Oppa erzählt vom „Krieg“
Ich bin, das sage ich mittlerweile mit Stolz, Generation „Boomer“ – habe die Röhrenzeit also noch aktiv miterlebt. Aktiv, nicht passiv – trotz vermehrter Präsenz des Transistors! Heisst: Ich habe – mal mehr, mal weniger sinnvoll – mit Röhren „herumgemacht“.
Alte Röhrenfernseher oder Röhrenradios habe ich, bis auf’s Gerippe ausgeschlachtet oder damit ein bisschen „gespielt“. Mein erster Lötkolben war eher Marke Brandeisen. Wie die Röhrenfernseher übrigens in meinem Zimmer gelandet sind, ist ’ne andere Geschichte, die für heutige Ohren unglaubwürdig klingen würde, aber „leider“ wahr ist.
Anders als es oft dargestellt wird, wurde trotz „Wirtschaftswunder“ nicht mit Geld um sich geschmissen. Im Gegenteil. Man hatte die Kröten zusammengehalten. Angeschafft wurde nur das Nötigste. Stereo bzw. HiFi gehörte nicht dazu. Irgendein Radio an dem man einen Plattenspieler anschliessen konnte, musste reichen.
Gewiss, die damalige Werbung suggerierte eine andere Welt – die passte nur von vorne bis hinten nicht mit der Realität überein. Tun Sie sich mal die alte Werbung aus den 1950’er bis 1960’er-Jahre an. Sie werden u.a. keinen dreckigen Malocher (mein alter Herr war Metaller) sehen – von einer gestresseten Hausfrau mit Kindern ganz zu schweigen. Gegen „weiblichen Stress“ half übrigens Frauengold…
Wenn etwas kaputtging, wurde es repariert. Nicht einmal, nicht zweimal – nein, nämlich solange, bis die Reparaturkosten langsam den Neupreis wie eine persönliche Beleidigung aussehen ließen. „Lohnt sich nicht mehr“ war kein Satz, sondern ein ärztliches Todesurteil, das erst ausgesprochen wurde, wenn wirklich jede Hoffnung verschwunden war. Vorher wurde geschraubt, gelötet, draufgehauen, geflucht, manchmal geklebt und zur Not mit Schnürsenkel stabilisiert. Und wenn dann tatsächlich nichts mehr zu machen war, dann war die Stimmung im Arsch. Tagelang. Wochenlang. Schließlich war das Gerät nicht einfach kaputt. Es war ein dahingeschiedenes Familienmitglied, das jahrelang treu funktioniert hatte – meistens.
Nach einer grösseren Anschaffung, da konnte man drauf wetten, wurde öfter als uns lieb war die Küche ausgefegt. Und so manchesmal hatte man Bauchschmerzen, litt unter Unwohlsein oder was auch immer. Hauptsache gut Theater gespielt, um das nicht essen zu müssen… Regelmäßiges Taschengeld gab’s auch nicht. Kurzum: Nicht gerade ideale Bedingungen für einen Jungen der sich Elektrotechnik als Hobby auserkoren hatte. Entweder man lernte ganz schnell zu improvisieren, oder man sägte Laub.
Bevor jedoch improvisiert werden konnte, musste organisiert werde (das war ein Volkssport damals). Womit wir wieder bei den Röhrenfernsehern und Röhrenradios wären und wie die in mein Zimmer gekommen sind…
Stereo mit Röhre
Zwei Röhrenradios (ohne das muffige Holzgehäuse), ein Dual-Rillenkratzer und zusammengeklöppelte Schallwandler – das war meine erste „hifidele“ Stereo-Installation. Das war schon damals „kauzig“. Mindestens. Originell, aber eben „kauzig“. Hey, ich war nur meiner Zeit ganz weit voraus. Sehr viele Monde später wurde so etwas hochmodern und sollte als hifidele Klangoffenbarung schlechthin gelten.
Röhrenradios… Die klangen aber auch nur, wenn alle Klangregler aufgedreht und das Klagregister (prähistorischer Equalizer) auf „Jazz“ oder „Orchester“ eingestellt wurden. Wer heute also mit dem „Klang eines Röhrenradios“ wirbt oder gar danach sucht, der hat noch nie eine solche Kiste besessen oder gar gehört. Frequenzbereich übrigens etwa „hifidele“ 80Hz bis 5kHz und einem Klirrfaktor von unschlagbaren 5%. Minigenz. Und nach genau diesem Klang „suchtet“ man? Hm…
Nur nebenbei: Viele Pink Floyd- oder Genesis-Alben kennen noch meinen alten Dual und diese Scheiben klingen immer noch um Welten besser, als so manche Neupressung…
Meine ersten Röhrenverstärker waren später, in „freier“ Anlehnung von diversen Radio Rim Baumappen (bzw. Jahrbücher), aus den „zweitverwerteten“ Bauteilen „gestaltet“. Freiverdrahtet, natürlich. Was chaotisch aussah, folgte aber einem Plan. Heute fragen sich die röhrentechnischen Grünschnäbel, wie so etwas überhaupt funktionieren konnte.
Diese grünschnäbligen Bleifreilöter sind überhaupt die Besten. Frisch von der Uni, Kolophonium nicht inhaliert und 350V noch nicht mit Handschlag begrüsst, aber einem erzählen wollen wie man Röhrenverstärker aufbaut. Ey, da „könnt Ihr ein drauf lassen“, dass die „chaotische“ Freiverdrahtung besser funktioniert hat, als so mancher platinenbestückter Röhrenverstärker oder Schaltschrankartiger Aufbau heute. Apropos Platine: Heute erkenne ich am Platinenlayout, ob die „gedruckte Schaltung“ durchdacht ist, oder – was sehr oft der Fall ist – nicht.
Heute ist „Point-to-Point“ ein Verkaufsargument und das natürlich nur in bester Schaltschrankmanier mit exakt in 45°-Schritten geometrisch ausgerichteten Bauteilen und Kabeln (alle (!) Käbelchen hübsch in einem Kabelbaum zusammengepfercht) bzw. ausgewachsene Eins-Fünfer Kupferadern (als Masseschiene, okay, aber sonst…) Ehrlich jetzt: Das ist allergrellstes Blendwerk.
Das wird auch nicht besser, wenn Bauteile ge- oder verklebt werden, damit sie nicht herumbaumeln. Jeder Bastler hat das wohl irgendwann mal gemacht und hat genauso irgendwann dafür auch einen Einlauf kassiert. Da hatte man drei Tage lang den Papp auf. Heute scheint das „State of Art“ zu sein… Die Leute, die auf so etwas stehen, kriegen vermutlich auch Speichelfluss beim Anblick der Silikonhupen einer Frau Baumberger…
Zurück zu meinem selbst zusammengedengelten Röhrenverstärker. Der funktionierte sogar auf Anhieb, es brummte zwar hörbar (die hohe Kunst der Masseverdrahtung hatte ich eben noch nicht drauf), aber er tat es. Kleines Manko war nur, dass, wenn die Röhren glühten, fremde Hände am besten einen Sicherheitsabstand einhalten sollten… Aber auch das besserte sich – sowohl brumm- als auch sicherheitstechnisch. Letzteres zwangsläufig, muss ich ehrlicherweise gestehen. Denn meine Kumpels (vor allem die Kumpelinen) haben sich irgendwann geweigert, mein Zimmer zu betreten…
Die Lehrzeit kam, die Röhre ging. Mit der neuen Zeit übernahm der Transistor langsam das hifidele Regiment. Das Erste, was ich lernte war, dass Transistoren, generell Halbleiter, nicht so gutmütig wie Röhren sind und schnell ihren Dienst verweigern. Von der Röhre habe ich mich (vielleicht) deshalb nie ganz lossagen können… (Mein 2W UKW-Röhrensender war bei uns im Wohnviertel eine „Legende“, später diente er als Nachbrenner für den CB-Funk. Oder „mal eben“ einen Gitarrenverstärker wieder flott machen…).
Neben elektrotechnische wurden intensive zwischenmenschliche Forschungsarbeiten betrieben. Klar. Aber es blieb immer Zeit, sich irgendwo bei einem Kumpel eine neue LP anzuhören. So haben wir übrigens unseren musikalischen Horizont erweitert. Wir haben Musik gehört und nicht die Anlage (ist heute ja eher umgekehrt). Das war übrigens eine unausgesprochene Regel, denn nicht jeder hatte die Knete für etwas „Vernünftiges“.
Kuriose hifidele Welten
Wobei „vernünftig“ so eine Sache war. Bei Gelegenheit wurde über die Transistor-Anlage im Wohnzimmer der ausserhäusigen Erziehungsberechtigten gehört. Mehrere Teppiche bzw. Läufer über die Auslegware, Gardinen, dicke Vorhänge und wuchtige Polstermöbel (Stilrichtung eine moderne Version vom „Gelsenkichener Barock“) sorgten aber für ein Klangerlebnis, der mich bis heute verfolgt: muffig, breiig, emotionslos.
Das soll die ach so gepriesene neue hifidele Welt sein? Na besten Dank. Dann bleibe ich am besten da, wo die Musikanlage Emotionen transportieren kann. Scheiß was auf HiFi. Erst später kam die Erkenntnis, dass die Inneneinrichtung den Klang fördern oder versauen kann.
Aus der Rubrik „Jugend forscht“: Wenn sich die Inneneinrichtung nicht ändern lässt, muss sich der Lautsprecher anpassen. Und so kam es, dass, bevor gehört wurde, kleinere Umbaumaßnahmen bezüglich Lautsprecher vorgenommen werden mussten: Temporär wurde dann mit den selbst zusammengeschusterten Lautsprechern gehört. Mit Piezo-Hochtöner, übrigens (Kenner wissen Bescheid). So ein freilaufender Piezo kann hübsch schallern… Wie auch immer. Hat mehr Spass gemacht. Nachteil: Die Uhrzeit musste im Auge behalten werden, um sich nicht erwischen lassen, denn die hifidele Anlage war Heiligtum…
Einmal war’s besonders „schlimm“. Da liess ein anderer Heiligtum-Besitzer den Verstärker Tag und Nacht eingeschaltet, damit die elektronischen Bauelemente immer Betriebstemperatur haben. Nur so war angeblich der hifidele Wohlklang garantiert. Halbleiterverstärker, wohlgemerkt. Okay, das mochte ja noch angehen. Es war für uns zwar zweifelhaft, aber nun gut. Wir haben’s als das eingeordnet, was es wohl auch war: Eine Marotte, ein „Spleen“. Viele Jahre später sollte ich an einem ähnlichen „Spleen erkranken“, den ich aber immer noch „pflege“. Mit Wonne sogar…
Eine andere Marotte hielten wir allerdings für bedenklich. Da behauptete der hifidele Jünger des Wohlklangs doch allen Ernstes, dass eine Schallplatte mit dieser „Hottentottenmusik“ die Schallplattennadel versauen würde. Das war schon starker Tobak, aber da ging noch was… So kam er auch noch mit der steilen These um die Ecke, er könne hören, wenn die Nadel mit „Hottentottenmusik“ „malträtiert“ wurde. Dazu ein strenger Blick, der nichts Gutes verhiess…
Das war ein „antiautoritär“ formuliertes „allerstrengstes Verbot“ mit subtiler Androhung von Konsequenzen unbestimmten Ausmaßes. Da war uns klar: Der muss die „Pfanne am Eitern“ haben.
Wir haben’s sportlich gesehen: Nachmittags stundenlang diese „Hottentotten“ namens Deep Purpel, Uriah Heep, Black Sabbath, Led Zeppelin oder The Who gehört. Das volle Programm. Ich glaube, dass der Verstärker sich gefreut hat, richtig arbeiten zu dürfen… Am Abend (man lässt seinen Kumpel nicht im Stich) warteten wir gespannt auf diese „Konsequenzen“. Wir haben lange, vergeblich, gewartet… Nüscht.
Andere hifidele Jünger drehten (natürlich heimlich) an den Klangreglern – obwohl irgendeine HiFi-Gottheit das verboten hatte. Einmal habe ich den Vater vom Kumpel dabei… Nunja… sagen wir’s mal so: „erwischt“… Sein Kommentar: Da haste so eine arschteure Anlage und sie klingt einfach beschissen. Ich wollte ihm zustimmen, hab’s mir aber im letzten Moment verkniffen, sonst hätte er doch sofort geschnallt, dass wir verbotenerweise…
Von solchen Typen sind mir im Verlauf der Zeit einige begegnet. Mit der HiFi-Szene wollte ich nix zu tun haben. Die ticken doch alle nicht mehr richtig. Ich wollte nur gut Musik hören und nebenbei das noch unendeckte Land der aufkommenden Computertechnik erforschen…
Eine kleine Anekdote am Rande: James Last und Gheorghe Zamfir. Na, klingelt’s? Genau – „Der einsame Hirte“. Diese liebliche Melodei dudelte damals wirklich überall. Anfangs, naja, nett, aber irgendwann hatte sich ein „Tüüddellüü“-Trauma entwickelt. Viele Jahre später kam damit Quentin Tarantino um die Ecke, ließ „die Braut“ (Uma Thurman) ihr Katanaschwert („Hattori-Hanzō“) schwingen und ihre Feinde fachgerecht zerlegen. Richtig: „Kill Bill“! Für mich hat seitdem Gheorghes Panflöte einen gefährlichen Unterton…