300B Single-Ended auf klassische Art

Darf man das?

Bei der Anekdote auf Seite 3 war ich mir nicht sicher, ob ich das überhaupt anbringen soll. Da geht’s einerseits um viel Spass an der Freud’ (Verstärkerbau), andererseits ist die Verwendung von »Metallröhren« (genauer: Stahlröhren) historisch belastet. Egal mit welchem Emblem oder Schriftzug verunziert. So eine explodierende Granate verursacht nämlich neben »Bumm« auch einen immensen Luftdruck, den »normale« Glasröhren nicht ausgehalten hätten. Ausserdem schirmte das Metallkondom wunderbar ab und macht auch eine leuchtende Röhre in der Dunkelheit unsichtbar.

Mit Fachleuten (besonders Herrn Stegemann) habe ich mich deshalb ein wenig ausgetauscht und alle waren dafür, es genauso anzubringen bzw. diesen Artikel mit diesem Nachtrag zu ergänzen. Es gibt nicht mehr viele Augenzeugen…

Das da im Klever Reichswald ein Kampf tobte, erfuhr ich erst im zarten Alter von 20 Jahre. Das hat man mir in der Schule nicht erzählt (und wird auch heute noch nicht erzählt, wie überhaupt der »Krieg am Niederrhein« an sich). Es sollten noch weitere Jahrzehnte ins Land ziehen… Im März 2012 begann ich mich (wieder einmal) zu fragen, warum, zum Henker, Bocholt damals, am 22. März 1945, dem Erdboden gleich gemacht wurde. Hier war eigentlich nichts. Das, gemessen an der Zerstörung (fast 90% gegenüber Dresdens 60%), so wenig Menschen ums Leben kamen, ist nur dem Umstand zu verdanken, dass es hier sehr ländlich war und ist. Der überwiegende Teil der Bevölkerung campierte bereits seit einigen Tagen draussen in irgendwelchen Gräben und auf Wiesen. Die überaus gute Witterung machte das möglich. Die Kinder waren z.T. auf die umliegenden Bauernhöfe »verteilt«.

Und so begann ich mich für dieses Thema zu interessieren. Leider muss man da etwas in die militärische Ecke gehen, sonst kapiert man den Zusammenhang ganz einfach nicht.

Zum ersten Mal tauchte der Begriff »Ruhrkessel« auf. Im weiteren Verlauf erfuhr ich dann von einem ominösen Westfalenwall, von »Schanzern« und von der »Organisation Todt« die auch hier in Bocholt ihr Unwesen trieben (die übrigens eine ganz eigene Auffassung vom »Nahkampf« hatten). Und ich erfuhr von dem bis dato grössten Luftlandeunternehmen direkt vor meiner Haustüre.

Kurz zusammengefasst: Bocholt beherbergte damals, seit »Market Garden«, nicht nur den Kommandostab für diesen Frontabschnitt, sondern lag »zufällig« in der geplanten Zangenbewegung für den Ruhrkessel (die angeblichen Militärkarten auf Wikipedia sind da »undeutlich«). Ausserdem hatte Bocholt eine ausgezeichnete Verkehrsinfrastruktur und – hier war der Westfalenwall und nach Wesel war Bocholt die grösste Stadt im Umkreis. Und auf diesen sagenumworbenen Westfalenwall hatten es die Alliierten u.a. ebenfalls abgesehen.

Die grösste Luftlandeoperation fand u.a., keine 10 Kilometer von hier, in Hamminkeln statt. Am 24. März 1945 um 10:00 Uhr gings los. Unmengen Mensch und Material wurden auf den Feldern und Wiesen abgesetzt. Dementsprechend war hier ordentlich Militär zusammengezogen. Tja, und jetzt kann man ahnen, warum ein paar Tage vorher Bocholt »umgestaltet« wurde. Zu dieser Zeit wehten anderswo schon längst weisse Fahnen.

Bocholt wurde übrigens von drei Seiten (!) eingenommen. Aus Richtung Rees – Hamminkeln, von Dorsten und von Borken aus. Nur die nördöstliche Richtung (Holland) liess man offen. Und in diese Richtung sind dann die grössten Spinner geflohen (und irgendwann gefangen genommen worden…). Auch das deutet darauf hin, dass es hier bei weitem nicht so harmlos gewesen sein muss…

2015 jährt sich das »Ereignis« übrigens zum 70. Mal.

Betrachtet man sich einmal den Geschichts-Lehrstoff der Schulen, dann bekommt man den Eindruck, als ob der Krieg damals nur in Köln, Dresden und natürlich Berlin stattfand. Also da, wo hauptsächlich die US-Boys »wirkten«. Aber – ohne »Monty’s« Plan B (Plan A – »Market Garden« – war ja ein Fehlschlag) müsste sich Hollywood und die deutschen Geschichtsschreiber eine andere Geschichte ausdenken…

Gelegentlich trifft man hier auch auf Kanadier, Engländer und Amerikaner die »Krieg spielen« und in authentischer Uniform durch die Gegend maschieren und jede Menge Spass haben (Die haben sogar eine eigene Homepage mit auf alt getrimmten Photos. Das es sich nicht um authentisches Material handelt, fällt einem zunächst nicht auf – nur die überaus gut genährten Soldaten in sauberer Montur stören das Gesamtbild…). Nach den Berichten, die ich lesen durfte, zweifel ich, ob die wirklich alles wissen…

Nicht nur Bocholt wurde zerstört: Wesel und Emmerich zu fast 97%, Rees zu 76%. Oberhausen, die nächste Großstadt von Bocholt aus gesehen, »nur« zu 30%, Köln zu 70%. Dresden galt als »Luftschutzbunker« und dementsprechend waren dort viele Flüchtlinge. Die »Bombennacht« von Dresden forderte aber genau deswegen soviele Todesopfer (über 22.000 innerhalb von ein paar Stunden – dafür hätte man im Klever Reichswald fast einen ganzen Monat gebraucht – hört sich zynisch an, ich weiss).

Die einmaschierenden Alliierten hatten übrigens, anders als es sonst immer dargestellt wird, zunächst alles andere als »gute Laune«.

Echte Militärkarte: Varsity. Bocholt ist nur durch das leichte Grün am oberen Rand, am Entfernungsmaßstab, zu erahnen.

Bilder des Imperial War Museum. Anmerkung: Das dritte Bild gibt’s auch in einer »zensierten« Fassung – die Durchhalteparole wurde wegretuschiert… Die dort abgebildeten Soldaten kamen übrigens aus Richtung Hamminkeln. Das Gebäude zeigt den Bahnhof.

Das private Blog von Jörg Liebe zu Varsity.

Bocholt nach der Zerstörung: RAF Luftbildaufnahme

Es ist übrigens nachdenkenswert, wie einige Städte und Gemeinden mit Geschichte umgehen. Mit viel Glück erinnert eine geschönte Gedenktafel an Orte oder Ereignisse oder man erklärt es als Ausflugsziel wie in einem Reiseprospekt. Gäbe es die Bemühungen von Privatleuten (Veteranen beiderseits) und Heimatvereinen, die Niederschriften von Augenzeugen, die Stadt- und Kirchenchroniken nicht, wäre vieles schon längst vergessen.

Wie sehr die Geschichte »passend« gemacht wird, kann man auch am hiesigen Stalag-Thema ersehen: Die Gedenktafel (von privater Hand initiert) spart einen »wichtigen« Geschichtsabschnitt vollkommen aus, als hätte es das nie gegeben – gemeint ist die Organisation Todt, die sich Ende 1944 dort einquatierten. Die doch relativ hohe Anzahl an Toten in diesem Lager sind den katastrophalen hygienischen Bedingungen und durch die überaus schlechte Versorgung an Lebensmittel geschuldet. Die vielen Berichte suggerieren da oftmals – vielleicht ungewollt – etwas anderes.

Die beschriebene Anekdote hat sich übrigens wirklich genauso zugetragen. Mittlerweile wird das geahndet und es ist auch lebensgefährlich. Mein Bekannter hat dieses »Hobby« mittlerweile aufgegeben.

Möge sich das alles nie wiederholen.
Wer selber recherchieren möchte, dem sei gesagt, dass viele »Berichte« – vor allem im Internet – je nach Blickwinkel (!) verfälscht sind. Augenzeugenberichte sollten auch immer mit gebotener Distanz gelesen werden. Oftmals steht zwischen den Zeilen Wahrheit. Es ist übrigens interessant zu lesen, wie sich der »Tonfall« der offiziellen Chroniken ab Anfang 1945 langsam ändert. Zum Schluss bekommt man den Eindruck, als ob eine ganze Stadt nur aus Widerstandkämpfern bestand…

frihu

…hört gerne Musik. Über Röhrenverstärker. Musikrichtung egal. Ausser Jazz, Hip-Hop, House, Metal, Trash, Schlager, Volksmusik, Gangsta-Rap (noch schlimmer, wenn in Deutsch gebrüllt). Da krieg' ich ein Hörnchen. Autor der Bücher: Hören mit Röhren, Röhrenschaltungen und High-End Röhrenschaltungen. Artikel in hifi-tunes (Röhrenbuch 2): Bauteileauswahl für Röhrenverstärker und EL509 Single-Ended Röhrenverstärker im Selbstbau

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