300B-MK2

Historische Inszenierung, neu interpretiert!

Wieder einmal gibt man uns die 300B in Single-Ended. Diesmal jedoch nicht mit sattsam bekannter Besetzung (12AX7, 12AU7 oder 6SN7). Auf der Bühne steht das 300B-MK2 Ensemble! Interessant und ungewöhnlich zugleich. Vermutlich eine Hommage an die legendäre Urbesetzung unter der Regie von Western Electric. Übrigens: Hinter dem deutschen »Decknamen« 300B-MK2»versteckt sich ein Yaqin MS500B.

Also, das 300B-MK2 (oder eben MS500B) -Ensemble kann man mögen, muss man aber nicht. Zuviel Krach, zuviel Budenzauber lenken ein bisschen vom Wesentlichen des Stückes ab. Die »gewaltige Akkustik« des »deutschen« Yaqin 300B-MK2 lässt kaum Raum für Details – selbst an »schwachen« Lautsprechern nicht…

Das berühmt gewordene Ensemble unter der Regie von Western Electric bildeten damals zwei Pentoden (6C6 oder 310A), eine 274B Gleichrichterröhre und schlussendlich die legendäre Heldin, die 300B. Später wurde das Ensemble auf nur eine 310A abgespeckt. Bei der aktuellen Inszenierung hat der Intendant die Leistungspentode EL34 verpflichtet, die jedoch einen vorverstärkenden Stichwortgeber benötigt. Hier besetzt mit einer 12AX7-B. Ausgerechnet eine EL34, die doch ihrerseits reichlich Kraft hätte, den Gegenpart zur 300B zu spielen – quasi als Intrigantin. Pentode vs. Triode.

Das kann man alles machen und es gibt durchaus noch gewagtere Ensembles. Wenn man das richtig macht und vor allem mit sehr viel Geduld Feinabstimmungen vornimmt, dann kann das gut gehen. Sich aber »mal eben so« mit EL34 in der Besetzung an die 300B Single-Ended Inszenierung zu wagen, ist »gewagt«.

Interessant wird es, wenn man mal die Regieanweisung durchliest, sprich, sich die Schaltung näher betrachtet und vor allem mal Messgeräte zur Hand nimmt. Im 300B-MK2 (MS500B) wird die Heldin 300B zur Sklavenarbeit degradiert. Die EL34 verkommt zur »stehenden Nummer« und selbst ihr Stichwortgeber schafft es nicht, Akzente zu setzen. Selbst von der Nebenrolle (die Gleichrichterröhre) wird »unmenschliches« verlangt: Von Start weg muss sie mit Kapazitäten fertig werden, die oberhalb dessen liegen als das, was im Datenblatt als Maximalwert genannt wird.

Also, man kann von der »Maschendrahtzaun« (Mesh-Plate) 300B mit dem »optischen Budenzauber« halten was man will aber unter diesen Bedingungen kann sie einem leid tun. Ausserdem neigt diese 300B-Mutation zu divenhaften Allüren, die man prophylaktisch besser vorher unterbindet: Irgendwie geartete Wechselstromfelder, die die Antenne »Mesh-Plate« »dankbar aufnimmt«, lässt sie zickig werden! Snikers hilft da auch nicht mehr.

Für des 300B-MK2 Ensemble sollte eine ganz andere Regieanweisung gelten: Die 300B sollte etwas in den Hintergrund treten und den anderen Akteuren mehr Raum gegeben werden. Die EL34 sollte in ihrer Rolle als jugendliche Liebhaberin gestärkt und die 12AX7-B muss sich deutlicher akzentuieren. Die Nebenrolle sollte komplett umbesetzt werden.

Eine Hommage an 91A

Der Kathodenwiderstand der 300B wird durch einen korrigierten Hochleistungswiderstand ersetzt und die Parallelkapazitäten auf Normalmaß gestutzt. Zudem ist es ratsam noch etwas am Gitterableitwiderstand zu »drehen«. Um der »Mesh-Plate«-300B jeglichen Anflug zur divenhaftigkeit, auszutreiben, werden eine Handvoll µF mehr in der Heizspannungsversorgung für »Ausgeglichenheit« sorgen.

Im 300B-MK2 Verstärker darf die EL34 nur mit ganz wenigen Milliampere auf die 300B arbeiten – der dadurch entstehende Spannungshub entpuppt sich als »Spannungshübchen«. Das, was die EL34 hier leistet – dafür hätte man auch eine Kleinsignalpentode oder eine SRPP-Stufe nehmen können. Also bekommt die EL34 eine komplett neue Regieanweisung und kann nun endlich auch zum Klanggeschehen beitragen (pentodentypische, ungradzahlige, Oberwellen).

Und jetzt wird es Zeit, sich einmal um die 12AX7-B (aka 6N2) zu kümmern. Die bekommt nun einen fehlerfreien Text, sprich, die SRPP wird so umdimensioniert, dass sie nicht mehr so »wild herumkrakeelt«. Da das Ergebnis immer noch nicht so ganz überzeugt, wird diese Röhre später durch eine ECC82 (12AU7) ersetzt.

Die Gleichrichterröhre wird durch eine 5U4G von Electro Harmonix ersetzt und der ganze Kapazitätsballast (Siebkette) neu zusammengestellt. Hierbei muss man allerdings die beiden EL34 (ist ja eine Stereo-Aufführung) berücksichtigen: Ein »paar µF« über Normalmaß ist sicher kein Fehler!

Kurz zwischengehört – und ja, dankbar nehmen die Akteure die neue Regieanweisung an und beginnen nunmehr tatsächlich zu (be)zaubern. Trotz der nun etwas verringerten Leistung präsentiert sich diese Single-Ended wesentlich dynamischer… Spielfreudiger.

Mit einem kleinen Trick aus der Originalschaltung von Western Electric erzielt man dann das gewisse Etwas, wo man nicht mehr weghören will und das 300B-MK2 Ensemble »zur Höchstleistung« treibt: Klare Höhen und Mitten sowie ein stabiles Bassfundament.

Schlussakkord bei der 300B-MK2

Queensryche »Silent Lucidity« ist u.a. ein Hörteststück, bei dem man schnell festmachen kann, ob der Verstärker das tut, wozu er gedacht ist. Wer das Stück kennt, weiss, dass es ziemlich Zischanfällig ist und mitten im Klangbombast (Beachten Sie bitte: Mittendrin und nicht dabei oder danach) eine Frauenstimme mehrmals »Help me« ins Mikrofon haucht. Wer das am Lautsprecher hört, der sollte den Verstärker und die Lautsprecheraufstellung so lassen, wie es ist. Don’t touch a swinging system!

Anmerkung:
Der Einsatz von Full-Music 300B empfiehlt sich nicht!

Gut gemacht! Der Verstärker strahlt nun wirklich das 300B-Flair ab. Stereobühne, Dynamik, Durchzeichnung: Passt. Danke!…

Hinweis: Der ursprüngliche Artikel stammt von Ende 2011/Anfang 2012!

frihu

…hört gerne Musik. Über Röhrenverstärker. Musikrichtung egal. Ausser Jazz, Hip-Hop, House, Metal, Trash, Schlager, Volksmusik, Gangsta-Rap (noch schlimmer, wenn in Deutsch gebrüllt). Da krieg' ich ein Hörnchen. Autor der Bücher: Hören mit Röhren, Röhrenschaltungen und High-End Röhrenschaltungen. Artikel in hifi-tunes (Röhrenbuch 2): Bauteileauswahl für Röhrenverstärker und EL509 Single-Ended Röhrenverstärker im Selbstbau

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