Magnat RV2

RV2 Tuning

In diesem Fall will ich, wie angedeutet, nicht vom Customize sprechen, sondern tatsächlich vom tuning. Heisst: Wir legen den RV2 etwas tiefer, drehen etwas am Zündzeitpunkt und stellen noch das Benzin-Luftgemisch komplett neu ein.

Beim RV2-BD stellt sich die Frage, ob Umbau auf Ultralinear sinnvoll ist. Das geht aber nicht ohne »Kunstgriffe«. Die Übertrager-Abgriffe sind ja da. Was stutzig machen sollte, sind die Kabelfarben der Steckverbindungen! Gegenüber dem »einfachen« RV2 sind diese beim RV2-BD spiegelbildlich vertauscht… Nachtrag 5.11.2014: Ist nicht sinnig…

Netzteil

Eine Gesamtkapazität zur Siebung der Versorgungspannung wird diesmal kräftig erhöht! »Richtige« Bassimpulse sind Energiefresser – also muss da ein Energiespeicher sein, der nicht so leicht »leergesaugt« wird. Hohe Siebkapazitäten haben aber den Nachteil, dass diese doch recht träge werden. Ein »dicker« MKP mindert die Trägheit…

Im Leerlauf produziert das nackte Netzteil etwa 540 Volt. Unter »richtiger« Belastung stehen da gut 500 Volt (!) an. Nach dem Kapazitäten-upgrade stehen die aber recht stabil an. Übrigens: Ein einzelner 500V-Siebelko geht zwar – ist hier aber etwas grenzwertig und so werden eben zwei Elkos seriell geschaltet. Bis nämlich die Spannung abgesackt ist, dauert es… Die Wingend-C 6550 lassen sich nämlich etwas Zeit (auch wenn der Timer das Signal freigibt, sollte man den Röhren hier noch ein bis zwei Minuten geben, bis sie wirklich voll da sind).

SRPP-Vorstufe und Phasenumkehr

Eine ECC83 (12AX7) ist als vorverstärkende Röhre nicht unbedingt die beste Wahl. Sicher, eine ECC83 kann einen ordentlichen Spannungshub erzeugen – ist hier aber eigentlich nicht notwendig. Wenn schon SRPP, dann wäre hier eine ECC81 (12AT7) oder eine 6N1P die bessere Wahl. Letztere geht übrigens wegen der 12,6 Volt Heizspannung nicht!

Die DC-gekoppelte Phasenumkehr (Long Tail Pair) ist soweit in Ordnung – passt aber frequenzmäßig eher in einem Gitarrenverstärker. Was nutzt die untere Grenzfrequenz von noch nicht einmal 1Hz die die 12AX7 passiert könnte, wenn hier frequenzmäßig quasi eine Vollbremsung hingelegt wird?

Nach der Phasenumkehr findet sich ein kleines Boucherot-Filter welches ebenfalls dafür sorgen soll, dass frequenzmäßig keine Ausreisser durchkommen. Dieses Filter findet sich vorzugsweise in Gitarrenverstärker und soll den Sound etwas »smoothen« (Musikerjargon). Ich persönlich mag ja solche Tricksereien – aber nicht hier und an dieser Stelle.

Ich mache es kurz:
Die komplette Eingangsstufe wird auf eine »vernünftige« 12AX7-SRPP umgebaut. Es war leider nicht möglich, hier auf eine 12AT7 oder 12AU7 umzurüsten. Nach dem siebten Versuch habe ich aufgegeben und eben die 12AX7-SRPP optimiert. Waren es vorher etwa 32dB Verstärkung, bringt es die »neue« SRPP auf etwa 37dB. Damit dürfte auch eine KT88 gut zurechtkommen! Die Phasenumkehr wird zu mehr »Spielfreude« überredet. Zudem werden sämtliche Koppelkapazitäten ersetzt. Nicht weil die WIMA-Typen »untauglich« gewesen wären – die Werte mussten eh’ korrigiert werden.

Anmerkung: Die dB-Berechnung ist eher ein theoretischer Wert. Ein, für SRPP, wichtiger Punkt, kann hier nämlich nicht berücksichtigt werden. Die Berechnung ist also tatsächlich ein »Pi-mal-Daumen« Wert. Soviel Ehrlichkeit muss sein.

Endstufe

Die Beschaltung der Endröhren wird »optimiert«. Kathoden- und Schirmgitterwiderstände werden durch angepasste Drahtwiderstände (Leistung und Wert) ersetzt. Wenn etwas schief geht, brennen die schnell durch. Der Wert des Gitterwiderstandes wird Röhrenherstellerkonform angepasst, was hier unweigerlich zu höheren Koppelkapazitäten führt, damits wenigstens noch schaltungstechnisch mit dem Subcontra-C (16Hz) klappt.

Eine kleine, dezente, Messorgie bestätigt dann, dass zumindest der Übertrager noch gut mit dieser Frequenz zurecht kommt. Auch akustisch macht sich nun der Vier-Zylinder schon ganz gut, leider aber noch etwas matt im Bass und zuviel »Klingkling« in den Höhen. Typisch Tetrode die von SRPP angetrieben wird…

Gezielte Unsauberkeiten

Für die röhrentypische »Unsauberkeiten« sorgen zum einen eine dezentere Gegenkopplung (vor allem frequenzmäßig) und zum anderen ein Griff in Mr Williamsons Zauberkiste. Letzteres sollte übrigens Pflicht werden, wenn man SRPP als Vorstufe in Leistungs-Röhrenverstärkern einsetzt. SRPP und Klang – das ist ein Widerspruch. Beim RV2-BD darf man hingegen aus dem »Vollen« schöpfen…

A propos SRPP: Ein Hochlegen der Heizspannung ist hier nicht unbedingt nötig. Sicher, schöner wär’s schon… Ach, und noch etwas: Man belässt es bitteschön bei der 12AX7 von Electro Harmonix. Mit den Röhren von anderen Herstellern konnte ich mich persönlich nicht anfreunden.

rv2_tuning

Zu guter Letzt rundet ein Boucherot-Glied an den Lautsprecherausgängen den Klang etwas ab: Es linearisiert zum einen die Lautsprecher, zum anderen schützt es »vor plötzlich abfallenden Lautsprecherkabeln«.

Hören, Fühlen, Tinitus

Der Ruhestrom wird hier auf knapp 43mA (!) je Röhre beim Ultralinear RV2-Modell und 50mA beim RV2-BD Modell eingestellt. Damit werden die Endröhren richtig wach und lassen hören, was sie können. Jetzt dürfen auch ohne weiteres gute KT88-Röhren eingesetzt werden. Klingt auch. Nur etwas anders. Ist Geschmackssache.

Die Ruhestromeinstellung beim RV2-BD ist nicht ganz so einfach, da die Zusatzplatinen die Messpunkte an den Kathodenwiderständen der 6550 teilweise verdecken. Update April 2015: Es werden zusätzlich Messpunkte angebracht. Dann gestaltet sich der Ruhestrom-Abgleich wesentlich einfacher!

Die digitalisierten Böller aus der 1812 Overtüre rumsen nun an den grossen Nuberts 681, dass man sich, wenn man unvorbereitet ist, erschrickt (Memo an mich: Testhörer demnächst vorwarnen). Frank Fischers Bass trifft die Magengrube sehr akzentuiert und selbst die deutsche Combo »Kraftwerk« macht ihren Namen alle Ehre und klingen nicht wie eine Photovoltaik-Anlage. Und glauben Sie bloss nicht, dass die Mitten oder Höhen verwässert bzw. »verrumst« werden. Es ist alles da, wo es hingehört (so es denn auch auf CD oder Schallplatte drauf ist) und so manche Vibraphon-Note sowie Cello-Strich liess das Trommelfell angenehm »flirren«.

Damit haben wir nun (fast) einen typischen 6550-Röhrenverstärker mit allen Stärken und Schwächen. Wer hier nun KT88 einsetzen will: Bitte zuerst den Artikel über Ruhestromeinstellung lesen und vor allem die Betriebsspannung im Auge behalten! Bei meinen Versuchen brachten die Sovtek-KT88 mit etwas mehr als 45mA das beste klangliche Ergebnis.

Ein Wort zu Grandmaster Flash »White Lines«: Ich fand das Stück – auch als HipHop-Gegner – damals schon gut. Damals wars aber noch zu »abgehoben«. Heute ist Grandmaster Flash in den Feuilletons etabliert. Und plötzlich hat Grandmaster Flash etwas mit Kultur zu tun…

Nachtrag:
Am 6. Oktober 2014 setzte ich mich mit Magnat in Verbindung, um Details zu den »Tuning-Möglichkeiten« zu eräutern. Die Reaktion darf man durchaus als positiv bewerten. Vielleicht gibt’s ja eine Neuauflage des RV2?

1. November 2014: Natürlich habe ich im Netz nach diesem »RV2-BD« recherchiert und nur eine einzige (französische) Website gefunden, die sich explizit auf den »RV2-BD« bezieht und auch nur den Ruhestromabgleich abhandelt…
Um festzustellen, welchen RV2 man hat, muss man von unten durch die Lüftungsschlitze des Bodenblechs schauen. Erkennt man rechts und links hinten »Zusatzaufbauten«, dann hat man einen »RV2-BD« (was so schlecht ja auch nicht ist… Im Gegenteil…)

Zu 6550: Generell sollen hier wirklich extrem gute Röhren eingesetzt werden. Mit Röhren zum »Rausverkaufpreis« tut man sich wirklich keinen Gefallen. Alternativ können / dürfen – Nein, müssen, gute KT88 (oder Alternativ KT90) eingesetzt werden – was sich vor allem auf die Ultralinear-Version bezieht! Beim »RV2-BD« kann / darf die Standardröhrenbestückung bleiben.

Zu KT88: Bevor Sie Geld zum Fenster herausschmeissen, lassen Sie sich bitte beraten und schauen Sie rechts im Kasten »Querverweis«!

Meinung zur Ultralinear-Version des RV2:

[…] Fazit: Tuning im Bass super, Durchhörbarkeit sehr gut, Luftig, Power satt, im Hochton nicht an allen LS passend.

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frihu

…hört gerne Musik. Über Röhrenverstärker. Musikrichtung egal. Ausser Jazz, Hip-Hop, House, Metal, Trash, Schlager, Volksmusik, Gangsta-Rap (noch schlimmer, wenn in Deutsch gebrüllt). Da krieg' ich ein Hörnchen. Autor der Bücher: Hören mit Röhren, Röhrenschaltungen und High-End Röhrenschaltungen. Artikel in hifi-tunes (Röhrenbuch 2): Bauteileauswahl für Röhrenverstärker und EL509 Single-Ended Röhrenverstärker im Selbstbau

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