Ariand T84-P

Ariand

Ich nehme es vorweg: Man kann nun von Yarland-Verstärker halten, was man will, aber dieser T84-P kommt nicht von Yarland. Nie im Leben!

Meine Vermutung ist, dass dieser Verstärker von einer anderen chinesischen Lötstation, deren Produkte sich hinter anderen Namen verstecken, hergestellt wurde. Hierfür spricht die Platine (deren Machart ich bereits abgrundtief zu hassen gelernt habe), das krude Layout der Kupferbahnen die eine noch »kruderer« Bestückung nach sich zog, die allgemeine mechanische Konstruktion (schlimmer geht immer) und das gekonnte Ignorieren althergebrachter Schaltungstechniken.

Beispiel gefällig?

Auf dem Bild erkennt man ein blaues Trimmpoti (Einstellregler). Dieser ist an den Heizungsanschlüssen der ECC83 angeschlossen und soll die Heizspannung symmetrieren. Nichts dagegen.

Der mutmaßliche Hersteller dieser Schaltung hat daraus aber eine vollkommen neue Schaltungs-Symmetrierung gemacht. Abgesehen davon, dass der Regler total verstellt war, läuft der Mittenabgriff über einen kleinen Kondensator (10nF) nach Schaltungsmasse…

t84p-3a

Also, wer so etwas macht…

Spätestens seitdem die Röhren mit Wechselspannung beheizt werden (da waren selbst Ihre Eltern noch nicht in Planung), wird der Mittenabgriff eines derartigen Reglers direkt auf Schaltungsmasse gelegt. Sonst ist Essig mit Symmetrierung. Und warum sind die anderen Heizspannung (jede Röhre hat ihren eigenen Heizspannungsanschluss!) nicht symmetriert? Es dürfte klar sein, dass das irgendwann, irgendwie, irgendwelche Probleme macht…

Die magere Ausbeute einer Internet-Recherche ergab, dass andere T84-Modelle etwas anders aussehen, was besonders »meine« Widerstandstürmchen (in der Summe 22kΩ / 10W) betrifft. Gemeinsam ist aber, dass die Koppelkondensatoren allesamt so aussehen, als ob da jemand drauf herumgetrampelt hat. Oder sie waren schon einmal verbaut… Oder sind vom Laster gefallen…

Überhaupt Koppelkondensatoren: Yarland hat auch noch nie diese Solen-Kondensatoren verbaut.

Schaltungstechnisch

Mache ich kurz: Die ECC83 (12AX7) darf nicht richtig arbeiten und soll wohl nur als »Bezugspunkt« für die Gegenkopplung dienen. Röhren aber, die nicht richtig arbeiten dürfen, benehmen sich wie kleine Kinder die Langeweile haben: Sie machen Blödsinn. Erst recht, wenn sie dazu animiert werden. Der fehlende Gridstopper, der zusammen mit den Miller-Kapazitäten einen Tiefpass bilden und somit HF wirkungsvoll abblocken könnte, macht sich deutlich bemerkbar (»Ich will Radio hör’n…«).

Die nötige Phasenumkehr ist nach Art (!) Paraphase aus dem Yarland F34 Modell entlehnt (so im Groben) und sorgt, neben ein bisschen Verstärkung, hauptsächlich dafür, dass die Betriebsspannung absackt. Zumindest das hat mit Leak nichts zu tun. Bereits zu Leak-Zeiten (um 1960) wusste man um die Schwachstellen einer Paraphase. Das, was im Leak steckt, ist eigentlich ein Differenzverstärker der heute einfach unter »wechselspannungsmäßige Long Tail Pair« fimiert.

Auch die Beschaltung der EL84 ist im Groben dem Yarland-Modell ausgeliehen. Nur, dass man hier die Schirmgitter der Pentoden in Ultralinear beschaltete. Trotz Schirmgitterwiderstände befand sich die Schirmgitterspannung am Limit (»RTFM«, sag ich nur). Kommt nun noch die aufmodulierte Signalspannung hinzu…

Die Bauteilwerte, die auf der Platine vermerkt sind, habe ich in »meinem« T84-P übrigens nur sporadisch wieder gefunden und die Siebelkos im Netzteil würden in einem KT88-Gegentakter gut passen.

Ohne Röhren hält sich die Versorgungsspannung übrigens »ein paar« lange Stunden. Ist auch kein Wunder, wenn man als Entladewiderstand einen Widerstandswert verbaut, der nicht entladen kann. Was das dazugehörige Manual empfiehlt, um die Kondensatoren zu entladen, will ich nicht wiedergeben…

Sollten Sie so etwas zu Hause stehen haben und wollen dem Manual Folge leisten – tun Sie’s nicht!

Änderungen

Eine Schaltungsänderung war nicht so einfach wie gedacht. Das Platinenlayout forderte ein gerüttelt Maß an »Improvisationskunst« ein. Vor allem mussten die Lötstellen wirklich »hundertpro« sitzen. Das war bei dieser Platine gar nicht so einfach…

Was die Phasenumkehr (Phase Splitter) betrifft: Weg mit der Möchtegern-Paraphase und eine (echte) »Long Tail Pair«-Schaltung hinein gedröselt. Die ECC83 wird übrigens ehrenhaft entlassen und durch eine ECC82 ersetzt. Das, was nämlich die ECC83 leisten könnte, war hier schlichtweg zuviel für die EL84, da ja auch noch die Phasenumkehr etwas zur Verstärkung beisteuert.

Die Ursache für das Krachen und Knallen war ebenfalls bei einer ECC82 zu finden. Hauptursache war eine »tolerante« Röhrenfassung, die – je nach Lust und Laune – einen nicht zuverlässig nachvollziehbaren Wackelkontakt produzierte. Dazu kam, dass die Röhre an sich, auch nicht ganz »koscher« war. Letzteres kann übrigens durchaus passieren…

Die gesamte Beschaltung war für HF-Einstreuungen geradezu prädestiniert. Falsche, oder nicht vorhandene Gridstopper und Röhren, die über Limit gefahren werden bieten einen excellenten Nährboden dafür.

EL84 und Datenblatt

Wenn im Datenblatt die maximale Spannung von 300V vermerkt ist, dann ist alles, was in diese Nähe kommt, bereits eine NoGo-Area. Mit besten Grüssen – extra für diese chinesische Lötstation

最 大 值 不 是 运 行 值

(Zuìdà zhí bùshì yùnxíng zhí)
Maximalwerte sind keine Betriebswerte

Ja, es gibt »spezielle« EL84, die sich in dieser Umgebung wohl fühlen. Nur – woher soll der technisch unversierte Laie das wissen? Oder der Verkäufer? Soll man dem Kunden jetzt auch noch zumuten, die Betriebsspannung zu kontrollieren, um diese dann mit den Datenblattangaben zu vergleichen? Das ist dann doch ein »bisschen« zuviel verlangt.

Neben den eigentlichen Umbauarbeiten musste also noch die Spannung reduziert werden, was besonders das Schirmgitter der EL84 betraf. Neue und etwas »stärkere« EL84 (14W statt 12W Anodenverlustleistung) waren ebenfalls nötig. Es war verwunderlich, dass die relativ neuen JJ-EL84 das überhaupt solange mitgemacht haben. Haben sie übrigens auch nicht. Eine Röhre zollte der Überbelastung Tribut und beging während des Abschlusstests ein farbenfrohes Suizid.

Zum Schluss noch einmal: Zumindest dieser Ariand T84-P hat mit Yarland an sich, nichts zu tun. Genau die gleiche Röhrentechnik findet sich in andere Verstärkergehäuse, mit anderem Namen, wieder.

Der »neue« EL84-PP

Die »Hochleistungs«-EL84 benötigen Zeit, um ihren Arbeitspunkt zu finden. Es dauert etwas, bis sie sich auf etwa 35mA Ruhestrom (!) eingependelt haben. Das ist für HiFi in Class-AB (Self-BIAS) übrigens der richtige Arbeitspunkt. Ruhestrom wohlgemerkt, nicht Anodenstrom!

Klanglich?

Rund.
Wohlproportionierte Tiefen, nicht zu dick, nicht zu dünn. Schöne, leckere und natürliche Höhen. Und die Mitten erst. Gerade richtig. Rund, eben. EL84-Sound. Zumindest an meinen Fostex BK201-Kisten…

Kleiner Wehrmutstropfen: Die Übertrager reagieren scheinbar sensibel auf unterschiedliche Lautsprecher. Unter Umständen muss man sich mit einer zusätzlichen Impedanzlinearisierung beschäftigen.

Tipp: Breitbandige Lautsprecher ab 90db/W/m ohne »viel Frequenzweiche«. Dann macht’s richtig Spass. Schon lange nicht mehr diesen, doch wirklich sehr eigenen, »EL84-Sound« gehört…


Kundenmeinung v. 26.08.2018

[…] einfach um 5 Klassen besser, Räumlichkeit, Höhen, Auflösung, Bass.
Tolle arbeit, Danke […]

frihu

…hört gerne Musik. Über Röhrenverstärker. Musikrichtung egal. Ausser Jazz, Hip-Hop, House, Metal, Trash, Schlager, Volksmusik, Gangsta-Rap (noch schlimmer, wenn in Deutsch gebrüllt). Da krieg' ich ein Hörnchen. Autor der Bücher: Hören mit Röhren, Röhrenschaltungen und High-End Röhrenschaltungen. Artikel in hifi-tunes (Röhrenbuch 2): Bauteileauswahl für Röhrenverstärker und EL509 Single-Ended Röhrenverstärker im Selbstbau

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