Alles Yaqin – oder was?

Die Ballade vom Yaqin MC5881!

Tja, was soll man schreiben? Mal wieder ein umgelabelter Röhrenverstärker aus bekannter Fabrikation. Lesen Sie die anderen entsprechenden Berichte, dann brauche ich mich hier nicht zu wiederholen. Sie wissen schon: Koppelkondensatoren, Signalführung, Arbeitspunkte etc. etc. pp. »Wiederholungen gefallen nicht«, soll Julius Cäsar gesagt haben.

Halt! Bleiben Sie mal ruhig hier. Es gibt etwas Neues. Zumindest was dieses SP9-Modell (im Besonderen) und den Yaqin MC5881 (im Allgemeinen) betrifft. Um es gleich vorweg zu nehmen: Man kann den Herstellern ja alles nachsagen aber irgendwie blieben sie immer auf den Boden der Tatsachen. OK, die technischen Daten schwanken mal mehr, mal weniger stark. Das liegt aber hauptsächlich am Vertriebskanal. Dieses, auf SP9, umgelabelte Modell protzt(e) allerdings mit Daten, die der ursprüngliche MC5881-Röhrenverstärker gar nicht liefern kann bzw. konnte!

Oder – noch deutlicher: Weder Yaqin als Hersteller dieses Röhrenverstärkers noch die Hersteller der verwendeten Kondensatoren sind für das verantwortlich, was man mit den jeweiligen Produkten anstellt(e). So ähnlich erging es ja auch seinerzeit Alfred Nobel, der deswegen ja Konsequenzen gezogen hatte…

SP9 – die finale Potenz von edel?

Bei mir hört der Spass auf, wenn mit der Sicherheit anderer Leute gespielt wird oder wenn Kunden zu haiendigen Opfern werden. Angepriesen wird wurde dieser »getunte High-End«-Verstärker mit 30 Watt (je Kanal) und einem Frequenzgang, der richtig neidisch macht: 5Hz bis 79kHz. Praktisch der gleiche Verstärker – nur mit einem anderen melodisch klingenden Namen – kostet, ohne »High-End Glitter«, weniger. Aus gleicher Hand wohlgemerkt. Mit etwas Kenne von der Materie hätte man beim gekonnten Fabulieren die obere Grenzfrequenz so im Bereich von 100kHz gelegt… Ernsthaft: Die 5Hz sind wahrscheinlich nur dann erzielbar, wenn dieser arme, verbastelte, Verstärker eine Leistung von ganz wenigen Milliwatt abgibt.

Also, ich habe nichts gegen ein gewisses Maß an Kreativität. Und manche Marketingmaßnahme ist so blöd, das es schon wieder gut ist. Wenn es aber ums handwerkliche geht, dann muss man pfuschen »Kreativ-Sein« schon können. Das wird jedem Auszubildenden im ersten Lehrjahr beigebracht: »Bevor man anfängt zu pfuschen, lerne erst einmal, wie es richtig geht.«

Zunächst zum »ungetunten« Originalgerät: Der MC5881 ist mit 6N1 und 5881 (oder 6L6GC) Röhren bestückt und arbeitet in Class-A Push-Pull. Dazu kommen noch optische Leckerlis in Form von zwei magischen Augen (Typ 6E2). Seriöserweise wird dieser Röhrenverstärker mit etwa 20 Watt RMS (!) offeriert. Seltsamerweise entspricht dieser Wert in etwa einer Sinusangabe. Je nach Phantasie des Vertriebs leistet dieser Verstärker aber immer etwas mehr. Sagenhafte 30 Watt hat aber – wie von diesem Schamane offeriert – noch keiner geschafft. Da dieser Gegentakter in Class-A läuft, also ohne Ruhestromregelung, sind etwa 15 bis 20 Watt Maximalleistung realistisch. Zum Vergleich: In Class-AB wären etwa 35 bis 40 Watt Sinus drin.

sp9_innenErst vergleichende Photos eines Original-MC5881 mit dem, was da kopfüber auf meiner Werkbank stand, offenbarte die Realität: Das ist war ein Yaqin MC5881 (fast) von der Stange. Auch wenn diesem Verstärker die magischen Augen fehlten – schaltungstechnisch (!) ist war alles da – es fehlten nur die optischen »Leckerlis«. Dabei stand und stehts bei dem SP9 auch noch dick und fett auf der Trafoabdeckung drauf: Integreated Vacuum Tube Amplifier with Headphone Output and Magic-Eyes.

Entgegen den Anpreisungen wurde bei diesem Verstärker kaum etwas (sinnvoll) geändert. Und das, was da geändert wurde, entsprach nicht dem, womit der SP9 (also dieser »getarnte« MC5881) offeriert wurde (Kundenaussage). Beim Betrachten des Verbautem war ich mir nicht ganz sicher, was das alles zu bedeuten hatte. Kann ja sein, das man einen technischen Fortschritt nicht mitbekommt oder das plötzlich physikalische Grundregeln geändert wurden… Es folgte ein Telefonat mit dem HaiEnd-Vertrieb am 26.1.2013. Ein weiteres »Gespräch« im Oktober 2013 bleibt nicht nur mir in Erinnerung.

voodoo_kondensatoren Es wurden andere Koppelkondensatoren eingelötet und wirklich überaus exakt mit Kupferfolie umklebt. Leider bin ich zu blöd, um den Sinn zu kapieren. Wäre Mu-Metall nicht das bessere Material für den beschriebenen Effekt gewesen? Ich bin auch zu blöd, um den Sinn von 250 Volt Kondensatoren zu verstehen, wenn die Versorgungsspannung weit darüber liegt und die Höhe des Spannungshubs (Verstärker, you know?) auch nicht vernachlässigt werden sollte. Wirklich – ich kapiers nicht. Scheiss Physik.

voodoo_kondensator_kleister Des weiteren wurde mit klebrigem Etwas »getunt«, dazu ein paar zusätzliche Elkos (zwei 400V und drei seriell geschaltete 160V-Typen). Zum Schluss sorgt ganz viel Heisskleber dafür, dass beim möglichen platzen der 160V-Elkos der Schall gedämmt wird: Den Elkos fehlte nämlich samt und sonders die überhaupt nicht notwendigen ohmschen Spannungsteiler, damit jeder Elko auch tatsächlich nur die maximale, ihm zugedachte, Spannung sieht. Das ist nun wirklich die »finale Potenz von edel«.

Schwamm drüber.
Zum Glück stammt dieser Verstärker von Yaqin und das Gros der Bauteile ist bzw. war in Ordnung. Um überhaupt beurteilen zu können, wie das Gerät an sich klingt klang, musste erst einmal zurückgebaut werden. Zunächst einmal werden wurden spannungsfestere und korrekt dimensionierte MKP’s als Koppelkondensatoren eingelötet. Das eingelötete Wunder-Kondensator-Konglomerat wurde später bei einer schnöden Pulle Bier entweiht.

Der Klang war dann auch wie erwartet: Irgendwie fehlte da etwas und es schien so, als ob der Verstärker nicht in die Puschen kommen wollte. Da konnten selbst die guten Koppelkondensatoren nichts reissen. Heisst: Klanglich eher schlank mit etwas zu überbetonten Höhen.

Nachtrag Dezember 2014: Class-A typisch geht bzw. ging es auch mächtig heiss zur Sache, was auch für die Ruhestrom-Einstellung der 6L6GC bzw. 5881 Röhren galt bzw. gilt: Mit dem »Self-BIAS« wurden bzw. werden die Endröhren am oberen Limit gefahren (bezogen auf die maximalen Anodenverlustleistung).

SP9 / MC5881 Customize

Netzteilseitig wird ein echter Mundorf Tube Cap eingebaut und hilft dem dicken 470µF Siebelko gewaltig auf die Sprünge. Die Wahl auf den Mundorf-Quader hat übrigens auch ganz praktische Erwägung: Er passt exakt dorthin und lässt sich leicht fixieren (vulgo betriebssicher installieren – ganz ohne Kleisterzeugs). Dann noch einen Entladewiderstand eingelötet – das Nichtvorhandensein dieses Widerstands und eine Unachtsamkeit sorgte an der Werkbank für Spannung, Sport und einen schweren aber temporären Torret-Anfall.

Die eingangsseitige SRPP-Stufe erfährt eine Korrektur und auch an der Phasenumkehr wird etwas geschraubt. Ein guter Gegentakter steht und fällt mit der Qualität und vor allem Stabilität der Phasenumkehrstufe! Da 5881- oder 6L6GC-Röhren zum Einsatz kommen, muss man sehr sorgsam die Gegenkopplung abstimmen. Ein wohldimensionierter Styroflex nimmt den Tetroden in genau der richtigen Menge die scharfen Spitzen, ohne das ganze in dumpfes Gewand zu hüllen. Selbst bei einem halbherzigen »tunen«, darf man erwarten, dass hier der Keramikkondensator ersetzt wird. Die in der Gegenkopplung eingesetzte ungeschirmte Aderleitung wird zudem durch ein geschirmtes NF-taugliches Kabel ersetzt. Was ungeschirmtes NF-Kabel bewirkt, wenn es in die Nähe zu einem Netztrafo kommt, kann sich jeder selbst ausmalen.

Die damalige Empfehlung des Vertriebs, anstatt 6L6GC oder 5881 die KT66 Röhre einzusetzen, ist war sehr mutig. Sieht Sah zwar toll aus, wenn die KT66 vor sich hinleuchteten – aber in dieser Umgebung schaffte die KT66 nur eins: ein etwas dunkleres einfärben des Klangbildes. Abgesehen davon fängt fing der Netztrafo an zu brummen, als er das Mehr an Heizleistung, die die KT66 benötigte, aufbringen musste. Insgesamt nämlich satte 1,6 Ampere oder nach VA umgerechnet: gerundet 10 VA. Und das ist schon eine Grössenordnung, da bekommen auch Trafos »Made in Germany« Schluckauf.

Ein Wort noch zu den Kathodenwiderständen und den parallel geschalteten Elkos der Endröhren: Wie in jedem guten Class-A Verstärker werden die Kathodenwiderstände im Betrieb ordentlich warm (vorsichtig ausgedrückt). Hier sollte man auf gute Qualität achten (was besonders auch für die Elkos gilt). Die Widerstände sollten wirklich ein »paar Watt mehr« vertragen können. Es können Temperaturen von über 70°C entstehen, was normal ist! Eine gute Konvektion wäre (!) unabdingbar.

Bei diesem Verstärker wurden die Werte (sowie die Belastbarkeit) korrigiert und damit auch die Belastung der Endröhren etwas gesenkt. Etwas weniger »Zunder« tut nicht nur den Röhren, sondern auch dem Klangbild gut. Anders ausgedrückt: Wir senken das BIAS auf etwa 60% der maximalen Anodenverlustleistung, reduzieren damit auch den Klirr und gewinnen ein deutliches Plus an Klang. Wir sind schliesslich im HiFi-Bereich und nicht bei Gitarrenverstärker a la Fender & Co.

Ein nicht unwichtiges Wort zu den Röhren:
Es ist empfehlenswert, hier wirklich 5881-Röhren (also die LL-Version der 6L6GC) einzusetzen. Und zwar die mit dem »langen Glaskolben«. Die entstehende Abwärme wird so wesentlich besser abgeführt. TungSol 6L6WGC STR (= 5881) oder ähnliche Röhren mit »kurzem Glaskolben« gehen zwar auch – die gleiche entstehende Abwärme hat aber weniger Abstrahlungsfläche! Sie wird also zwangsläufig noch wärmer. Quatsch. Was soll das Drumherumgerede? Sie wird richtig heiss! Diese Abstrahlungshitze heizt auch die dahinter montierte Trafoabdeckung hübsch mit auf. Das ist für derartige Verstärker »voll normal«. Bei Verwendung derartiger Röhren sollte das BIAS noch etwas weiter reduziert werden, dann passt es Temperaturmäßig.

Da der MC5881 (oder wie man ihn auch immer nennt) ein Class-A Röhrenverstärker ist und man den BIAS nicht manuell einstellen kann, ist zudem ein gematchtes Röhrenquartett keine schlechte Idee!

So habe ich mir das vorgestellt. Der Verstärker läuft endlich rund…

Hinweis: Der ursprüngliche Artikel stammt vom 29.01.2013!

Dezember 2014:
Richtigstellung: Dieser SP9-Verstärker hat nichts mit anderen Röhrenverstärkern mit gleicher oder ähnlicher Typenbezeichnung zu tun. So wurden z.B. mit SP-9 MKII oder MKIII die Vorverstärker von Audio Research bezeichnet. Ich danke für den »Fingerzeig«.

Dieser Bericht zum SP9-Verstärker wurde ergänzt und, was das ursprüngliche Modell betrifft, in die Vergangenheitsform modifiziert, da dieses Verstärkermodell scheinbar so nicht mehr angeboten wird. Wie bei Bob Geldorfs Band Aid Melodie gilt (leider): »Manchmal kommen sie wieder…«

frihu

…hört gerne Musik. Über Röhrenverstärker. Musikrichtung egal. Ausser Jazz, Hip-Hop, House, Metal, Trash, Schlager, Volksmusik, Gangsta-Rap (noch schlimmer, wenn in Deutsch gebrüllt). Da krieg' ich ein Hörnchen. Autor der Bücher: Hören mit Röhren, Röhrenschaltungen und High-End Röhrenschaltungen. Artikel in hifi-tunes (Röhrenbuch 2): Bauteileauswahl für Röhrenverstärker und EL509 Single-Ended Röhrenverstärker im Selbstbau

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