Hereinspaziert und willkommen im Röhren-HiFi-Zirkus! Kommen, sehen, staunen! Heute: Vögel. Viele, viele bunte Vögel. Die der HiFi- bzw. High-End Szene natürlich. Und im speziellen die Vögel, die es zu bunt treiben: Radikalinskis, die jede noch so kleine klangliche oder technische Nuance bis zum Exzess treiben, nicht nach links und rechts schauen und gar nie nix anderes mehr zulassen.
Das haben Sie sicher auch schon beobachtet: Wer sich entschließt, den audiophilen Jakobsweg zu beschreiten, verabschiedet sich quasi über Nacht vom Rock’n’Roll. Statt Bonamassa den Beethoven oder so etwas wie Ornette Coleman. Also nix gegen Jazz an sich, aber die Genfer Konvention gehört auch auf Free-Jazz angewendet. Nun gut. Aber nicht nur die Musik ändert sich – nein, auch der Sprachstil bekommt eine Generalüberholung.
Aus kurz und knackig wird langatmig und verschwurbelt. Aufgeblasene Worthülsen, die wichtig und gebildet klingen, in Wahrheit aber nur lauwarme Luft sind. Was der BWL-Luftpumpe sein Power-Point, ist dem „Audiophilisten“ sein (schein-) elitäres Gehabe. Das scheint eine Grundvoraussetzung zu sein, um in der audiophilen Gemeinschaft auch nur ansatzweise ernst genommen zu werden.
Diese Vögel können doch nicht wirklich kein Spass mehr am Leben haben, vom verstehen nicht zu reden. Selbst ein Körperkontaktdialog fällt wohl den audiophilen „Vorschriften“ zum Opfer. Von Musik an sich, die ja auch nur Spaß machen soll, ganz zu schweigen. Beethoven, Bach und Consorten haben zu ihrer Zeit Musik auch nur zur Unterhaltung gemacht. Für die Perückenträger zwar, aber es war (gut bezahlte) Unterhaltungsmusik. Die großen, alten Meister – das waren die Dieter Bohlens ihrer Zeit (womit ich den Dieter damit jetzt keineswegs geadelt haben will – das walte Hugo).
Musik! Zwo-Drei-Vier…
Okay, Klassik und Free-Jazz sind schon extreme Kursänderungen. Die Mehrheit der audiophilen Jünger in Ausbildung ist jedoch nicht so extrem unterwegs. Viele werden sich breit aufstellen und einfach das hören, wonach ihnen gerade der Sinn steht. Dagegen hat ja auch keiner etwas – wie denn auch? Musik soll doch vor allem Spaß machen, entspannen, inspirieren oder nachdenklich machen.
Ich bin, ehrlich gesagt, aber immer leicht irritiert, wenn sich jemand die drölfzigste Neupressung von „Dark Side of the Moon“ von Pink Floyd anschafft, weil… Ja warum eigentlich? Tut mir leid, ich kapier’s nicht. Besonders gesucht ist scheinbar die „Wienül“-Erstpressung. Wie auch immer: Ich höre die Erstpressung oder, wenn mein Baby wieder um Aufmerksamkeit bettelt, CD. Alles andere ist das, was Roger Water mit diesem Album auch (zunächst) bemängelte: Geldmacherei – Money, it’s a hit…
Zurück zum „Audio-Azubi“. Wenn ein 20-Jähriger aus Sicht der Audiophilisten quasi von Saulus zu Paulus wird, also plötzlich total andere Musik hört als vorher, dann werde ich skeptisch. So eine plötzliche Wandlung geht selten problemlos über die Bühne. Entweder der junge Hörer macht wirklich im Schweinsgalopp eine „Entwicklung“ durch, oder es ist nur eine Phase (wahrscheinlich), oder er lügt und ist in Wahrheit nur ein getarnter Saulus, der insgeheim immer noch bei den alten Klängen bleibt (wahrscheinlicher).
Was, meiner Meinung nach, anzuraten ist. Auch „Dark Side of the Moon“ galt seinerzeit als ein audiophiler Problemfall und daher für selbige Ohren nicht tauglich. Genau deswegen war „damals“ Pink Floyd ein Muss für die „Antis“. Genauso wie Genesis (volle Kanne „Knife“ – geradezu hochaktuell), Yes, Steely Dan, Mike Oldfield (nur Tubular Bells und Hergest Ridge), später Gordon Lightfood (vor allem „Wreck of the Edmund Fitzgerald“) oder Al Stewart (nur um ein paar Namen in den Ring zu werfen).
Wie auch immer. Ist das audiophile Santiago de Compostela dann erreicht, dann sitzt er irgendwann da. Der – ach so (ein-) gebildete – Audiophilist in seiner nach den Prinzipien des audiophilen Wohnens gestalteten Kemenate in einer auf die akustische Wiedergabe optimierten Sitzposition (aka Stereodreieck) vor seinem audiophilen 30.000€-Installation (ehemals 1.000DM Stereoanlage) und lauscht ob der „lyrische Moment von der ’Dreigroschenoper‘ auch richtig transzendiert“ wird (frei nach der Feministin Maestria, ca. 50 v. Chr.).
Diese Aluhut-Superhörer (aka Goldöhrchen)
Wenn’s, seiner Meinung nach beim Hören bei Freunden, nicht richtig war (was, ausser bei seiner eigenen Stereo-Installation natürlich, sehr oft vorkommt, also eigentlich immer), dann beginnt die Ursachenforschung: Liegt’s am Kabel? Am Verstärker? Den Röhren? Am Rillenkratzer oder den CD-Player? Lautsprecher? Den Gardinen? Das Sofa? Den Pflanzen? Dem Feng-Shui? Was ist mit dem Stromlieferanten?
Vielleicht hilft ja ein DSP (prinzipiell ein digitaler Equalizer), ein Diffusor oder Absorber, um den Abhörraum klänglicher zu gestalten. Oder braucht’s ein paar Hogwart’sche-Zaubermittelchen? Glaubt’s mir, es wird ausprobiert, bis der Dispo quietscht. Und mit audiophilem Schwung in die Privat-Insolvenz…
Diese Goldöhrchen, dass sind ganz spezielle Vögel. Kein noch so empfindliches Messgerät kann das erfassen, was Goldöhrchen hört oder nicht. Die allerschlimmsten Vögel dieser Art be- empfehlen auch gerne Anderen, wie etwas zu klingen hat. Verweigert man sich der „Empfehlung“, weil’s für einen selber gut genug klingt oder der Dispo bis zum Anschlag ausgereizt wurde, dann ist man nicht mehr Goldöhrchen’s Freund. Wirklich einmal so passiert.
Oder das: Goldöhrchen hat zum Testhören geladen. Staunend betrachtet man den „klangoptimierten“ Raum. Hier zwei Absorber, dort ein Diffuser und links und rechts „dicke Berthas“. Und dann tönt die Musik und schon nach den ersten Takten fragt man sich, ob Goldöhrchen das ernst meint. Das mit der Akustik im „klangoptimierten“ Raum. Denn die erinnert mehr an die Toilette eines Zappelbunkers. Goldöhrchen jedoch sitzt da und strahlt: „Na? Kann dat wat?“
Auch schon vorgekommen: Da sollst du einen Verstärker „pimpen“ weil Goldöhrchen meint, es klingt nicht. Es fehlt hier und da etwas Trallala… Dann wollen diese Vögel dir sogar vorschreiben, welche Bauteile man zu verbauen hat und bringen diese „idealerweise“ auch gleich mit.
Natürlich sollte man sich dem „mal eben einbauen“ verweigern, vor allem weil’s wirklich obskures Zeugs ist. Echt, die kommen da mit Sachen um die Ecke, von deren Existenz du nicht einmal wusstest. Mit Glück findet man jedoch eine Exit-Strategie und macht etwas, was aus HiFi-Sicht ganz bestimmt verboten ist. Ergebnis: Goldöhrchen ist zufrieden. Ja, wat denn? Det is Notwehr.
Der Li- La- Lautsprecher-Bär
Oder die Sache mit den Lautsprechern – diese legendäre Marke „Dicke Bertha“. Weil sie aus „veredeltem“ MDF gebaut ist und natürlich nur die „edelsten“ Bauteile in der aufgeblasenen Frequenzweiche steckt, ist „Bertha“ schweineteuer. Doch leider taugt sie Nullkommanix für Röhrenverstärker, denn „Bertha“ ist nicht nur dick, sie verlangt auch einen dicken Dämpfungsfaktor vom Verstärker. Und diesbezüglich muss die Röhre – egal welche – den Schwanz einziehen. Nicht nur das. „Bertha“ ist auch noch eine Zicke, was den Impedanzverlauf angeht. Da kommt nicht jede Röhre klar mit – und schon gar nicht Eintakter.
Ich habe es nur einmal gewagt, den „Klangfehler“ (das übliche Bullshit-Bingo) auf die Lautsprecher zu schieben. Die Reaktionen darauf? Die spanische Inquisition war Kaffeekränzchen. Aber… Hurra! Ich lebe noch!
Noch immer gilt, dass der Lautsprecher das schwächste Glied in der Abhörkette ist. Das wird sich auch so leicht nicht ändern. Selbst auf der Enterprise funktioniert der Lautsprecher nach demselben Prinzip, wie er vor Urzeiten mal erfunden wurden. Man beamt hin und her, repliziert Futterage, bekämpft irgendwelche Anomalien von Q und saust mit Karacho durch den Weltraum – aber der Lautsprecher funktioniert wie eh und je.
Ab dem audiophilen Break-Even, wandelt der Lautsprecher nicht mehr nur elektrische Signale in Schall um, nein, er mutiert vorrangig zum Statusymbol. Ähnliches gilt auch für Röhrenverstärker. Röhren-Porno ist „en vogue“. Wie’s klingt ist egal, hauptsache Porno.
Die Sache mit dem Subwoofer ist auch so etwas spezielles. Nix gegen einen vernünftigen Einsatz. Doch die Mehrzahl ist davon ganz weit entfernt. Es muss rumsen und bumsen dass die Heide (mit e, nicht mit i) wackelt. Wenn’s die Magengrube nicht zerfetzt, dann fehlt einem was. Typisches Heimkino-Syndrom der zu spät Pubertierenden.
Den perfekten Schallwandler gibt es nicht. Was es aber gibt, das sind gut brauchbare, weniger gute und Schrott. Das Erstere ist zu 70% älteres Zeugs, teuer, nicht unbedingt WAF-tauglich und damit kaum für’s Wohnzimmer geeignet. Also eher Richtung PA… Die schönen Schrottis sind dagegen leider in der Überzahl.