Unison Simply Two

Dieser Unison-Röhrenverstärker heisst nicht nur Simply, er ist auch simply: Ein EL34-Eintakter im einfachen aber zweckmäßigen Blech-Outfit, dazu gerundete Holzapplikationen. Kann man simple Technik noch eleganter auf dem Catwalk schicken? Simpel – das ist bei diesem »Italo-Röhrenverstärker« durchaus positiv gemeint. In der Bella Donna arbeite »vorne«, in der Eingangsstufe, eine 12AU7 (ECC82). Nicht als SRPP aufgedonnert, sondern als klassische, zweistufe, Kathodenbasisschaltung.

Und dann kommt eben schon die EL34. Das ist »semplice eleganza«. Das Netzteil ist ordentlich. Quatsch. »Oversized« passt eher: Ein »Männer-Gleichrichter«, der in so manchem Gegentakter aus Fernost eine gute Figur abgeben würde. Und die Siebkapazität nebst Siebdrossel sind alles andere als Strass und zur Schau getragene Blickfänger.

Wie in der Haute Coutur üblich, wird geschickt das Ohr des Betrachters auf ein winziges, aber raffiniertes Detail gelenkt: Die Gegenkopplung schlängelt sich vom 8Ω-Lautsprecherausgang über einen umschaltbaren Gegenkopplungs-Widerstand zur zweiten Verstärkerstufe. Erst ab diesem Punkt lässt sich der Verstärker kontrollieren. Die erste Verstärkerstufe hingegen zeigt sich mit offenherzigem Trioden-Dekolleté. Mit dem Gegenkoplungs-Schalter halbiert (!) man »nur« den Widerstandswert der Gegenkopplung. Das ist mutig. Ungewöhnlich. Aber, was soll’s? Wenn’s schö‘ macht?

Und jetzt, an dieser Stelle: Dieser Unison-Verstärker hatte schon mehrere Besitzer. Und augenscheinlich hatte dieser Simply nach der Produktion mindestens schon einmal Bekanntschaft mit einem Lötkolben gemacht. Heisst: Das ist kein Original-Verstärker mehr. Seine bisherige Daseinsberechtigung war der eines Zweitverstärkers.

So schön wie der Röhrenverstärker aussieht, so simpel einfach und gut die Röhrenschaltung – der Simply zickte auf einmal herum. Hier besonders kurios: Dem Besitzer wurde die Geschichte schlichtweg zu heiss, als er seine 6Ω-Lautsprecher probeweise an den 8Ω-Lautsprecherausgang anschloss. Vorher waren die Lautsprecher an die 4Ω-Klemmen angeschlossen. Das darf natürlich nicht sein. Also nehmen wir den Simply mal unter die Lupe.

kathodenwiderstand Erster Blick: Ein »dezent« angekokelter EL34-Kathodenwiderstand (zwei parallel geschaltete 7W-Brummer). Uiuiui… Die betreffende EL34 (Winged-C) sieht, bis auf die üblichen Altererscheinungen, gesund aus. Laut Besitzer entwickelte auch ein Übertrager ungewöhnliche »Wärme«. Das Ganze »sieht« nach defekter EL34 aus. Wahrscheinlich mutierte auch ein Verstärkerkanal zum Oszillator. Da hätte eigentlich die verbaute Schmelzsicherung ansprechen müssen. Eigentlich. Aber wie das so ist, mit diesen Dingern…

Zweiter Blick: 250V-Koppelkondensatoren bei einer Betriebsspannung von etwa 350 Volt? Oha. Kann man machen. Solange sich die davorgeschalteten Anodenwiderstände keine »Extravaganzen« leisten. Metallschichtwiderstände (hier als Anodenwiderstände) haben viele Vorteile. Und auch ein, zwei richtig nicklige Nachteile. Einer ist, dass derartige Widerstände – von jetzt auf gleich – niederohmig werden können. Das passiert zwar selten – aber es passiert. Dann ist selbst ein sich selbstheilender MKP machtlos. Was an Spannungsfestigkeit fehlt, ist bei den Kapazitäten draufgeschlagen worden.

Ein 10Ω-Hochlastwiderstand verbindet die Schaltungsmasse mit dem Chassis und damit mit »Erde« (Schutzleiter). Die »indirekte Erde« der Schaltungsmasse ist hier deshalb gewählt worden, um den separaten Phono-Vorverstärker brummfrei (wg. Masseschleife) anschliessen zu können. Wenn man schon mit derartigem Holzhammer arbeitet – das hätte man wirklich »eleganter« lösen können. So wie hier beschaltet, findet man das auch auch in vielen (billigen) Fernost-Verstärkern. Wirklich, das muss man nicht nachäffen. Noch einmal: Da schon herumgebastelt wurde, weiss ich nicht, ob’s Original ist.

Erst einmal Schaltplan-Recherche. Zum Vorschein kommen zwei Schaltpläne des Simply Two, die sich im Detail unterscheiden. Hm? Dann stellte sich heraus, dass der Simply schon seit längerem – mit »unterschiedlichen Dessins« – auf dem Markt ist. In beiden Schaltplänen wird ein 330Ω-Kathodenwiderstand der EL34 genannt. Warum finde ich bereits ausgelötete 5W 220 Ohm (Zementbunker) bzw. 235 Ohm (zwei parallel geschaltete 470 Ohm Drahtwiderstände)? Damit tue ich der armen EL34 garantiert nix Gutes. Etwas später scheint sich heraus zu kristallisieren, dass es wohl tatsächlich mal eine »220Ω-Ära« gab.

Kommen wir nochmals zur Gegenkopplung. Wie eingangsseitig erwähnt kann man mit dem Schalter den Widerstandswert der Gegenkopplung halbieren. Das ist eine Hausnummer – gerade bei Eintakter. Hier kann man schnell den Verstärker zu dem verleiten, was er nicht machen soll: nämlich zu schwingen. Und genau das wird’s wohl gewesen sein, als diese »ungewöhnlichen« Lautsprecher an die 8Ω-Klemmen angeschlossen wurden. Dazu kommt, dass man mit dem zuvor verbauten 220Ω-Kathodenwiderstand die EL34 »etwas« gequält hat.

Simply Customize

Die Übertrager werden durchgemessen. Glück gehabt, alles in Ordnung. Dann wird der Simply wieder so zurückgebaut, wie er wohl mal auf dem Markt kam. Vor allem werden 330Ω-Kathodenwiderstände eingesetzt. Alle »Bypass«-Elkos, die sich an den Kathodenwiderständen der ECC82 (12AU7) und EL34 befinden, werden vorsichthalber ersetzt. Und wo wir schon so lustig am löten sind, werden die Anodenwiderstände der ECC82 und die Koppelkondensatoren gleich mit ersetzt. Gute Entscheidung, denn wie sich herausstellte, haben die Koppelkapazitäten tatsächlich einen »Hau wegbekommen«. Na dann kann man auch gleich das Netzteil überarbeiten: Die Ladekapazität wird verdoppelt, was der Drossel sehr gut bekommt. Im Gegenzug wird die Siebkapazität verringert und mit einem MKP »flott« gemacht. Ein Entladewiderstand sorgt nun auch für das schnelle und sichere Entladen der Netzteilkapazitäten. Ohne diesen Widerstand hält sich die Versorgungsspannung ewig, wenn die Röhren nicht gesteckt sind.

Kurzer Test – alles im grünen Bereich. Also fix alles wieder eingebaut, verschraubt, Röhren gesteckt und eingeschaltet. Super – das Oszilloskopbild ist, ohne Gegenkopplung, fast wie aus dem Lehrbuch. Na bitte. Ausgeschaltet und dann die Pfostenstecker für die Gegenkopplungsleitung aufgesteckt. Wieder eingeschaltet und noch bevor die EL34 richtig »da« waren, wieder ausgeschaltet. Die Übertrager machten doch sehr merkwürdige Geräusche. Es stellte sich heraus, dass die Pfostenstecker in der Eile des Gefechts verkehrt herum aufgesteckt wurden. Und das heisst, dass das gegengekoppelte Signal im jeweils anderen Kanal gelangte. Nachdem auch dieser Lapsus korrigiert wurde, war alles in Ordnung. Damit das nicht noch einmal passiert, sind die Pfostenstecker markiert worden.

Der Simply Two klingt gut. Ja. Vom Hocker reisst mich das aber nicht. Hört sich für mich so an, wie Maria Callas aussieht: Schlank. Etwas mehr Montserrat Caballé täte hier dem Klang ganz gut. Gesagt, getan. Ein bzw. zwei »dezente« Boucherot-Filter und eine stark überarbeitete Gegenkopplung muss es nun richten.

Klang? Klingt!

Und zwar so, wie der Unison aussieht. Schick. Sehr schick. Davor kann ich meine Ohren nicht verschliessen. Bin ja auch nur ein Mann. Meinte dann auch der Besitzer, der nun überlegt, ob der Unison Simply Two nun Erstverstärker werden soll. Auch wenn es mir »angedroht« wurde: Das mit dem Nierderknien lassen wir sein. OK?


Update 4.12.2016:
Werden Lautsprecher aus gleichem Hause gefahren, funktionieren bestimmte Teile des Customize scheinbar nicht! Das heisst: Die Möglichkeiten können bei weitem nicht ausgeschöpft werden.

frihu

…hört gerne Musik. Über Röhrenverstärker. Musikrichtung egal. Ausser Jazz, Hip-Hop, House, Metal, Trash, Schlager, Volksmusik, Gangsta-Rap (noch schlimmer, wenn in Deutsch gebrüllt). Da krieg' ich ein Hörnchen. Autor der Bücher: Hören mit Röhren, Röhrenschaltungen und High-End Röhrenschaltungen. Artikel in hifi-tunes (Röhrenbuch 2): Bauteileauswahl für Röhrenverstärker und EL509 Single-Ended Röhrenverstärker im Selbstbau

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