300B Single-Ended auf klassische Art

Kommen wir zum interessanten Teil des 300B-Netzteils. Und ab jetzt ist Zeit, Geduld und Sorgfalt die oberste Bastlerpflicht.

Hochspannung

Eine 300B darf nur mit einem Röhrengleichrichter betrieben werden. Natürlich geht das auch mit einem modernen Halbleitergleichrichter. Aber das ist ein Sakrileg, den keiner freiwillig begeht, zieht das doch unmittelbar eine Ächtung in der Röhren-HiFi Szene nach sich. 300B Single-Ended mit Halbleiter! Wo gibts denn sowas?

Also Röhrengleichrichter! Nicht irgendein Glas, sondern etwas in der Art wie 5U4G. Wenn Sie die Winged-C »Black Plated« noch preisgünstig schiessen können, dann nur zu. Alternativ zur »Black Plated«-Version kommt die 5T4 in Frage. Das ist eine 5U4… nur im Ganzkörper-Metallkondom und kommt dem Black Plated Röhrengleichrichter verdammt nahe. Eine normale 5U4G(B) tuts natürlich auch. Die JAN 5R4WGB (die ist zwar EMP-fest, nützt aber nichts, da im EMP-Fall weder CD-Player noch Radio funktionieren dürften) geht natürlich auch. Die hat man damals nur genommen, weil sie extrem günstig war und sich auch lange Zeit nicht von 50µF Ladekapazität (!!!) beeindrucken liess. GZ34 oder GZ37 böte sich auch an – aufgrund des geringeren Innenwiderstands dieser Röhre muss dann der Trafo etwas weniger Spannung liefern (man kann zwar die Spannung mit Hilfe eines Serienwiderstandes etwas drosseln, erkauft sich dies aber mit einem höheren Gesamtinnenwiderstandes des Verstärkers). Es sei denn, Sie planen eine Stereokiste. Dann ist so eine GZ34 (wenn Ihnen die amerikanische Bezeichung highendiger vorkommt: 5AR4) oder GZ37 Gleichrichterröhre ideal! Eine 5U4G geht zwar auch noch… Die beiden 300B’s sollte dann nicht mit einem Ruhestrom von mehr als 65mA (pro Röhre) gefahren werden.

Sie dürfen es mir glauben, der richtige Röhrengleichrichter in der richtigen Arbeitsumgebung ist das i-Tüpfelchen und hier durchaus klangbestimmend (das hat mit dem Innenwiderstand der Röhre zu tun und nichts mit dem »Coke-Bottled« Glaskolben, nichts mit »Punch«, »Drive« und was weiss ich nicht noch alles). Die Gleichrichterröhre wird dabei mit simpler Wechselspannung (5V / 2A oder 3A) beheizt. Eine Symmetrierung bringt nichts bis gar nichts. Lediglich der Abgriff der gleichgerichteten Spannung gilt es zu beachten und der ist bei den meisten Röhren an Pin 8.

Die Werte für Lade- und Siebkapazitäten orientieren sich dabei an historische Werten, wobei wir besonders für den Ladekondensator pures MKP verwenden und zwar maximal die Hälfte der zulässigen Kapazität, die im Datenblatt der jeweiligen Gleichrichterröhre genannt ist. Auch die Siebkapazität nach der Drossel besteht aus MKP (Nagut, Sie können hier auch mit fifty-fifty arbeiten: halb Elko, halb MKP). Maximal jedoch etwa 22µF. Für eine Stereokiste dann natürlich 47µF. Es darf – je nach Schaltung – auch etwas mehr werden. 100µF oder gar 200µF sind aber nicht als »etwas mehr« zu bezeichnen. Ok?

Anmerkung: Wenn Sie eine 274B oder eine 5Z3 verwenden wollen, dann beträgt der Ladekondensator lt. Datenblatt maximal 5µF. Einzusetzen sind dann 3,3µF MKP!

Noch ‘ne Anmerkung: Von den sog. Motor-Anlaufkondensatoren, die man in Waschmaschinen und Kühlschränken findet, lassen wir die Finger. Diese sind nicht für diesen Einsatzzweck gedacht! Ich weiss, das wird häufig als Know-How empfohlen, ist aber Bullshit. Wenn Sie unbedingt Kondensatorblöcke haben wollen, dann bleiben Ihnen nur Mundorfs »Tube Cabs«.

Die Drossel ist mit 5 Henry (H) bei einer Monokiste zu bemessen. Zehn Henry jedoch bei der Stereoversion. Reell »abgeschlossen« wird das Netzteil mit einem 180kΩ-Widerstand gegen Masse. Dieser hat später nur die Aufgabe, den Siebkapazitäten eine Entlademöglichkeit zu bieten.

Am Ausgang des Netzteils sollten dann etwa 410 bis maximal 450 Volt (je nach Schaltung) anliegen. Wegen ±5V sollten Sie allerdings keine schlaflosen Nächte bekommen.

Und jetzt: »Test’n’Mess«.
Nach dem Ausschalten klemmen wir natürlich wieder einen Entladewiderstand (100kΩ) an, damit sich besonders die MKP’s entladen können. So ein 10µF MKP, der auf über 400 Volt aufgeladen ist, kann verdammt nicklig werden.

Die 300B-Beilage

Was eine »richtige« 300B-SingleEnded ist, da reicht man als Beilage eine Pentode. Die ist ohne weiteres in der Lage, eine 300B richtig anzusteuern. Dazu sind sie mal entwickelt worden. Eine einzelne Triode schafft das nicht, weshalb man dann mehrere Trioden einsetzen muss. Wenn Sie das Grundrezept zuvor aufmerksam gelesen haben, dann steht da lediglich Pentode. Nix anderes. Und genau diese Beilage wollen wir einmal näher betrachten.

Die Pentodenvorstufe

300b-ef39-gz37Ein angedachter Nachbau scheitert meist daran, dass man auf 310A oder 6C6 fixiert ist. Das ist schon fast eine Manie. Also, vergessen Sie’s. Vergessen Sie auch die Ersatzröhre 328A. Vergessen Sie auch den Hype um den »neuen« 310A-China-Klon. Eine solche 310A gab es schon vor über sechs Jahren aus der Shuaguang-Region – allerdings zu kapitalistischen Mondpreisen und in keinem Verhältnis mehr stehend… Mein pragmatisch denkender Schweinehund verhindert zuverlässig, dass ich darauf hereinfalle.
Also, wenn Sie noch preiswert an NOS 6C6 kommen, dann ‘ran an den Speck…
Keine Lust, lange zu suchen?
Pst. Hey, Sie. Ja Sie. Die »komischen«, schwarzen, Röhren im »Metallkondom«, häufig mit JAN oder VT bestempelt, sind unterschätzt, verdammt gut und – billig… Moment… Ne, das auch nicht mehr. Nur noch preiswert. Noch. Wie? Sie wollen die Röhre glühen sehen? Tja… Das sehen Sie doch auch bei der 310A kaum.

Zu den »Metallkondom«-Röhren eine kleine Anekdote und etwas Geschichte: Hier in der Nähe liegt der Klever Reichswald. Dort haben sich die damaligen Kriegsparteien ordentlich beharkt (weiss kaum einer, weil Hollywood eine doch eigenwilige Geschichtsvorstellung hat). Bestimmte Wege bzw. Gebiete sind da noch immer gesperrt. Das störte aber meinen schatzsuchenden Bekannten überhaupt nicht. Wenn der Metalldetektor anschlug, fing er an zu buddeln und beförderte so manche Metallkondom-Röhre ans Tageslicht. Die leben noch heute und verrichten ihren Dienst in trauter Eintracht mit Reichs-Pleitegeier-Röhren. Angeblich soll die Bauerschaft Hamminkeln (Dingden) auch ein vorzüglicher Claim sein… Der Vollständigkeit halber: In Köln wehten schon längst die weissen Fahnen als »Luftarchitekten« meine Heimatstadt Bocholt im März 1945 (!) zu 90% »umgestalteten«. Um wieder die Kurve zu kriegen: Die US-Bomber hatten Western Electric Technik an Bord…

Alternativ und mit wirklich geringen Anpassungen können Sie als Beilage durchaus die Pentoden 6SJ7 (5693), 6J7, 6SH7, EF35, EF36 (VR56), EF37A, EF39 (6K7, CV5110) nehmen. Meinethalben eine C3M, EF80, EF85, EF184, EF86 oder EF40. Was man halt so da hat. Oder wie wäre es mit EL84, PL84 (nicht zu verwechseln mit EL84) oder SV83? Das sind zwar »Endstufenröhren«, aber sehr genügsame! Ein CD-Player kann diese Röhren locker ansteuern. Sie werden sich wundern, wie einfach das 300B-Menue wird, wenn man sich vom Muss einer 310A-Beilage verabschiedet hat. Vor allem lassen sich diese »Ersatzröhren« ganz bequem in einem handelsüblichen Oktalsockel bzw. Novalsockel flanschen und sind nicht auf den besonderen Röhrensockel einer 310A oder 6C6 angewiesen.

vorstufenroehren

EF86, EF40
Röhrenfreaks müssen jetzt ganz tapfer sein: Das sind »nur« modernere Varianten der 6SJ7 oder EF37A. Dass man z.B. eine EF86 nicht so häufig im 300B-Eintakter einsetzt, kann nur optische Gründe haben: Diese geht als Lilliputaner fast verloren.

EF39 (6K7, CV5110)
Es ist mir wirklich ein Rätsel, warum man diese Röhre hier in Europa (!) nicht häufiger für NF-Zwecke einsetzt. Im asiatischen Raum ist man da wesentlich pfiffiger.

Voraussetzungen bei der Pentode: Sie muss für die 300B einen Signalhub liefern, der zwischen 120 Volt und 140 Volt liegt. Dass sie Rausch- und vor allem Mikrofoniearm sein sollte, versteht sich von selbst! Das ist (fast) alles. Und – nebenbei bemerkt – das wars auch schon fast mit dem Retroeffekt.

So. Und wie jetzt weiter? Natürlich könnte ich jetzt ein »universelles« Schaltbild der Vorstufe ‘reinsetzen. Das bringts aber nicht, weil das so nicht geht. Man muss jeden Verstärker als Einheit sehen. Sobald ich »hier« etwas ändere, ändert sich das Gesamte… Das hifidele Raum-Zeit-Kontinuum gerät dann aus den Fugen, was »entsetzliche Folgen hätte«. Deshalb gibt’s nur einen groben Plan ohne (erst einmal) genauere Werte. Nochmals die übliche Warnung: Es ist nicht ratsam, die im Netz dargestellten Pläne ungeprüft zu übernehmen! Auch ich finde die kleinen, gemeinen, Fehlerchen erst auf den dritten Blick.

300B-vorstufeNun denn, kurz und knackig, der grobe Schaltplan für die »Beilage«.

Der Spannungsteiler R6 und R7 ist zur Versorgung des Schirmgitters zuständig. Dieser Teiler ist so zu dimensionieren, dass etwa 100V anliegen (bei EF39 bzw. 6K7 etwa 50V). Das ist ein Wert, mit dem man eigentlich nichts falsch machen kann. Die Widerstände müssen dabei häufig »zusammengestellt« werden (d.h. man muss mindestens zwei Widerstände parallel schalten). In vielen Schaltungen findet man nur einen einfachen Serienwiderstand für das Schirmgitter (R6 ist dann grösser zu dimensionieren, R7 entfällt dann). Kann man auch machen – Beide Varianten haben Vor- und Nachteile.

Die gewonnene Schirmgitterspannung wird mit C4 gesiebt und stabilisiert. Ob Elko oder MKP ist Geschmackssache. 400V bzw. 450V mag hier übertrieben erscheinen, ich war aber noch nie ein Freund von knapp dimensionierten Bauelementen. Die 400V (450V) sind aber zwingend erforderlich, wenn die Variante gewählt wird, das Schirmgitter nur über einen Serienwiderstand (nur R6) mit Spannung zu versorgen. Übrigens: Wenn Elko, dann aber den besten, den Sie bekommen können, z.B. einen 10µF RIFA.

Der Anodenwiderstand R3 ist später nicht nur für das schnelle Zusammenspiel mit der 300B zuständig (Zeitkonstante), er bestimmt auch die Verstärkung. Man hat hier nicht allzuviele Möglichkeiten, am (Klang-) Rädchen zu drehen. Mit 100kΩ kann man zunächst nichts falsch machen. Solange Sie bei einem zweistufigen Verstärker bleiben, geht das völlig in Ordnung. In den späteren WE-91 Versionen ist dieser Widerstand auf 91kΩ gesenkt worden. So einen Widerstandswert gibt’s nicht zu kaufen, den muss man sich selber »bauen«.

R2 muss individuell angepasst werden und hängt davon ab, mit welcher Spannung und mit welcher Röhre gearbeitet wird. Die in rot dargestellten Spannungswerte stellen sich natürlich erst dann ein, wenn die Röhre richtig warm gelaufen ist, genauso übrigens wie der Ruhestrom bzw. Spannungsabfall am Kathodenwiderstand (hier etwa 2 bis 3 Volt). Für die Test- und Abgleichphase empfiehlt sich übrigens, den Kathodenwiderstand nicht aufzuteilen und auch zunächst den Elko wegzulassen.

Als Widerstände nehmen Sie am besten hier durchweg 1W-Metallschicht. Lediglich R2 darf Draht (im HiFi-deutsch: Wired Wound) sein. R3: entweder Draht oder zusammengesetzt aus drei 0,5W Carbon Composit. Alternativ (!) können für R2 und R3 auch gute (ausgemessene) Kohleschichtwiderstände eingesetzt werden. Leistung hier: zwei Watt.

Der Kathodenelko ist ein 16 Volt Audio-Elko der speziell für Audio-Zwecke hergestellt wurde. Sie ersparen sich hier merkwürdige Konglomerate aus MKC, Styroflex, Glimmer und Himalya-Dielektrikum.

Sollten Sie sich für die Röhren entscheiden, die oben einen »Metallbolzen« aufweisen (das ist nicht die Anode – das ist der Anschluss für das Steuergitter), dann verwenden Sie als NF-Zuleitung natürlich geweihtes, mit »Clearify« behandeltes, laufrichtungoptimiertes Kabel. Noch besser wird es, wenn der »Metallbolzen« vom Zahn der Zeit (Dreck) vorsichtig gesäubert wird, man eine gute, festsitzende Anodenkappe nimmt und als Zuleitung ganz normales, flexibles Antennenkabel aus der Blisterverpackung. Ob das Kabel nun Weiss oder Schwarz ist, spielt keine Geige. Ach, es wird Zeit für einen kleinen Appetizer! Im Bild unten eine Stereokiste mit zwei 300B’s, zwei EF37A und eine GZ34.

gz34-ef37a-300b

Es ist übrigens durchaus ratsam, ein Lautstärkepoti einzusetzen. Um Fehlanpassungen zu vermeiden, ist ein 47kΩ-Poti empfehlenswert. Auch wenn es nicht unbedingt HighEnd-mäßig aussieht und so mancher Kondensatorgegner jetzt auf die Barrikaden gegen mag: Das Poti sollte über einen Kondensator von der Röhrenschaltung »entkoppelt« werden.

Und jetzt? Natürlich ausgiebig messen und testen. Diesmal, wenn vorhanden, mit Signalgenerator und Oszilloskop. Den Ausgang der Vorstufe koppeln wir provisorisch mit einem (billigen) 0,1µF Kondensator aus und legen den Ausgang (also das andere Ende) über einen 220kΩ-Widerstand auf Masse. Die Vorstufe hat in jedem Fall eine saubere Sinus- und Rechtecksignale zu liefern. Es sollte zudem eine untere Grenzfrequenz von etwa 10Hz ohne grossartige Abschwächung und Verzerrungen erreicht werden. Beachten Sie: Später wird der Kathodenkreis noch etwas umgestaltet!

frihu

…hört gerne Musik. Über Röhrenverstärker. Musikrichtung egal. Ausser Jazz, Hip-Hop, House, Metal, Trash, Schlager, Volksmusik, Gangsta-Rap (noch schlimmer, wenn in Deutsch gebrüllt). Da krieg' ich ein Hörnchen. Autor der Bücher: Hören mit Röhren, Röhrenschaltungen und High-End Röhrenschaltungen. Artikel in hifi-tunes (Röhrenbuch 2): Bauteileauswahl für Röhrenverstärker und EL509 Single-Ended Röhrenverstärker im Selbstbau

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