Butter bei die Fische (1)

Aus dem Leben gegriffen

Dieser bewusste Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringt, passierte vor einigen Wochen. Da wollte jemand eine altehrwürdige 6SJ7 (Pentode) durch eine Knallbumm-EF86 (auch Pentode) ersetzen. Mittels Adapterplatine, versteht sich, weil Noval (9-Pin EF86) nicht so recht in eine Oktalfassung (8-Pin 6SJ7) passen will. Angeblich sollte ein Verstärker-Dealer das so in der Anleitung ’reingeschrieben haben.

Da will mich doch jemand verarschen, oder? Wie viel Lack muss man gesoffen haben, um überhaupt auf eine solche Idee zu kommen? Dazu passend die hartnäckig verweigerte Lernbereitschaft (Hinweis auf Datenblätter): „Aber der Händler sagt das doch…“ Schlussendlich habe ich den Dachdecker gegeben. Ging nicht anders.

Der Witz bei der Geschichte: Der Verstärker, um den es ging, verwendet überhaupt keine Pentoden. So weit ich das überblicken konnte, hat der Händler nur ein Verstärker im Programm, der die 6SJ7 verwendet(e). Von einem EF86-Replacement ist da aber auch nicht die Rede…

Auf ein ehrliches Wort

Leute, geht mir weg mit so einem Scheiss. Geht mir auch weg mit Eurem „Was ist die beste Triode-XY oder Pentode-Z?“ Ich hab zu alledem meine ganz eigene, speziell gegen jede Superhörer-Schwurbler- immunisierte Meinung. Da prallen Welten aufeinander – und wisst Ihr was? Ich bleib einfach bei meiner.

Geht mir weg mit „Durchhörbarkeit“. Was will man „durch“ hören? Wer hat dieses Wort überhaupt erfunden? Wenn der Verstärker scheinbar nicht so will, wie Ihr es wollt, ein Tipp: Gut möglich das es „nur“ am Lautsprecher liegt. Da werden nämlich die größten akustische Verbrechen begangen.

Und überhaupt: Was Ihr mit Eurem Geld macht, ist Euer Bier. Lasst mich da ’raus. Ich weiss, was meine Frau tun würde, wenn ich so viel Geld – für ein Verschleissteil – zum Fenster ’rausschmeissen täte: Sie würde – völlig zurecht – stande pede den Paragraph 104 BGB zur Anwendung bringen. Was da oft an Knete ’rausgehauen wird, da denke ich mir oft „Gleich hol’n die mich ab…“.

Echt jetzt. Euch geht’s wirklich viel zu gut. Leute, glaubt’s mir – oder eben nicht: Ich habe schon so manchesmal etwas kopfschüttelnd „bestaunen“ dürfen. Nix zu fressen im Haus, aber Kling-Klang. Naja, jeder setzt seine Prioritäten anders…

Wenn sich der (meist zu 99,999%) männliche Aggregatzustand geändert hat (also der Sensemann einen Besuch abgestattet hat), was tun mit den Hinterlassenschaften? Da sieht man einerseits, dass da jemand viel Herzblut in die Sache hineinsteckte, andererseits stellt sich die Frage, ob der über den Styx geschipperte noch alle Nadeln an der Tanne hatte. Das Geld, was für das Verramschen ’reinkommt, reicht dann oft noch nicht einmal für ein neues Grabgesteck. Was man da an Dramen erlebt…

Apropos Verschleissteil…

Einspielen? Verschleissen!

Klar, irgendwann müssen altersschwache Röhren ausgetauscht werden. Und genau dann geht der Zirkus los: Man will den Klang, den die alten Röhren fabrizierten, beibehalten. Als heiligen Gral, quasi. Nicht mehr wissend bzw. erinnerlich, wie der Klang war, als der Verstärker seinen Platz auf dem HiFi-Altar einnahm.

Dann werden solange Röhren gekauft, ausgewechselt und probegehört, bis es passt. Scheinbar passt, denn zwischenzeitlich passiert nämlich etwas Merkwürdiges: Man gewöhnt sich an den neuen Klang genauso, wie man sich an den alten Klang gewöhnt hat. Das geht schneller, als „wie man denkt“.

Der Verschleiß beginnt bei Röhren bereits nach – sagen wir mal – den ersten 30 Betriebsstunden. Gaaanz langsam zwar, aber immerhin. Das geht so weiter, bis es nach – beispielsweise – 100 Betriebsstunden zur galopierenden Verschleisserscheinungen kommt. Vom ursprünglichen Klang (bzw. den Messdaten) ist kaum noch etwas übrig. Die Erinnerung an den Ursprung ist allerdings gelöscht. Ganz einfach weg. Futschikato.

Das wirklich Hundsgemeine ist, dass dieser Prozess wie der schleichende, unhörbare, Furz daherkommt (und die entfalten sich auch eher langsam, bekanntlich auch am „Nachhaltigsten“…) Jede Betriebsstunde immer ein bisschen mehr. Das bekommt keiner mit. Es sei denn, man hat einen direkten Vergleich der sich innerhalb 10 Sekunden (!) aufschalten lässt. Alles, was länger dauert ist – das nur nebenbei – für einen direkten Vergleich untauglich. So weit reicht das akustische Gedächtnis bzw. die auditive Wahrnehmung nicht.

In den virtuellen Selbsthilfegruppen wird ja oft geraten, bei neuen Röhren einfach abzuwarten, bis die sich eingespielt haben. Ich gackere mir da immer einen weg… Mit anderen Worten: Sie müssen verschleißen, damit sie anfangen so zu klingen, wie die alten Röhren.

Sehr erheiternd ist auch immer das Thema „Einspielen von Kondensatoren oder Kabeln“. Leute, kommt mir jetzt bloss nicht mit irgendwelchen Verweisen zur Youtube-Akamie. Ich kann auch „googeln“. Vade retro Satana.

Das Einspielen lasse ich bei Lautsprechern gelten. Die Membrane fabrikneuer Lautsprecher sind nämlich wie niegelnagelneue Lederschuhe. Die muss man ja auch erst einlaufen. Oder man macht’s wie (Ur-) Oppa (nur richtig mit zwei P) und pinkelt ’rein. In die Schuhe, meine ich, nicht in die Lautsprecher…

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Röhren sind klangliche Zeitbomben. Sie altern, verändern sich und wir passen uns an – ob wir wollen oder nicht.

Willkommen im Röhren-HiFi-Zirkus!

frihu

…hört gerne Musik. Über Röhrenverstärker. Musikrichtung egal. Ausser Jazz, Hip-Hop, House, Metal, Trash, Schlager, Volksmusik, Gangsta-Rap (noch schlimmer, wenn in Deutsch gebrüllt). Da krieg' ich ein Hörnchen.Autor der Bücher: Hören mit Röhren, Röhrenschaltungen und High-End Röhrenschaltungen. Artikel in hifi-tunes (Röhrenbuch 2): Bauteileauswahl für Röhrenverstärker und EL509 Single-Ended Röhrenverstärker im Selbstbau

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