Canor TP106 VR+

The Show must go on

Ich nehme es vorweg. Ohne Show geht es bei Canor auch nicht. Wird der TP106 mit dem Netz verbunden, springt er zunächst einmal im Standby-Modus. Der an der Front angebrachte Power-Schalter (ein »Sensor-Tipp«-Schalter) bringt den Verstärker dann auf »touren«. Die LED einer Kanalanzeige blinkt dabei hektisch und mahnt zur Geduld. Wer denkt, dass sich jetzt die Röhren aufheizen, irrt sich. Es passiert zunächst – Nichts (von Interesse).

Nach einer Ewigkeit von gut und gerne 40 Sekunden hört man ein Klick und die volle Lightshow erstrahlt. Die LED blinkt immer noch (diesmal langsamer) und die Röhren fangen an zu glühen. Nach weiteren vierzig Sekunden klickt es erneut und die eigentliche Versorgungsspannung nebst Heizspannung für die Gleichrichterröhren werden dazugeschaltet. Scheinbar ist der Verstärker nun betriebsbereit.

Denkste.

Die Röhrengleichrichter sind bei weitem noch nicht soweit. Erst gemächlich bequemen sie sich, die Spannung auf Soll hochzufahren. Da stirbt die »Schutzdiode« wenigstens nicht. Das muss man auf den Schirm haben, sonst sucht man einen Fehler, der nicht da ist. Erst, wenn die rot blinkende LED zum oragenem Dauerleuchten wechselt, wird der Verstärker freigegeben. »Mal eben« Musik hören, ist nicht. Canor lässt den Einschaltvorgang zelebrieren…

Diese Einschaltprozedur ist so nicht mit einem einzigen Netztrafo zu bewerkstelligen. In dem vergossenem Kasten müssen also wohl zwei Ringkerne stecken. Der zweite Trafo wird erst mit der zweiten Einschaltstufe »irgendwie« dazugeschaltet. Eine andere Erklärung gibt es nicht, weil es keine weitere Elektronik gibt.

Wohin?

Der Canor hatte schon einen Werkstatt-Aufenthalt hinter sich. Zumindest ist da mal herumgelötet worden. Bis auf die ersetzten Röhren scheint aber sonst alles Original zu sein.

Servicefreundlichkeit

Kommen wir noch einmal zu den Kathodenwiderständen. Diese – und die Messpunkte – werden erst dann sichtbar, wenn die 6550 abgezogen werden. Preisfrage: Wie soll man den Ruhestrom – ohne zusätzliche Mehrausgaben in Form von vier Adapter-Mess-Sockeln – ermitteln? So, wie jetzt – nahezu unmöglich. So gut das alles ausieht – Nein, das scheint nicht durchdacht.

Auf den Oktal-Röhrenfassungen befanden sich noch Reste von irgendeinem Kleber. Vermutlich sollte das dem Zweck dienen, die 6550 an ihrem Platz zu halten. Da gibt es aber Besseres aus dem Bereich Gitarrenverstärker…

An den Steckverbindungen waren bereits mehr oder minder gute Markierungen aufgebracht. Ich möchte fast wetten, dass die Sache mit dem Bratenfett schon einmal ein Thema war. Also, dann mal froh Gemut an’s demontieren. Da kommt »Freude« auf.

Von wegen

Als erstes müssen die Steckverbinder dran glauben. Alle. Es war nicht (mehr) möglich, die gecrimpten Kabel bestimmungs- und ordnungsgemäß aus den Kontakten zu ziehen. Bei einem ersten Versuch zerlegte sich sofort ein Steckkontakt in seine Einzelteile. Und da wurde das Dilemma deutlich: Die elektrische Verbindung war alles andere als sicher.

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Beispielsweise der Heizstromkreis der Endröhren: Da huschen die 6,3V locker mit 6 Ampere durch die Leitung. Bei den entsprechenden Steckkontakten war die Verbindung in der Größe eines Stecknadelkopfes. Da kann man sich an fünf Fingern abzählen, wann es soweit ist…

Was den späteren Ruhestromabgleich betrifft, verfalle ich auf eine höchst pragmatische Lösung. Also, nicht unbedingt »Glitzer-HighEnd« – aber sicher und funktionell.

Spannung

Ja, es wird spannend. Denn die Versorgungsspannung scheint für die 6550 alles andere als gesund. Im Leerlauf fahren die GZ34 auf 560V Gleichspannung hoch. Da brauche ich kein Datenblatt, um zu erkennen, dass das für die 6550 – wegen Schirmgitter – ein bisschen zuviel ist.

Das Schirmgitter ist bei der 6550 eben der »Schwachpunkt«. Laut Electro Harmonix (Original-Röhrenbestückung) dürfen hier maximal »nur« 440V anliegen. Dass sich dieser Maximalwert auf den Pentodenmodus bezieht, steht allerdings nicht dabei. Das alte Tung-Sol Datenblatt ist da hilfreicher.

Sowohl im Trioden- als auch im Ultralinearmodus darf am Schirmgitter nämlich etwas mehr anliegen: Maximal 500V. Plus kalkulatorische Toleranz, die jede Röhre aushalten sollte.

Bei einem späteren Testlauf werden derartige Befürchtungen relativiert. Unter Last (wenn alle Röhren gesteckt sind) sackt die Spannung deutlich ab.

Reparatur / Customize

Das kann man relativ kurz machen.

Bei Kontaktproblemen sucht man nicht lange, sondern lötet alles nach, was einem vor die Flinte kommt. Besonders die Kontakte der Röhrenfassung. Dabei fanden sich dann tatsächlich drei unsaubere Lötverbindungen.

Erwartungsgemäß musste noch eine Schaltungskorrektur vorgenommen werden. Das ist mittlerweile Tagesgeschäft, weil sich kaum noch ein Hersteller an Datenblattvorgabe der Röhren halten will.

Die Siebkapazität wird abgespeckt. Das, was übrig bleibt, ist sowieso reichlich. Ein zusätzlich MKP bringt die langsameren Elkos »auf Trab«.

Die jeweiligen Kathodenwiderstände werden durch Drahtmaterial ersetzt, eine Vorrichtung »gebastelt«, um Ruheströme zu schnell und einfach zu ermitteln und dann heisst es: Alles wieder – zunächst provisorisch – zusammenbauen und messen.

Ein Pärchen 12AT7 (ECC81) hat sich ihre Pension verdient und müssen ersetzt werden. Schade um die »blaue« Philips 12AT7.

Ruhestrom

Erst wenn alle (!) Röhren gesteckt sind, kann ein korrekter Abgleich erfolgen!

Von Start weg werden die 6550 auf rund 30mA Ruhestrom hochgefahren. Obwohl die BIAS-Regler am Anschlag stehen und die Röhren hätten sperren müssen. Das ist so gewollt. Der Ruhestrom lässt sich so nur noch »hochdrehen«. Auch, wenn es nicht gefällt – das soll so. Zitat aus dem Manual:

Caution! Inside your CANOR TP106 VR amplifier there are no parts or adjusting features that user can set or correct

Das ist – logischerweise – falsch. Den 6550 wird eine BIAS von rund 50mA spendiert. Da über 1Ω-Widerstände gemessen wird, ist die gemessene Spannung gleich Milliampere!

Resumee

Alle Verbindungen zur Platine sind nun elektrisch sicher verlötet. Was anderes bleibt gar nicht übrig. Es bleibt bei einem anstehenden Röhrenwechsel auch nichts anderes übrig, als den Verstärker ausser Haus zu geben. Denn dieser Vorgang will mit Messgeräten »begleitet« werden. Matching ist beim TP106 ein absolutes Muss.

Der Klang an sich ist ordentlich. Das meine ich genauso. Die versprochene Leistung bringt der TP106 locker. Zumindest messtechnisch – ob man sich wirklich über 40W im Wohnzimmer antun will, muss jeder selber wissen. Wäre nicht die Lightshow, man würde kaum hören, dass der Verstärker »unter Dampf« steht.

Und wäre die Konstruktion und die Servicefreundlichkeit genauso, wie der Klang, dann könnte man zufrieden sein.


Kundenresonanz mit heutigem Datum

der Canor ist unbeschadet bei mir eingetroffen und macht was er soll; spielt ordentlich Musik.

Vielen Dank auch für den netten Kontakt.

Ich würde mich freuen, wenn ich das Gerät bei einer notwendigen Revision wieder in Ihre Hände geben dürfte.

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frihu

…hört gerne Musik. Über Röhrenverstärker. Musikrichtung egal. Ausser Jazz, Hip-Hop, House, Metal, Trash, Schlager, Volksmusik, Gangsta-Rap (noch schlimmer, wenn in Deutsch gebrüllt). Da krieg' ich ein Hörnchen. Autor der Bücher: Hören mit Röhren, Röhrenschaltungen und High-End Röhrenschaltungen. Artikel in hifi-tunes (Röhrenbuch 2): Bauteileauswahl für Röhrenverstärker und EL509 Single-Ended Röhrenverstärker im Selbstbau

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