Yarland FV34B-EU

Dieser Yarland FV34B-EU Röhrenverstärker ist der perfekte Kompromiss von WAF, Preis und – nach guter alter Väter Sitte – vollendete Audio-Röhrentechnik. Wobei hier der Kompromiss eindeutig zu WAF und extrem günstigen Preis tendiert. Avisiert wurde der Verstärker mit (Zitat): »Beim Messen der Ruhespannung ist mir aufgefallen, dass bei der Röhre V1 oder V2 die Ruhespannung bei 14 Volt und an den anderen Röhren bei 0,35 Volt lag.«

14 Volt! Hollymolly! Nimmt man die üblichen 10Ω-Kathodenwiderstände an, dann müssten während des Messvorgangs an V1 oder V2 satte 1,4 Ampere Ruhestrom geflossen sein. Das tendiert wiederum eher zu unmöglich.

OK. Was haben wir?

Zunächst nur einmal einen EL34-Gegentakter in einem schicken Gehäuse. Der Besitzer hatte schon einen Röhrenwechsel vorgenommen auf EL34 von JJ und JAN 5670 (der bessere Ersatz zu den chinesischen 6N3). Mehr nicht. Eine Recherche ergab (mal wieder), dass der Gegentakter in Class-A etwa 30 Watt produzieren soll. Mit EL34! Natürlich gibt es weitere, fast schon unweigerliche, Ungereimtheiten. Einmal soll die Verstärkerfunktion umschaltbar zwischen Pentoden- und Triodenmodus sein, ein anderes Mal hat das abgebildete Innenleben kaum etwas mit dem zu tun, was ich hier vorfand.

So, wir können es kurz machen: Der Yarland FV34B-EU ist ein »Möchtegern Class-AB« Gegentakter, bei dem es – auf kurz oder lang – zu Problemen kommen muss

Nun, es dürfte klar sein, dass es sich hierbei vordergründig um eine Reparatur handelt und erst in zweiter Linie um ein Customize (Manchmal komme ich vor wie die Typen von »Gas-Monkeys«). Merke: Bei einer Reparatur geht es nicht darum, nur das defekte Teil auszutauschen, sondern die Ursache, die zum Defektmodus führten, herauszufinden.

Das war bei diesem Verstärker an und für sich ganz einfach: Die EL34 bekommen eine feste negative Vorspannung und der »BIAS-Regler« hat lediglich die Funktion einer Symmetrierung. Nicht mehr und nicht weniger. Von echter Ruhestrom-Einstellung kann gar keine Rede sein. Ich weiss wirklich nicht, was das sein soll. Entweder man baut einen Class-A Röhrenverstärker oder einen Class-AB Röhrenverstärker mit richtiger Ruhestromregelung. Irgendwas dazwischen ist – äh – …

Auf gut Deutsch: Es ist gar nicht möglich, dass ein Röhrenpaar auf Dauer mit richtigen Ruheströmen versorgt werden kann. Auch nicht (Achtung), wenn man ausgemessene Röhren einsetzt. Denn (Achtung), Röhren neigen zu mechanischer Alterung und denen ist’s »im Alter« sowas von egal, irgendwann Ausgemessen gewesen zu sein. Ausserdem muss man immer damit rechnen, dass der Besitzer andere Röhren einsetzen will oder muss. Wie soll der Besitzer wissen, welche Werte die Röhren haben müssen, damit es zumindest anfangs läuft?

Kurz und gut: Netzteil komplett überarbeitet. Jede Röhre bekommt nun ihren eigenen Ruhestromregler. Die vier (natürlich) defekten Kathodenwiderstände wiesen Werte auf von: Irgendwas im GΩ-Bereich, 100Ω 10Ω und 15Ω.

Dann wurden noch die wahnwitzigen 0,68µF Koppelkondensatoren durch moderate 0,22µF ersetzt und erreichen damit eine untere Grenzfrequenz von 7Hz. Das reicht völlig. Auch – oder gerade – bei den hier verwendeten Eisenmaterialien, sprich Übertrager.

Nach dem Messen den obligatorischen Hörtest: Dat klingt ja ganz passabel. Und einen akzeptablen Wumms hat die »Kiste« auch noch.

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frihu

…hört gerne Musik. Über Röhrenverstärker. Musikrichtung egal. Ausser Jazz, Hip-Hop, House, Metal, Trash, Schlager, Volksmusik, Gangsta-Rap (noch schlimmer, wenn in Deutsch gebrüllt). Da krieg' ich ein Hörnchen. Autor der Bücher: Hören mit Röhren, Röhrenschaltungen und High-End Röhrenschaltungen. Artikel in hifi-tunes (Röhrenbuch 2): Bauteileauswahl für Röhrenverstärker und EL509 Single-Ended Röhrenverstärker im Selbstbau

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