Leben CS600

Den Leben CS600 wollte ich immer schon mal unter die Lupe nehmen. Jetzt war die Gelegenheit gekommen. Grund für die Audienz war einfach nur ein Gesundheitscheck. Nach über zehn Jahren wäre das auch mal an der Zeit. Ob ich mich denn so nebenbei dem Kanalaussetzer widmen könne? Ist wahrscheinlich nur das Poti. Meinte der Besitzer.

Der CS600 ist vermutlich älter als zehn Jahre. Auf der Rückseite findet sich keine Mülltone (RoHS-Konformitätszeichen) und ein mit Edding aufgemaltes CE-Zeichen. Letzteres ist der Grund, warum der Verstärker ganz genau unter die Lupe genommen wurde. Durch den Transport hatte der Verstärker zudem einen leichten »Schlag« wegbekommen (nicht ganz passende Verpackung). Noch ein Grund, genau hinzuschauen.

cs600-vorne

cs600-ce

Watt haben wir?

Erst einmal einen durchdachten und blitzsauberen freiverdrahteten Aufbau. Mit wirklich guten Bauteilen – ohne Schmuh und Schmäh. Und dann das Eisenmaterial erst. Damit meine ich Übertrager, Netztrafo und die Wahnsinnsdrossel. Die Übertrager sehen übrigens nach M-Kern aus. Das ist für japanische Verhältnisse ungewöhnlich. Trotzdem, nach dem Kies-Desaster eine Wohltat. Es geht also wirklich ohne »verpotten«.

cs600-uebertrager

Schaltung?

Steht so im groben in der Bedienungsanleitung: SRPP direkt an die Long Tailed Pair (Phasenumkehr, Phase Splitter) angekoppelt, über Koppelkondis dann die Endröhren die in Gegentakt Class-A arbeiten. Also »mit ohne« Ruhestromregelung. Letzteres bedingt dann dicke Kathodenwiderstände, die in »meinem« Leben CS600 bereits teil-ersetzt wurden.

Moment. So einfach wie sich das anhört, ist das aber nicht gemacht.

Netzteil

Das ist bei Leben generell eine spezielle Geschichte. Spannungsverdopplung nach »Greinacher Art« und dann kommt im CS600-Modell die 6CJ3-Gleichrichterröhre ins Spiel. Das ist nicht einfach nur eine Gleichrichterröhre, sondern eine »Dämpfungs-Diode« (hier mit einem speziellen Aufbau der Anode) aus früheren (amerikanischen und japanischen) Fernsehgeräten. Vermutlich in eine Art Schutzschaltung…

Ihre Hauptaufgabe könnte man hier auch mit anderen Röhren-Dioden erreichen: Nämlich das sanfte hochlaufen der Betriebsspannung. Dass so eine Röhre bzw. eine Gleichrichterröhre den Klang eines Verstärkers beeinflusst, weiss übrigens jeder, der seine Elektro-Klampfe mit einem Röhrenverstärker Gehör verschafft.

Vorstufe

In meinem CS600 sind pro Kanal zwei 6CS7 verbaut. Das sind zunächst einmal Doppeltrioden, die man früher ebenfalls in Fernsehgeräten eingesetzt hatte. Die Besonderheit ist, dass die beiden Triodensysteme, anders als zB. 6SN7 oder ECC82, nicht gleich sind und so sind sie auch beschaltet.

Sowohl für die SRPP als auch für die Phasenumkehr werden zwei gleiche Triodensysteme benötigt. Warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht: Je eine Triodenhälfte der beiden Röhren wird für die SRPP, die andere Hälfte für die Phasenumkehrstufe verwendet.

Anders als sonst so üblich, ist die SRPP nicht auf hohe Verstärkung ausgelegt. Am Eingang des CS600 muss also schon etwas Pegel »da« sein, damit man den Verstärker voll aussteuern kann.

Und das führt sofort zu einer »Trickschaltung«: Da SRPP ja von Haus aus jede Emotionalität im Keim erstickt, sollte man schon dafür sorgen, dass ein Röhrenverstärker mit SRPP-Vorstufe so etwas wie Röhrenklang entstehen lässt. Etwas, was normalerweise Pflicht sein sollte.

Das dachte man sich auch für den CS600. Mit dem Unterschied, dass man das sogar noch in gewissen Grenzen selber steuern kann. Mit dem dreistufigen Umschalter kann man den Leben noch mehr Leben einhauchen. Den Umschalter hat man »Bass-Booster« getauft. Und so wirkt er auch. Dazu später.

Endstufe

Standardmäßig kommt der CS600 mit 6L6GC-Röhren bzw. mit deren Military-Varianten. Man kann auch eine EL34 bzw. 6CA7 einstecken. Damit das sauber funktioniert, gibt es zwei Umschalter (richtige Männer-Schalter, für die man beim umlegen des Kipphebels etwas Kraft benötigt).

Mit einem Schalter wählt man die Betriebsspannung für die jeweilige Röhre. Mit dem anderen Schalter werden die Kathodenwiderstände »angepasst«. Für die 6L6GC ist das der 680Ω-Widerstand. Für die EL34 wird der 1,5kΩ-Widerstand parallel dazugeschaltet. Der sich einstellende Ruhestrom liegt mit etwa 50mA pro Röhre in einem gesunden Bereich. Sieht man auch nicht allzu oft.

Wenn man auf den »Kinkless-Trip« ist, kann man die KT66 oder die KT77 einsetzen. Muss man aber nicht. Anders als man selbst im Leben-Manual angibt, sollte man es erst gar nicht mit anderen Röhren versuchen. Warum auch?

Ich denke, dass »Marketing« hier eine grosse Rolle gespielt hat. Genauso, wie man im »Manual« geschickt historische Namen (mit sehr guter Reputation) in’s Spiel bringt… Darauf stehen ja die Söhne der Morgenröte…

Die EL34 bzw. die 6L6GC arbeiten im CS600 übrigens im Pentoden- bzw. Tetrodenmodus. Schirmgitterwiderstände gibt es ebensowenig wie den Gridstopper am Steuergitter. Da die dicken Kathodenwiderstände kein guter Schutz bei einer Amoklaufenden Röhre sind, findet sich im Leben ein Schutzwiderstand am Anodenanschluss: Ein Halbwatter Carbon-Composit Widerstand. Sollte eine Röhre randalieren, dann kokelt dieser Widerstand ab. Garantiert.

Und wenn das passiert ist, dann hat man die regelmäßig nötigen Wartungsintervalle nicht ernst genommen. Röhren leben ja nicht ewig. Jetzt zum

frihu

…hört gerne Musik. Über Röhrenverstärker. Musikrichtung egal. Ausser Jazz, Hip-Hop, House, Metal, Trash, Schlager, Volksmusik, Gangsta-Rap (noch schlimmer, wenn in Deutsch gebrüllt). Da krieg’ ich ein Hörnchen.

Autor der Bücher:
Hören mit Röhren, Röhrenschaltungen und High-End Röhrenschaltungen.
Artikel in hifi-tunes (Röhrenbuch 2):
Bauteileauswahl für Röhrenverstärker und
EL509 Single-Ended Röhrenverstärker im Selbstbau

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