Dieter Ennemoser

2005: Einen Menschen zu interviewen der wie kein anderer für kontroverse Diskussionen in der HiFi-Szene gesorgt hat, ist nicht einfach. Es ist besonders dann nicht einfach, wenn man zuvor das Produkt verrissen hat. Zeit also, sich einmal mit dem Schöpfer des Produkts zu beschäftigen: Dieter Ennemoser. Der Mensch hinter dem C37-Lack.

Hatte ich noch gehofft, dass es bei dem üblichen Frage- und Antwortspielchen bleiben würde, so wurde ich bald enttäuscht. Das Interview selber beinhaltete soviel Tiefgang, dass man daraus kaum ein »normales« Interview machen kann.

Speziell für Dieter Ennemoser nun dieses abgewandelte Interview und damit meine Verneigung vor einem wirklich großartigen und liebenswürdigen Menschen.


Ennemoser: Da sitze ich nun und soll etwas Gescheites von mir geben. Ich sage nun, warum das wohl nicht funktionieren wird.

Um mein Denken für meine notwendigen Forschungen umzuprogrammieren, kam mir in den Sinn, beim Denken überhaupt auf Wörter und Sätze zu verzichten. Also war fortan meine Literatur nicht mehr wissenschaftlicher Art oder gar Fachliteratur oder gar Fachzeitschriften (man nennt sie auch »Magazine«), sondern Donald Duck-Heftchen und Clever & Smart-Comics. Flankierend dazu suchte ich die Gesellschaft von jungen Leuten und Kindern, deren Gehirne bekanntlich noch nicht von Worten und Sätzen »zerprogrammiert« sind.

Um es kurz zu machen: ich schulte meinen Instinkt und versuchte »aus dem Bauch heraus zu handeln« und dementsprechend zu forschen. Wie schwer das als erwachsener Mensch ist, zeigt ein Zitat von Pablo Picasso: »Ich habe als Kind wie Raffael zeichnen können, aber mein ganzes Leben dafür gebraucht, um kindlich zeichnen zu lernen.«

Damit hatte ich nicht gerechnet. Das vorbereitete Script legte ich zur Seite und führt das Gespräch nun ebenfalls »aus dem Bauch heraus«. Ich brachte das Gespräch auf die angeblich mit C37 lackierte Röhre.

Ennemoser:
ennemoser_vaic Nein, da wird nichts lackiert. Ich weiss worauf Sie anspielen. Aber das Bild ist ein Pressefoto mit Alesa Vaic (links im Bild).
Lackierte Röhren wären bei den Betriebstemperaturen ja auch nicht gut. Ich darf sagen, dass der Lack für eine bestimmte Arbeitstemperatur (bis aufs Grad genau) entwickelt und aufgebracht wurde. Der Rest bleibt Betriebsgeheimnis, auch wenn es AVVT nicht mehr gibt.

Ich hatte es befürchtet. Nun sind wir also doch beim C37-Lack gelandet. Der Name Ennemoser ist untrennbar mit diesem Produkt verbunden. Können Sie eine kurze Beschreibung geben, wie C37 wirkt und was es damit überhaupt auf sich hat?

Ennemoser: Nun, da muss ich weiter ausholen: Stradivari hat 30 Jahre an seinem Geigenmodell geforscht. Während sich der Aufbau und die Formgestaltung seiner Geigen noch relativ simpel gestalteten, war die spezielle Lackierung doch aufwendiger. Das heisst nun nicht, dass speziell bei der Formgestaltung das Schema 08/15 verfolgt wurde. Winzige Änderungen in der Geigengeometrie konnten schon viel bewirken. Es ist die Summe aller »Maßnahmen« die diese Geige schon sehr früh begehrenwert machten.

Zielvorstellung beim C37-Lack ist, eine Klangstruktur zu erreichen, um einen verfärbungsfreien und hochauflösenden Klang zu erreichen. Da mein Lack bei den verschiedensten Anwendungen unterschiedliche Temperaturen erreicht bzw. ausgesetzt ist (Lautsprecher, Verstärker, Klima), bekommt er für jeden Tempera- turbereich eine andere Zusammensetzung, um dann eine exakte Wirkung zu erhalten. Materialklang und seine Abhängigkeiten von der Temperatur sind ein wesentlicher Bestandteil der C37-Theorie, welche die Grundlage bildete, diesen Lack zu entwickeln.

Wenn ich das jetzt richtig verstanden habe, ist ein C37-Lack für Lautsprechergehäuse nur bedingt für Lautsprechermembrane geeignet. Und ein Lack für afrikanische Klima ist für unser Klima sinnlos?

Ennemoser: So ungefähr. Es macht keinen Sinn, ein C37 für Lautsprechergehäuse (22° Lack) auf irgendwelche Elektronikteile mit hoher Betriebstemperatur aufzubringen. Es werden zwar Resultate erzielt, aber es ist kein perfektes C37-Ergebnis.

Als Sie mit C37 die HiFi-Bühne betraten, gab es kurz darauf eine Menge ähnlicher Produkte. Was ist damit?

Ennemoser: Was soll damit sein? Nur wo C37 draufsteht, ist C37 drin. C37 ist übrigens als Marke geschützt. Alle anderen Wässerchen, Tinkturen oder Geigenlacke die für Klangoptimierung beworben werden, sind nicht das, wofür sie sich ausgeben. Ein »renommierter« deutscher Verstärkerhersteller und meine damalige Dependance hatte das C37 derart gestreckt, dass von meinem C37 nicht mehr viel übrigblieb. Auch dubiose »Tinkturen« wurden als C37 verkauft, wie eine chemische Analyse einwandfrei bewies. Die Kundenbeschwerden blieben nicht aus. Und das vollkommen zu Recht.

Dieser Vertrieb kupferte natürlich auch hemmungslos meine Forschungsarbeiten und münzte diese dann (Jahre später) als seine Erfindung um. Im Endergebnis liest sich das als absoluter physikalischer Blödsinn. Hätte er meine Forschungsarbeiten Eins-zu-Eins übernommen, wäre der Urheber dieser Gedanken zu leicht erkennbar gewesen. Nun stehe ich vor dem Problem, diesen Blödsinn aus den Gehirnen meiner Kunden zu löschen und ihnen die ganze Wahrheit erzählen zu müssen.

Man muss bedenken, dass der normale, zur Klangoptimierung eingesetzte Geigenlack einem Alterungsprozess unterliegt und nach einer gewissen Zeit unangenehme Klangverfärbungen erzeugt. Der teure Lautsprecher wird dann wertlos.

In der Hochzeit der C37-Hype verging ja auch keine Woche, wo man nicht neue Anwendungen für das C37 fand. Das Tröpfchen C37 auf einen Quarz des CD-Players öffnete die gesamte Bühne (was auch immer damit gemeint war), C37 auf Widerständen oder Platinen liessen den Verstärker luftiger klingen und so weiter. Für wie seriös halten Sie diese Berichte?

Ennemoser: Wie ich schon sagte, kommt für einen speziellen Anwendungsfall ein spezielles C37 in Betracht. Ein Standard-C37 gibt es nicht. Ebensowenig wie C37 zaubern kann. Es macht aus schlechten Bauteilen keine guten und aus einem Monoverstärker keinen Stereoverstärker. Es ist ein Glied in der Optimierungskette.

Zurück zu der Röhre. Zu der C37-Röhre.

Ennemoser: Gut, das ist auch das, was Ihre Leser interessiert, nicht wahr? Hier bezieht sich das C37 nicht auf den Lack sondern auf die Form. Wer’s nicht glaubt, soll mich breitschlagen und dann auf den Klang meiner Schreie hören.

Im Ernst: die Analyse der Klangdetails erfolgt durch Abklopfen, was natürlich langjährige Übung und Erfahrung erfordert. Meine vielen (und nicht gerade billigen) Versuche im Geigenbau kamen mir da natürlich entgegen. Aber dieses Abklopfen kommt nicht nur bei der AVVT-Röhre zum tragen. Sie ist wesentlicher Bestandteil meiner Arbeiten mit C37. Das Abklopfen eines mit C37 behandelten Quarzes oder Widerstandes dürfte sich also als etwas schwierig gestalten.

Bei der Klangqualität von Instrumenten oder HiFi ist es ja so, dass zwar eine einzige Maßnahme zum besseren Klang wohl nicht hörbar ist, aber doch in der Summe der einzelnen Maßnahmen (man kann das nicht oft genug wiederholen). Firmen (u.a. Clockword-Audio, RSL-Horn, Tom Salcher und bald auch Dimitri Metzler von speaker-hifi), die meine Lizenznehmer sind, bedienen sich systematisch dieses know-hows. Bestimmte Unternehmen (und hier meine ich eine bestimmte deutsche Unternehmung) die früher mit mir zusammenarbeiteten, betreiben nun Ideeendiebstahl und gehen mit diesem know-how hausieren. Das fängt mit der Form von Platinen an und hört bei der Kühlkörpergeometrie und -Positionierung nicht auf.

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frihu

…hört gerne Musik. Über Röhrenverstärker. Musikrichtung egal. Ausser Jazz, Hip-Hop, House, Metal, Trash, Schlager, Volksmusik, Gangsta-Rap (noch schlimmer, wenn in Deutsch gebrüllt). Da krieg' ich ein Hörnchen. Autor der Bücher: Hören mit Röhren, Röhrenschaltungen und High-End Röhrenschaltungen. Artikel in hifi-tunes (Röhrenbuch 2): Bauteileauswahl für Röhrenverstärker und EL509 Single-Ended Röhrenverstärker im Selbstbau

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