Dynavox VR80

Die VR80-Monoblöcke sind etwas für Leute, die es gerne auch einmal laut, sehr laut und zugleich archaisch mögen. Bis auf das verchromte Chassis kommen diese Röhren-Monoblöcke auch ganz ohne »Zierleisten« aus. Eine Seltenheit! Archaisch… Also, das ist durchaus positiv gemeint. Aber…

… Nicht ganz so selten habe ich diese Verstärker hier zur »Pflege«: Seit 2013 schlagen die VR80-Monoblöcke hier mit schöner Regelmäßigkeit auf. Und fast bei jedem dritten VR80-Paar gab es etwas »Neues« zu entdecken… Mittlerweile scheint sich das »stabilisiert« zu haben.

Glühende Leidenschaft oder HiFi welches Leiden schafft?

Trotzdem: Wer etwas kräftiges benötigt und keinen Kredit aufnehmen möchte, ist mit den VR80-Monoblöcken zunächst ganz gut bedient. Das sage ich ganz ohne rot zu werden, denn es gibt ja kaum vergleichbare Alternativen hinsichtlich Preis-Leistung. Vorab: Ich hatte seinerzeit einen durchaus interessanten Kontakt zum Vertrieb und hatte ihn auch über diverse Fehlerchen informiert – nebst einem Schaltplan mit korrekter Dimensionierung… Diverse »Eigenarten« finden sich noch immer.

Vom Dynavox VR80 gibt es auch ein TAC-Pendant: den TAC-834. Prinzipiell der gleiche Verstärker mit prinzipiell den gleichen »Marotten« – nur eben nicht auf zwei Geräte verteilt sondern alles hübsch auf einer dichtbestückten Platine gepackt und in einem Gehäuse verfrachtet.

Es war einmal…

hafler_kereos Anno Domini 2007 war die Suche nach einem adäquaten VR80-Schaltbild von Misserfolg gekrönt. Das notwendige Reverse Engineering brachte damals Erstaunliches zutage. Nicht die übliche 08/15-Schaltung wurde verwendet, sondern eine fast originalgetreue Kopie einer Hafler & Kereos Ultra-Linear Schaltung aus dem Jahre 1951: Eine sich selbst symmetrierende Vorstufe mit 12AX7 (ECC83, damals 6SL7 – prinzipiell eine floating Paraphase Phasenumkehr) arbeitet auf einen Treiber mit 12AU7 (ECC82, damals 6SN7). Im Original kamen dann zwei alte Bekannte in Form von (Beam Power Tetroden) 6L6GC oder (waschechte Pentoden) EL34 die in Class-A (!) arbeiteten. Die Leistung damals: etwa 20 Watt. Bei dem Dynavox VR80 sind es eben nicht zwei Endröhren sondern vier EL34 (pro Kanal) die zudem über einen einstellbaren BIAS verfügen und somit in Class-AB arbeiten! Damit können theoretisch (!) Leistungen bis etwa 70 Watt pro Kanal erzielt werden.

Genauso erstaunt war ich damals über die technischen Daten: »Offiziell« wurden 80 Watt (RMS) pro Monoblock und ein Frequenzgang jenseits von Gut und Böse (15Hz bis 100kHz mit dem üblichen ±1,5dB) zugesichert. Der Frequenzgang liest sich gut, scheint aber realistischer Weise wohl nicht auf eine höhere zweistellige Wattleitung bezogen zu sein (spätestens die vergossenen Übertrager streiken dann). Die angegebene Leistung… Nun ja, sagen wir es mal so … Es wird verdammt schwer, dieses Ziel zu erreichen.

Zum Klang: Wer noch nie einen gut abgestimmten EL34-Röhrenverstärker gehört hat, kann sich an dem Klanggeschehen des VR80 ergötzen. Viele Besitzer fanden den Klang allerdings doch etwas »merkwürdig« (sofern nicht der Reparaturfall eingetreten ist): Das, was der VR80 hier produziert, hängt wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Irgendwie »schwabbelig«, »verwaschen« – ohne jede Substanz. Zudem gehen den VR80 bei wirklich grosser Lautstärke schnell die »Puste« aus.

Fundsachen…

vr80-innen Bis auf wenige Ausnahmen fanden und finden sich in den VR80-Monoblöcken durchgängig 1W und 2W Kohleschicht-Widerstände der Sorte »Bastlerkiste«. Gerne auch gemischt mit (guten) Metallschichtwiderständen. Es gab auch Fälle von unterschiedlicher Bestückung pro Verstärker-Paar. Neuere Modelle sind dagegen durchweg mit Metallwiderständen bestückt. Inflationär aber das Aufkommen von 400V-Kondensatoren (Elkos und Folie). Wenn eine Betriebsspannung von über 450V anliegt, dann tut man gut daran, entsprechend spannungsfeste Kondensatorentypen einzusetzen. Gerade im Einschaltmoment – da wo die Röhren noch keine Last bilden (können) – kann sich so ein unterdimensionierter Kondensator verherrend auswirken!

kranke_widerstaende Je nach Laufzeit der VR80-Monoblöcke können einige Widerstandswerte nicht mehr optisch ermittelt werden: Die Farbringe, die zur Widerstandsermittlung dienen, sind nicht mehr erkennbar. Ein deutliches Zeichen von Überlastung: sie wurden und werden unzulässig heiss (links im Bild)! In einigen Fällen »zerreisst« es auch den Kathodenwiderstand bei einer (!) Endröhre (rechts). Jeweils oben abgebildet ein »gesunder« Widerstand.

Schaltet man einen VR80 ein, ist zuerst ein deutliches Trafobrumm hörbar welches sich zwar futuristisch und ungeheuer wichtig anhört, aber letztendlich von Überlastung oder magelnde Qualität zeugt. Das Letztere ist der Grund, warum der Mordstrafo (EI108-Kern) satt brummt und nach zwei, drei Sekunden dann langsam verstummt. Umgekehrt proportional zum Brummgeräusch baut sich die Spannung auf. Ich gebe es zu: Beim ersten Mal habe ich wirklich nach einem Röhrengleichrichter gesucht.

Beste Voraussetzungen…

Die Schaltung an sich ist nicht schlecht (was ja auch kein Wunder ist, denn Hafler und Kereos ist ja nicht irgendwer, sondern stehen hinter den Namen Arcosound und Dynaco). Es kommt nur darauf an, was man daraus macht. Mit den verwendeten Bauteilen und vor allem der Dimensionierung sollte man keine Wunder erwarten. Das geht deutlich besser. Und das heisst nicht, einfach nur andere (teure und vollkommen überdimensionierte) Koppelkondensatoren einzusetzen.

VR80 Standard-Customize

Ein Widerstand im Netzteil bereitete mir damals Sorgen. Etwa 15 Sekunden nach dem Einschalten wurde dieser so heiss, dass man das nicht durchgehen lassen konnte. OK – Siebwiderstände (Serienwiderstände) können, müssen, warm werden – aber heiss? Die Sache wird noch heikler, wenn neben dem heissen Widerstand ein Elko angebracht ist, der dann natürlich im Zeitraffer altert und irgendwann aufgibt.

Nach kurzer Taschenrechner-Akrobatik wurde (und wird) der komplette Vorstufenbreich umdimensioniert. Einige Bauteilwerte waren bzw. sind völliger Blödsinn und man fragt sich, ob diese nicht doch ausgewürfelt wurden. Kein Wunder das da etwas (viel) zu heiss wird. Nach physikalischen Gesetzen bleibt nämlich gar nichts anderes übrig: Energie löst sich ja nicht einfach in Luft auf. Nach der Umdimensionierung, wurde es (Oh Wunder) auch nicht mehr heiss und die vier EL34 wurden nun auch mit dem richtigen »Spannungshub« versorgt. Kurze Erinnerung: Vor- und Treiberstufe sind ursprünglich nur für zwei Endröhren ausgelegt gewesen!

Eine typische »Eigenart«, die mittlerweile von anderen Firmen kopiert wird: Das NF-Signal wird, mit dieser Bauteildimensionierung, quasi durch ein »Filter« geschickt. »Oben« und »unten« herum wird das Signal beschnitten und somit »fehlt« dann einfach was. Ausserdem öffnet man damit eine instabile Arbeitsweise der Röhren Tür und Tor, was das Netzteil dann noch zusätzlich belastet.

Alle Koppelkondensatoren werden durch audiotaugliche MKP’s ersetzt, die zum einen den Spannungsanforderungen genügen, zum anderen auch ins Rastermaß passen. Je nach verwendetem Kondensator kann es erforderlich sein, diese mit kleinen Parallelkapazitäten »zu versorgen«. Warum diese Parallelkapazitäten, je nach Kondensatortyp, manchmal notwendig sind, dürfen sich die Nachahmer selber ausdenken… (Mit Klang an sich, hat das aber nichts zu tun)

drahtwiderstand_defekt Die Schirmgitter- und Kathodenwiderstände der EL34 werden auf gute Drahtwiderstände umgerüstet, die notfalls – ganz ohne Stichflamme oder sonstigen Budenzauber – still und leise in den Modus »Defekt« gehen. Metallwiderstände, zudem in der 4W-Klasse (auch schon gesehen, waren aber nicht werkseitig eingebaut), sind hier wirklich fehl am Platze.

 

frihu

…hört gerne Musik. Über Röhrenverstärker. Musikrichtung egal. Ausser Jazz, Hip-Hop, House, Metal, Trash, Schlager, Volksmusik, Gangsta-Rap (noch schlimmer, wenn in Deutsch gebrüllt). Da krieg' ich ein Hörnchen. Autor der Bücher: Hören mit Röhren, Röhrenschaltungen und High-End Röhrenschaltungen. Artikel in hifi-tunes (Röhrenbuch 2): Bauteileauswahl für Röhrenverstärker und EL509 Single-Ended Röhrenverstärker im Selbstbau

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