlich zugleich empfinde ich, dass beide Kinder nach einer mehr oder weniger langen Durchlaufzeit zu der Einsicht kommen, dass HipHop von der Wiederholung und einer gewissen Monotonie lebt. Das schlägt sich darin nieder, dass unsere Tochter eine begeisterte Bluessängerin geworden ist, unser (16 jähriger) Sohn gerade Steppenwolfs »Born to be Wild« als »ultrakrasse« Musik entdeckt hat.

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frihu

…hört gerne Musik. Über Röhrenverstärker. Musikrichtung egal. Ausser Jazz, Hip-Hop, House, Metal, Trash, Schlager, Volksmusik, Gangsta-Rap (noch schlimmer, wenn in Deutsch gebrüllt). Da krieg' ich ein Hörnchen. Autor der Bücher: Hören mit Röhren, Röhrenschaltungen und High-End Röhrenschaltungen. Artikel in hifi-tunes (Röhrenbuch 2): Bauteileauswahl für Röhrenverstärker und EL509 Single-Ended Röhrenverstärker im Selbstbau

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