China-Röhrenverstärker

Nein, das wird kein China-Bashing. Aber ein paar nüchterne Fakten, wenn man daran denkt, sich einen China-Verstärker zu kaufen. Und zwar nicht beim Händler um die Ecke, sondern als Direkt-Import. Das Risiko, auf die Nase zu fallen, ist grösser als man zunächst denkt.

Der – in jeder Hinsicht schnuckelige – China-Röhrenverstärker sieht nur im ersten Moment preiswerter aus. Mit dem Kauf eines solchen Produktes verzichten Sie quasi freiwillig auf Ihre Rechte. Wenn Ihnen die Bude abfackelt, weil der Verstärker das HiFi-Rack in Brand gesetzt hat, ist das Ihr alleiniges Problem. In China fällt deswegen kein Sack Reis um.

Ja, solche Verstärker gibt es immer noch.
Man findet sie auf allen Verkaufsplattformen im Internet. Man braucht noch nicht einmal zu suchen. Erkennbar am Dumpingpreis der vom mehr oder weniger lauten Marketing-Geblubber begleitet wird. Ich bleibe dabei: Verstärker unter 2000 Euro können Mist sein. Verstärker unter 1000 Euro sind fast schon hunderprozentiger Mist. Verstärker unter 500 Euro sind Scheisse. Neuware, meine ich.

Verzicht auf Verbraucherrechte

Die, ach so netten Dinge, wie Garantie, Gewährleistung oder Mängelhaftung können Sie getrost vergessen. Auch das 14-tägige Rückgaberecht, was Ihnen natürlich eingeräumt wird, um nicht ganz so blöd dazustehen. Aber…

Einen Röhrenverstärker nach China zurückzusenden – aus welchen Gründen auch immer – kostet Geld. Viel Geld. Selbst wenn (Wenn!) alles ordnungsgemäß abgewickelt wird, bleiben Sie auf diesen Kosten sitzen. Es ist auch schon vorgekommen, dass das »Teil« einfach »verschwunden« ist…

Buy local

Wenn Sie unbedingt einen China-Röhrenverstärker Ihr Eigen nennen wollen, dann kommt nur ein Händler, der quasi um die Ecke residiert, in Frage. Dann wird dieser Händler Ihr Vertragspartner und Sie bleiben im Besitz Ihrer Rechte. Weil der Händler auch noch leben will, sollten Sie die »Gewinnspanne« einfach akzeptieren. Und jeder seriöse Händler wird es vermeiden, Ihnen teueren Schrott anzudrehen. Die Betonung will ich explizit auf »seriös« legen.

Wobei ein Händler auch nicht immer sicher sein kann, mit Zitronen zu handeln. Serienfehler kommen vor. Nicht nur bei Autos. Die Chancen auf »Fehler ab Werk« sind aber umso grösser, je mehr technische Spielereien verbaut wurden. Hierzu zählt auch eine »Einschaltverzögerung« bei einem mit Röhrengleichrichter bestücktem Verstärker.

Hierzu fällt mir ein wirklich gut gemachter Gegentakter aus China ein. Prinzipiell gab es nur einen Punkt, den ich bekritteln musste: Das, aus dem vollen gefräste, Aluminium-Gehäuse hatte oben keine Lüftungslöcher. Nicht ein einziges. Der Kunde allerdings hatte ein Problem mit dem verbauten Computer, der, wie HAL, ein Eigenleben entwickelte und die Endröhren permanent in den Suizid trieb. Also, was blieb übrig? Computer nebst Peripherie ‘raus, auf manuell umgerüstet und nun läuft das Teil.

Bemerkenswert war die Peripherie. Namentlich die Relais, die in der Einschaltverzögerung und zur Umschaltung von Ultralinear- und Triodenmodus dienten. Fast Handtellergross (!) und auch noch »vorschriftsmäßig« beschaltet. Eine Seltenheit. Üblicherweise werden – besonders in China-Verstärker – Spielzeug-Relais verwendet, deren Schaltleistung bei weitem nicht ausreichend ist (und die ich sofort ausser Funktion setze).

Händler

Kommen wir nochmal auf die Händler zu sprechen. Perfide wird es, wenn der Händler nebenan auf Terasse sitzt und sein Geschäft von China aus betreibt. Das erkennen Sie einfach daran, dass er eine chinesische Geschäftsadresse angibt.

Das Wörtchen Kulanz kennt er dann nicht und »der kleine Dienstweg« ist unwegsames Gelände. Seriös sieht anders aus. Auch das gibt es. Ich bekam es indirekt mit einem solchen Fall zu tun.

Verstärker mit »angeborenem« Defekt

Schon seit längerem bemängelte ein Kunde gewisse »Eigentümlichkeiten« seines Röhrenverstärkers. Der ortsansässige Händler mit China-Adresse bot zwar immer eine »Service-Adresse« an, nannte sie jedoch nie. Vermutlich wäre die »Service-Adresse« in China zu finden gewesen wohin man das Paket auf eigene Kosten zu schicken hätte. Und so landete der Röhrenverstärker auf meine Werkbank.

Befund: Technisch steht das Teil doch auf etwas wackeligen Füssen und gewisse »Eigentümlichkeiten« sind logische Konsequenz. Das Gravierendste war, dass eine zugesicherte Produkteigenschaft fehlte.

Das allein wäre Anlass gewesen, für eine Rückabwicklung. Technisch konnte diese Produkteigenschaft auch nicht nachgerüstet werden. Eine »freiwillige« Kaufpreisminderung, um die doch beachtlichen Kosten für eine Rückabwicklung zu umgehen? Fehlanzeige. Nebenbei: Normalerweise hat der chinesische Hersteller (also nicht der Händler) genau das gleiche oder ein ähnliches Verstärkermodell im Programm. In diesem Fall jedoch nicht.

Die Einlassungen des Händlers, warum es zu der einen oder anderen »Eigentümlichkeit« kam bzw. kommen muss, waren auch nicht unbedingt »überzeugend« zu nennen.

Kein »bedauerlicher« Einzelfall

Zu ähnlichen Reklamationsgründen kommt es immer wieder und nur selten können sich die Vertragspartner einigen. Auch wenn »Versand aus Deutschland« vorgaukelt, es mit einem deutschen Vertragspartner zu tun zu haben. Irrtum! Es gibt Logistikzentren, die sich auf China-Geschäfte spezialisiert haben. Zu den Dienstleistungen gehören nicht nur der eigentliche Versand, sondern auch die Zollformalitäten. Dann läuft es wie folgt ab: Der chinesische Händler / Hersteller versendet an diesem Logistikzentrum und von hier aus dann eben zu Ihrer Haustüre.

Damit hat der Händler also nicht gelogen. Der Versand zu Ihnen erfolgte tatsächlich aus Deutschland. Ihr Vertragspartner sitzt aber in China! Verträge bedürfen übrigens keiner Schriftform. Mit der üblichen Paypal-Zahlung (»Will ich haben«) und der Zusendung des Gerätes (»Hier haste«) ist der Vertrag geschlossen und erfüllt. Eine ordnungsgemäße Rechnung wird oft auch als unnützer Papierkram angesehen.

Was momentan wie eine Seuche grassiert ist die Tatsache, dass nahezu alle China-Röhrenverstärker (bezogen auf Direkt-Importe) die – in Europa gültige – Kennzeichnungspflicht verletzen, obwohl sie ohne dem gar nicht in Verkehr gebracht werden dürften. So mein aktueller Kenntnisstand. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass seit Mitte 2017 ein Kennzeichen die Anforderungen eines weiteren, bis dato separaten Kennzeichen, beinhaltet.

Das (ver-) führt garantiert (wieder) zu gefährlichen Schludrigkeiten.

Die Konformitätserklärung, die dem Zoll vorliegen muss, ist oftmals das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt wurde. Papier ist bekanntermaßen sehr geduldig. Aber wehe, wenn der Zoll oder der TüV mal stichprobenartig genauer hinschaut. Dann haben Sie viel Geld für Nichts ausgegeben.

Was in manchen Fällen auch lebensverlängernd wirken kann.


Nachtrag 12.11.2018
Es kann der Eindruck erweckt werden, dass ich »durch die Bank« alle China-Verstärker »abwerte«. Das ist natürlich nicht der Fall.

Ja, es gibt durchaus »vernünftig« aufgebaute Röhrenverstärker aus dem Land der Mitte. Die sind aber auch nicht billig. Diese können Sie zwar auch selber importieren (sie sparen da vielleicht auch etwas Geld), sie können den Verstärker auch – unter Wahrung all’ Ihrer Verbraucherrechte – von einem hiesigen Importeur beziehen. Ganz legal. Kostet nur ein bisschen mehr.

frihu

…hört gerne Musik. Über Röhrenverstärker. Musikrichtung egal. Ausser Jazz, Hip-Hop, House, Metal, Trash, Schlager, Volksmusik, Gangsta-Rap (noch schlimmer, wenn in Deutsch gebrüllt). Da krieg' ich ein Hörnchen. Autor der Bücher: Hören mit Röhren, Röhrenschaltungen und High-End Röhrenschaltungen. Artikel in hifi-tunes (Röhrenbuch 2): Bauteileauswahl für Röhrenverstärker und EL509 Single-Ended Röhrenverstärker im Selbstbau

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