Butter bei die Fische (2)

Überhaupt und Sowieso

Falls ich das noch nicht erwähnt haben sollte: Dezibel ist nicht alles. Ich habe auch schon oft Lautsprecher gehört, die gerade einmal 87dB auf die Waage brachten, aber an einem EL84-Gegentakter zum „Dans up de Deel“ aufforderten.

Der Schallwandler, als Gesamtkunstwerk, muss zur Röhre passen und nicht umgekehrt. Wenn Dinkel-Dörtes Quäke passt, warum nicht? Damit lässt sich zwar nicht angeben, aber es passt. Aber genau da liegt die Krux. Wenn die Röhre in den Lautsprecher-Haushalt kommt, stehen die Chancen gut, dass es schief geht. Dann wird eher die meist unschuldige Röhre ausgetauscht, als der Schallwandler. Warum, glauben Sie, schwimmen sonst so viele Röhren im Gebrauchtpool? Wobei ich das allerdings bei so mancher Verstärker-Neuzüchtung (zu 90% Eintakter) durchaus verstehe…

Lösung? Hm… Lautsprecher-Selbstbau. Das dürfte für viele aber keine Option sein, auch für mich nicht. Gut dran ist, wer einen Holzwurm kennt oder auftreiben kann, der sich auch noch in der Materie auskennt. Dem verklickern Sie genau, was Sie haben wollen und – das schwöre ich Ihnen „nackich inne Hand“ – von dem bekommen Sie einen Röhren-tauglichen Lautsprecher. WAF- und Wohnzimmer-kompatibel. Sollten Sie allerdings einen „Bastler-Preis“ erwarten – sparen Sie sich den Atem für eine Anfrage.

Generell gilt: Selbstbau, Do-it-yourself (DIY, also basteln), ist schon längst keine Sache mehr für Sparbrötchen. Eher für „verrentete Boomer“ als Beschäftigungstherapie damit man anderen Familienmitgliedern nicht auf den Sack geht, oder für Individualisten, die „sich selbst verwirklichen“ wollen…

Die Messfetischten

Mir wurde schon im ausgehenden Pubertätszeitalter klar, dass jeder Mensch irgendeinen Fetisch hat. Dass man sich aber an Messwerten aufgeilen kann, war mir, bis vor etwa zwei Jahren, neu. Ja, wirklich. Ich werde zu alt, für diesen Scheiss…

Auch die Messfetischisten können keinen Spaß am eigentlichen Musikhören haben, wenn die Messwerte nicht „richtig“ sind. Gerade im Selbstbau-Bereich wird neuerdings das ganz große Messbesteck ausgepackt, um einen Röhrenverstärker nach allen Regeln der gehobenen Kunst durchzuorgeln. Und wehe, die Röhre liegt mit 0,5% von irgendwelchen „idealen“ Messwerten (meist Klirrfaktor) daneben… Dann brennt aber die Luft.

Die „idealen“ Messwerte werden dann so leidenschaftlich, ja fast schon fanatisch, verteidigt, dass man fast vergessen könnte, dass es doch eigentlich nur um’s Hören gehen sollte. Wer das Ideal festlegt? Nun ja, der Messfetischist eben bzw. die Schaltungssimulation. Nun könnte man ja meinen, dass es seine Sache sei – Hauptsache, er fühlt sich gut dabei. Tja, so einfach ist das nicht. Wie auch das Goldöhrchen fängt er an zu missionieren…

Noch doller treiben es die Klangpfuscher unter den Messfetischisten. Wenn denen eine Röhre nicht „seidig“ oder „warm“ genug klingt, gehen die hin und machen den Verstärker dann mutwillig kaputt. Vor kurzem hat’s einer, wohl eher unbewusst, offen zugegeben. Nochmal zum mitschreiben: Ein rund laufender Verstärker wird dahingehend kaputt gemacht, dass er „seidig“ und „warm“ klingt. Aha, das ist also audiophil? Na, besten Dank. Jetzt weiss ich, warum ich nie zu dieser Hifi-High-Society gehören wollte…

Wirklich, man könnte sich viel eher darauf konzentrieren, was im Ohr ankommt, statt auf Zahlen, die eh kaum bis niemand hört – hören kann. Aber auf dem Ohr sind diese Vögel stocktaub. Warum ist er überhaupt bei der Röhre? Hat ihn die Halbleiterfraktion nicht mehr lieb, oder was?

Ich kann mich gut an die Zeiten erinnern, da waren die Messwerte nahezu schnurzpiepegal. Auch, weil sich kein Hobbyist ein Profi-Messgerät leisten konnte. Billige China- und Digitaltechnik verführen heute dann zum manischen Mess-Fetischismus. Ja, ich muss auch durchorgeln, aber bei weitem nicht so exzessiv. By the way: Bei so manchem High-End Röhrenverstärker von der Stange… Ne, lassen wir das besser.

Prahlhans ist Bastlermeister?

Diese Angeberei mit den Messwerten hat’s bei „kommerziellen“ Geräten – mehr oder weniger ausgeprägt – immer schon gegeben, aber nur die Wenigsten konnten sie auch richtig deuten. Macht heute – bei Röhrenverstärker – kaum noch einer. Und richtig, denn ab wann ist ein S/NR gut? Ab wann ist ein Klirrfaktor (also die Summe aller Klirranteile / Oberwellen) wirklich hörbar?

Besonders der Klirrfaktor… Eine Zeit lang wurde man von der „Industrie” und den „Testberichten” so kirre gemacht, dass selbst 0,1 % als nicht hörenswert erachtet wurden. Dabei wurden zwei Kardinalfehler begangen: Der Röhrenverstärker musste sich mit Halbleiterkollegen messen lassen und – Attention, please! – man „vergaß“ (Ne, wat schusselig), bei wie viel Watt soundsoviel Klirr entsteht.

Für den Otto-Normal Verbraucher viel wichtiger – das war so und wird immer so bleiben: „Watt kann dat Ding?“ und „Wat kost‘ dat?“

So sehr man beim Klirrfaktor auf den Verstärker schaut, der Lautsprecher bleibt völlig unbeachtet. Ich kennen keinen Lautsprecherhersteller der rundheraus zugibt, dass sein Lautsprecher soundsoviel Klirr erzeugt. Stattdessen wird um den heissen Brei schwadroniert und Vorträge darüber gehalten, wie Klirr überhaupt entsteht… Nun denn: Ich stelle mal ganz rotzfrech die Behauptung in den virtuellen Raum, dass die 0,1% vom Verstärker ein Köttel im Universum ist.

Der Social Audiophlist Warrior (SAW)

Diese Vögel sind quasi die audiophile AFD. Ihr Habitat sind die asozialen Medien in denen sie sich (vermeintlich) anonym bewegen können. Hemmungslos knüppeln sie alles nieder, was nicht in deren Denkschema passt oder von ihrer eigenen Meinung abweicht. So schnell ein SAW auftaucht, so schnell hat er auch Hurra-Kumpels, die selbst einen Stinkefurz von ihm bejubeln.

Du bastelst mit Pentoden? Vorsicht, Kollege, ganz dünnes Eis… Damit stehst du unter Beobachtung und es wird dir bei jeder sich bietenden Gelegenheit aufgezeigt, dass Pentoden, wie die Demokraten beim POTUS, des Teufels Zeugs sind. Mit teils hanebüchenen Messungen (Simulationen) wird bewiesen, warum du eine Gefahr für die HiFi-Szene bist. Und dann droht dir ein Schauprozess dessen Vorsitz die audiophile Reinkarnation eines Roland Freisler übernimmt.

Selbst wenn man keine Pentoden verwendet… Käbelchen, die nicht exakt gerade und in 45° gebogen verlegt wurden? Der Antrittsbesuch bei Schwanzus Longus ist dir sicher. Du verwendest 10% Kohleschicht-Widerstände? Auch noch in Tateinheit mit MKT-Kondensatoren? Jetzt schlägt’s aber Dreizehn. Ab nach Pontius Pilatus und such‘ dir auf den Weg dahin schon mal ein Kreuz aus. Du huldigst nicht die audiophilen Lehren eines x-beliebigen Götzen? Bürschchen, das Nageln ist dir sowas von sicher… Also auf, zum Scheisshaufen Golgatha.

Wunderherrlich mit anzusehen, wie die SAWs ihre eigene Kompetenz versuchen dadurch zu untermauern, indem sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit darauf pochen, eine studierte Fachkraft zu sein. Nun hat diese Fachkraft wohl zuviel Zeit, denn anders lässt sich die 24/7 Präsenz in den asozialen Medien nicht erklären. Und überhaupt: Was wusste man denn schon früher? In den Augen von SAW sind Williamson oder Hafler & Keroes richtige Nulpen. Freiverdrahtung lehnt SAW übrigens auch ab. „Technik von gestern…“, sagt er. „Heute geht nix über Platine…“, sagt er. Alles klar, Jupp. Tschö mit Ö.

Richtig interessant wird’s, wenn ein anderer SAW im Revier auftaucht… Okay, fachlich mögen sie ja alle was auf den Kasten haben, aber… Hm… Luftpumpen bringt nicht nur der Studiengang BWL hervor…

Ein Käfig voller bunter Vögel

Virtuelle Selbsthilfegruppen sind geradezu ein Eldorado für die Vögel, die für die psychische Gesundheit zuständig sein wollen: Die angehenden Seelenklempner. Diese virtuellen Versammlungsorte bieten nicht nur einen direkten Zugang zu authentischen „Gesprächen“ und Emotionen, sondern sind auch eine prima Gelegenheit, um mal zu checken, ob der ganze theoretische Kram aus Lehrbüchern und Kursen auch wirklich in der Praxis zieht.

So vielfältig die Vogelpopulation in den Selbsthilfegruppen auch ist, eine Vogelart muss man mittlerweile lange suchen: Die wenigen Vögel, die wirklich noch einen Röhrenverstärker aufzubauen wissen…

Ich habe nichts gegen die Selbsthilfegruppen an sich, so manchesmal bekomme ich von dort auch einen neuen Denkanstoß. Benzingespräche finde ich auch ganz nett. Nur gibt’s leider auch viel zu oft Themen, die mich an einem Frauen-Stammtisch im Restaurant erinnern (jede Servicekraft weiss, was ich meine), oder an diesem Sketch mit Martina Hill (ist über 10 Jahre alt und aktueller denn je).

Apropos Gesundheit…

Ein Besuch beim HNO

Ist Ihnen das auch schon aufgefallen, dass es meist ältere (55+), graumelierte Männer sind (einem Doc Brown nicht unähnlich), die als HiFi-Seelenverkäufer um des Kunden Knete buhlen oder einem erklären wollen, welche Fluxkompensatorbetriebene HiFi-Anlage der „Bööörner“ sein soll? Okay…

Allerspätestens, wenn die sechste Null abgefeiert wurde, sollte man doch mal zum HNO tigern, um mal das Hörvermögen abchecken zu lassen. Das volle Programm, nicht nur Taster drücken, ab wann man einen Ton hört. Ich sage ganz bewusst HNO und nicht die Akustiker-Apotheke, die sich – welch‘ Zufall aber auch – gleich nebenan befindet…

Wenn man nun auf die Idee kommt, dem Doc vor der Untersuchung zu sagen, dass man noch die Flöhe husten hören kann, dann sollte man sich nicht wundern, wenn der Doc vor Lachen vom Stuhl fällt.

Ich wette, dass über 80 % der audiophilen Superhörer mit einem bedröppelten Gesicht und einem Rezept für eine Hörhilfe die Praxis verlassen. Zwar ist man noch nicht taub, aber auf dem besten Weg dorthin – so die brutale Diagnose. Hat man einen sehr guten Doc erwischt (von denen es auch immer weniger gibt), dann erfährt man auch, wo man Nachhilfe benötigen würde. Würde, wohlgemerkt…!

Wie auch immer. Der schwerste Teil dieser Übung besteht nun darin, ehrlich zu sich selber zu sein und Konsequenzen ziehen.

Back to the roots

frihu

…hört gerne Musik. Über Röhrenverstärker. Musikrichtung egal. Ausser Jazz, Hip-Hop, House, Metal, Trash, Schlager, Volksmusik, Gangsta-Rap (noch schlimmer, wenn in Deutsch gebrüllt). Da krieg' ich ein Hörnchen. Autor der Bücher: Hören mit Röhren, Röhrenschaltungen und High-End Röhrenschaltungen. Artikel in hifi-tunes (Röhrenbuch 2): Bauteileauswahl für Röhrenverstärker und EL509 Single-Ended Röhrenverstärker im Selbstbau

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