Diese Momente…

Es sind diese kurzen Momente, die dem Leben Würze verleihen. Wobei die Würze hochnotpreinliches Erröten, Betroffenheit oder aber auch Freude verursachen kann. Je nach Intensität kann sie nur sehr kurz wirken oder lange anhalten. Letzteres sind dann lange Momente an die man sich später mehr oder weniger gerne erinnert. »Weisst Du noch…?«

Peinliche Momente birgt auch der gefürchtete Vorführeffekt.
Warum ich an diesem späten Nachmittag unbedingt meine Anlage einem Kunden vorführen wollte, weiss ich nicht. Ich habe es nicht so damit. Ich kann und werde nicht die Hand dafür in’s Feuer legen, dass bei solchen »audiophilen« Vorführungen auch die Möglichkeit besteht, den Hörer zu verführen. Ausserdem ist meine »Abhörkette« eher pragmatisch ausgerichtet.

Sie werden keinen Gebetsteppich davor finden. Und auch keine Räucherstäbchen. Dreimal um den HiFi-Altar tanze ich auch nicht.

Da mein 509-Eintakter nur über ein Paar Signaleingänge verfügt, ist es hin und wieder nötig, die Cinchkabel umzustöpseln. Bequemer geht’s mit einem, seit Ewigkeiten angeschlossene Vorverstärker der eigentlich eine »Lautstärke- und analoge Raumklanggeregelte Signalquellen-Umschalteinheit« ist.

Nur, wenn der Plattenspieler in Gang gesetzt wird, wird umgestöpselt, weil mein PasAk-Pre wesentlich besser ist, als der im Vorverstärker verbaute RIAA-Entzerrer. Vor allem bringt der PasAK genügend Pegel für meinen Eintakter.

Den alten CD-Player von Sony hege und pflege ich. Der begleitet mich nunmehr seit über 30 Jahre. Das verbindet. Leider zeigt er nun auch altersbedingte Macken: Es kann vorkommen, dass er eine CD nicht mehr nehmen will, bzw. erst nach gutem Zureden. Dabei macht der Player ganz leise auch entsprechende Geräusche.

Diese Momente…
Verstärker eingeschaltet. CD-Player eingeschaltet. Vorverstärker eingeschaltet. In der Dämmerung leuchten die Röhren nun besonders schön.

Aus reiner Faulheit legen ich eine alte Achim Reichel CD in den Player, weil sie da gerade griffbereit liegt. Und dann, ich höre es schon »Klick – Klick – Klick…«. Der CD-Player will Achim’s Silberling nicht spielen.

Achim Reichel – Grosse Freiheit – Live

Ich habe noch andere CD’s in Griffnähe – kein Problem. Eine davon »frisst« der Player dann ohne Probleme und kündigt das durch leises surren und einem kurzen pfeifen an. Das hört sich so ähnlich an, wie auf einem Bahnhof, wenn der Schaffner – kurz vor Zugabfahrt – in die Trillerpfeife pustet – nur eben nicht so brutal, sondern ganz leise und fein…

Den Lautstärkeregler am Verstärker auf 12 Uhr gestellt. Und dann den Regler am Vorverstärker vorsichtig aufgedreht.

Ich mache das deshalb, weil ich die Achim Reichel Scheibe erst vor kurzem wiedergefunden habe und ich das noch nie über den 509-Verstärker gehört habe. Wegen dem »Herrn von Ribbeck« und aus pädagogischen Gründen, wurde diese CD vor 10 Jahren mal angeschafft. Egal… Also, Achim…

Laute Stille. Beziehungsweise nur ganz, ganz, ganz leise tröpfelt etwas aus den Lautsprechern. Nanu?

Okay, mein Vorverstärker ist auch ein älteres Semester. Kann sein, dass er jetzt auch seine Macke hat. Es folgte eine Überprüfung aller Bedienelemente (davon hat der Pre einiges zu bieten). Alles so, wie es sein sollte.

Nagut, dann eben mein PasAk direkt. Eingeschaltet, Plattenspieler angeworfen (ich sollte mich doch mal mit dem Tonarmlift beschäftigen). Und?

Nix. Verdammt.

Dass meine Anlage, wie von Geisterhand, nicht mehr so funktioniert, wie sie sollte, kenne ich. Das kennt jeder Familienvater.

Von auf wundersame Weise verbogene Schallplattennadeln bis zu Röhren, die sich von ganz alleine bewegt haben und schief in der Fassung stecken. Ganz beliebt sind auch »abgefallene« Kabel. Wirklich, einfach so… Passiert(e) aus unerklärlichen Gründen immer dann, wenn die Erziehungsberechtigten längere Zeit ausser Haus waren…

Wenn Sie das noch nicht kennen, dann haben Sie noch Zeit, sich nach einem professionellem HiFi-Exorzisten umzusehen. Glauben Sie mir, irgendwann denken Sie auch über einen elektrischen Weidezaun nach… Oder an eine Videoüberwachung…

Nun war es wieder soweit. Für drei Momente dachte ich wirklich wieder über diesen Weidenzaun nach, obwohl die Geister alle eine eigene Anlage besitzen. Ich dachte auch über neue Foltermethoden nach, um diesen »Geist« zum Geständnis zu bewegen. Zehn Stunden Helene Fischer oder zwei Tage Musikantenstadl… Einer Lichtorgel gleich, im Takt mit Stromschlägen…

Ab auf die Werkbank. Röhrenverstärker zuerst. Was bleibt übrig?
Ergebnis: Nix.

Messtechnisch alles so, wie es sollte. Okay, der Ruhestrom im linken Kanal wird etwas nachjustiert. Das war es. Alles wieder zurück. Alles wieder angeschlossen.

Und siehe da – Musik. Der CD-Player wird mit Achim gefüttert. Ein leises surren, dann das »Schaffnerpfeifen« und der »Herr von Ribbeck« fällt aus den Lautsprechermembranen. Und der PasAk? Funktioniert natürlich.

»Irgendjemand hatte an diesem Tag ein ganz schlechtes Karma«, meinte meine Frau.
Ich mag diese einfachen Erklärungen. Sie sind so logisch. Weibliche Logik, versteht sich.

Gibt’s eigentlich einen Karma-Tester für zum Selberbauen?

Fragt sich nun verwundert
-Friedrich Hunold-

frihu

…hört gerne Musik. Über Röhrenverstärker. Musikrichtung egal. Ausser Jazz, Hip-Hop, House, Metal, Trash, Schlager, Volksmusik, Gangsta-Rap (noch schlimmer, wenn in Deutsch gebrüllt). Da krieg' ich ein Hörnchen. Autor der Bücher: Hören mit Röhren, Röhrenschaltungen und High-End Röhrenschaltungen. Artikel in hifi-tunes (Röhrenbuch 2): Bauteileauswahl für Röhrenverstärker und EL509 Single-Ended Röhrenverstärker im Selbstbau

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