Romulus, Remus & Kalypso

Ist das Aas?

Auspacken, ansehen, schrottreif. Genau das waren die Attribute, die ich gebraucht habe, als ich einen ersten flüchtigen Blick über die Schaltung schweifen liess.

  • Fast alle Elkos litten unter mehr oder weniger starken Blähungen.
  • Einige Widerstände hatten eine ungesunde, bleiche oder sehr dunkle, Farbe.
  • Die Platine war bei den ungesund aussehenden Widerständen leicht geschwärzt (dadurch weiterer Kollateralschaden: Leiterbahnen lösten sich ab)
  • Für meinen Geschmack viel zu lange Drahtverbindungen von Röhrenfassung zur Platine.

remus-elkos Also, dass sich Elkos aufblähen, ist ja nichts Neues. Aber Philips Langlebe (LL) Elkos? Wenn alles ordnungsgemäß läuft, könnte man an den Dingern lange Spass haben… Ich kenne Elkos, die sind älter – sind aber fit wie’n Turnschuh. Leichte Blähungen zeigten auch die Elkos, die zur Spannungsstabilisierung für die negative Vorspannung dienten. Hier müssen lediglich 100V »in Schach« gehalten werden. Warum hier 450V-Elkos eingesetzt waren, weiss ich nicht.

remus-widerstaendeEinige Metallschichtwiderstände sind ergraut oder schon gut »dunkelgebräunt«. Exemplarisch nur diese zwei Widerstände, die auch das Auslöten nicht mehr überlebt haben. Später zeigte sich, dass auch bereits die Platine partiell Farbe bekommen hat. Beim Auslöten der defekten Bauteile löste sich dann auch noch die Kupferbahn vom Trägermaterial.

remus-platine

Die grauen Blöcke entpuppen sich als Folienkondensatoren. Ob MKP oder MKT kann nicht gesagt werden. Stutzig werde ich jedoch bei der Spannungsfestigkeit der Koppelkondensatoren: 400 Volt. Ist ja nicht weiter tragisch – es liegt ja nur eine Betriebsspannung von über 500 Volt an. Bitte auch das im Hinterkopf behalten… Bei den Kapazitätswerten stutze ich ebenfalls. Wie soll mit diesen Werten eine untere Grenzfrequenz von 20Hz (-3dB) erreicht werden?

Wird es etwa unzulässig heiss?
Kann es sein, dass die Kiste irgendwie hochfrequenzmäßig schwingt (von wegen Oszillator und so…)?

Der Besitzer bestätigte dann auch, dass die Kiste hübsch »warm« wird. Auch war immer ein »krisseliges« Brummen zu hören. Nicht laut, aber wahrnehmbar. Vor kurzem ist sogar eine Endstufenröhre – so mir nichts, dir nichts – »hochgegangen«.

Ok, das Brummen auf einen Kanal kann man beseitigen (vermutlich liegt es »nur« an den Elkos und am Symmetrierpoti der Heizwechselspannung) und den Remus mit äussert schlechtem Gewissen wieder abschieben. Das wird und würde niemand ernsthaft machen wollen – den nächsten »Wartungstermin« (spätestens in 4 Wochen) könnte man schon im Kalender aufschreiben.

Und jetzt holen wir die zwei Dinge aus dem Hinterkopf: Ich finde hier in natura einen fast Eins-zu-Eins Kalypso-Schaltplan. Die Kalypso war mit den Endröhren EL84 bestückt. Und diese begnügt sich mit einer Versorgungsspannung von 300 Volt. In meinem Verstärker liegt nach dem Einschalten über 500 Volt an, was für die KT90 OK ist. Die komplette Remus-Vorstufe ist aber identisch mit Kalypso-Vorstufe. Kein Wunder, dass da nichts, aber auch gar nichts, passt. Weder die Spannungsfestigkeit der Koppelkondensatoren (400V) noch die Betriebswerte, mit denen die Vorstufenröhren gefahren werden. Das ist jetzt aber blöd, oder?

Ich spüre, ich kriege ‘ne Krise…

Dann schauen wir mal weiter. Genauer. Danach ging’s zur ultimativen Krisenbewältigung an den Kühlschrank zwecks Bier-Entnahme.

  • Gridstopper an den Endröhren sind überflüssiger Luxus (Schwinggefahr)
  • Die KT90-Datenblattangaben bezüglich Gitterableitwiderstand wurden gekonnt ignoriert.
  • Richtige Netzschalter sind teuer. Ein skalierbarer Drehschalter (!) tut’s auch.

netzschalter Die Sache mit dem Netzschalter ist allerdings so eine spezielle Geschichte. Ob der werksseitig eingebaut war, weiss ich nicht. Ich will mir das nicht vorstellen, denn diese Dinger werden normalerweise zum umschalten von NF-Eingängen genutzt. Die maximale Schaltleistung beträgt »nur« 250V/1A. Es ist ein Wunder, dass der Schalter solange gehalten hat.
Auch die Hochlast-Kathodenwiderstände (1Ω/4W) die zur Ermittlung des Ruhestroms dienen, sind wohl kaum Original. Stufenschalter und Widerstände wurden wohl eher nach dem Motto »Was nicht passt, wird passend gemacht«, eingeflanscht.

Einen recht hohen Unterhaltungswert hatten dagegen die sechs Glimmlämpchen (drei pro Kanal). Ja, Neon-Glimmlämpchen. Hier dürfen pro Kanal drei seriell geschalteten Lämpchen über einen Vorwiderstand irgendwie als »Spannungsvernichter« fungieren und den Verstärker von innen heraus »illuminieren«.

glimmlaempchen

Ich weise nochmals darauf hin, dass ich von einem »englischen« Verstärker aus den 1990’er Jahren rede.

Und jetzt: Prost.

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frihu

…hört gerne Musik. Über Röhrenverstärker. Musikrichtung egal. Ausser Jazz, Hip-Hop, House, Metal, Trash, Schlager, Volksmusik, Gangsta-Rap (noch schlimmer, wenn in Deutsch gebrüllt). Da krieg' ich ein Hörnchen. Autor der Bücher: Hören mit Röhren, Röhrenschaltungen und High-End Röhrenschaltungen. Artikel in hifi-tunes (Röhrenbuch 2): Bauteileauswahl für Röhrenverstärker und EL509 Single-Ended Röhrenverstärker im Selbstbau

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