Butter bei die Fische (3)

Manchmal kommen sie wieder

Irgendwann war sie wieder da, die Röhre. Zunächst als Gegentakter. Die Zeitschriften „Elrad„, „Elektor“ und später „ELV“ überschlugen sich quasi mit den neuesten (und natürlich besten) Schaltungsvorschlägen für Röhrenverstärker. Wie eine Röhre allerdings so tickt, das war anfangs völlig nebensächlich. Auffällig war, dass vordergründig nur Eins zählte: Watt.

Und dann gab’s eine „Underground-Szene“ die dem Eintakt-Prinzip mit Trioden huldigte. Nicht Watt war wichtig, sondern Klirrfaktor. Und davon so wenig wie nur möglich und das, was sich nicht vermeiden liess, nur gradzahlige Werte.

Das wurde etwas später als „hifidele Oberklasse“, High-End, definiert (HiFi an sich war schon am verwesen). Nur echt im verchromten Gehäuse. Der Klang erinnerte mich aber an Wohnzimmer mit Einrichtungsstil „Gelsenkichener Barock“. Sie erinnern sich? Muffig, breiig, emotionslos. Gegentakter wurden genauso verteufelt wie Pentoden.

Es war eine wilde Zeit. Da stand man irgendwann vor einem Verstärker und fragte sich, wie man so etwas – ruhigen Gewissens – verkaufen konnte. Lautsprecherungetüme (mindestens 96dB) die eher nach Bastlerunfall aussahen, als nach etwas Hochpreisigem. Demgegenüber sahen unsere damaligen Boxen aus Spanplatten ja fast schon professionell aus. Aber, das war die sogenannte „hifidele High-Society“, High-End. Immer höher, immer weiter, immer teuerer. Vor allem Letzteres.

Und – je teuerer es wurde, je mehr Bling-Bling – desto mehr wurde auf die VDE geschissen. So meine Erfahrungen.

Die „Spinnereien“ der HiFi-Halbleiterfraktion waren nichts im Vergleich zu dem, was ich im Neo-Röhrenzeitalter erlebte bzw. noch erleben sollte. Das Bohei der Musiker, wenn in deren Amps neue Röhren eingeflanscht wurden – Kindergarten.

Dann entdeckte die „HiFi-Industrie“ die Röhre. Schnell wandelte sich der Röhrenverstärker von einem Gebrauchsgut zu einem Luxusartikel, den es zu beweihräuchern gilt.

Kardinalfehler

Vorweg: Ich gebe zu meinem größten Bedauern zu, dass ich einige Fehler nachgeäfft habe. Man wollte ja keine Evolutionsbremse sein. Dafür gibt’s keine Entschuldigung. Nun denn…

Die ersten Gegentakter im Neo-Röhrenzeitalter kamen von „alten, weißen Männern“. Diese Kisten funktionierten und haben auch jeden Halbleiter klanglich stehen gelassen. Das war mehr HiFi, als die hifidele Teufelsfratze der sog. „HiFi-Industrie“ heute abliefert. Vieles ist heute mehr Show als durchdachte Technik.

Dann kamen junge BWL-Schnösel mit rudimentären Elektrokenntnissen (anders kann ich’s mir nicht erklären) auf die glorreiche Idee, die Erfordernisse (Netzteil) von Halbleiterverstärker in die Röhrentechnik übertragen zu müssen, weil wegen angeblichen Brumm. Als Abschreckung mussten Gitarrenverstärker das Opferlamm spielen. Marketing-Gewäsch statt standfeste Technik.

Das angebliche Brummen existierte aber nur in irgendwelchen Berechnungem irgendwelcher Computerprogramme (mittlerweile war man soweit). In der Realität war davon nämlich nichts zu hören. Aber der Computer sagt das doch… Diesbezüglich sollte es aber noch schlimmer werden.

Die Folge: Klangen die Verstärker vorher in der Art „Hoppla, hier komm‘ ich“, war’s nunmehr wie „Komm‘ ich heut‘ nicht, komm‘ ich morgen“.

Das kam trotzdem gut an: Der „samtige“ Gegenentwurf zu den Halbleitern oder älteren Röhrenverstärkern, die einem die Bässe direkt in die Magengrube drückten und Höhen wie Mitten mit Anlauf ins Gesicht droschen. Im Handumdrehen wurde das Ganze als hifidele Oberklasse abgestempelt. Dass die Verstärker dabei kaum noch zum Schuss kamen, bemerkte vor lauter „Samtigkeit“ und „Seidigkeit“ natürlich keiner in der HiFi-Upperclass.

Das konnte auch keiner merken, denn die „hifidele Oberschicht“ hörte nur das Triangel-Sextett mit Kontrabass. Das war Vorschrift, sonst gehörte man eben nicht dazu. Was noch dazu kam war die Tatsache, dass man nur mit VOTT-ähnlichen Gebilden den Wohlklang geniessen konnte durfte. Selbst der glattgeplättete Sound von ABBA war schon wildes Rock’n’Roll.

Dieser Fehler hält sich bis heute tapfer – offenbar mit einer Ausdauer, die man manchem Verstärker wünschen würde. Als die ersten China-Verstärker das Land überrollten, brachten sie genau diese Fehler (und noch viele andere) mit. Mitunter hatte man ein Gerät vor der Nase, dessen Schaltung bereits ein halbes Jahr zuvor in einer virtuellen Selbsthilfegruppe diskutiert worden war. Doch ein exklusives China-Privileg war das keineswegs. Auch so manches Verstärkerchen „Made in Germany“ hatte einen ähnlichen „Migrationshintergrund“…

Noch mehr Fehler

Bauteile, allen voran Widerstände, die überhaupt nicht zur Röhrentechnik passen. Okay, es war lange Zeit so, dass es die „passenden“ Bauteile gar nicht mehr gab. Heute allerdings schon (wieder). Und das wird seinen Grund haben, der aber wenig mit der Röhrentechnik zu tun haben dürfte…

Schaltungen wurden erfunden oder wiederendeckt, die eigentlich für die NF-Technik gar nicht gedacht und wenn doch, dass sie nicht unbedingt das Gelbe vom Ei waren.

Um die Jahrtausendwende konstatierte Irgendjemand, dass in über 40 Jahren sehr viel röhrentechnisches Know-how verloren gegangen ist. Eigentlich kein Wunder: Viele Fachleute waren im Ruhestand oder schlichtweg „nicht mehr da“, in der Ausbildung lernte man alles, bloss nicht Röhre, weil diese Technik als überholt galt. Wenn Wissen nicht weitergegeben wird, dann verschwindet es eben schnell…

Trotzdem waren es oft gerade die Altvorderen, die den Jungspunden – mehr oder weniger pädagogisch wertvoll – das Wesen der Röhre näherbrachten. Sie erklärten geduldig, warum Elektronen sich in einer Wolke tummeln müssen und weshalb die Stufenmasse keineswegs ein esoterisches Ritual aus dem Elektronik-Keller war.

Natürlich bekam man daneben auch jede Menge bescheuerte Ratschläge von tugendhaften Oberlehrern (rauchten und tranken nicht und das Sex kannten die nur noch vom Hörensagen). Da hiess es: „Lies dieses oder jenes Buch, da steht alles drin.“ Ja, wunderbar. Dumm nur, dass „dieses oder jenes“ Buch noch nicht einmal via Fernleihe aufzutreiben war. Vermutlich stand es in der verbotenen Abteilung im vierten Stock von Schloss Hogwarts, streng bewacht von Madame Prince.

Und wenn dann endlich jemand das Kernproblem mit einfachen Worten erklärt hatte, wurde diese Erklärung garantiert auseinandergenommen. Erst fehlte ein Nebensatz, dann ein Sonderfall, schließlich noch die historische Entwicklung der deutschen, amerikanischen oder tibetanischen Militärtechnik. Am Ende war die verständliche Aussage offiziell falsch, weil sie nicht gleichzeitig alle denkbaren Aspekte, Ausnahmen, vor allem mathematischen Formeln und Mondphasen berücksichtigt hatte.

So lernte man einiges über Röhren – vor allem aber, dass eine einfache Erklärung in Fachkreisen ungefähr so gefährlich war bzw. ist, wie mit einem hungrigen Hai „Hasch mich ich bin der Frühling“ zu spielen.

Viva la Revolution

Irgendwann kam es in der Halbleiterwelt zu einer Art Revolution: Der hifidele Verstärker von heute soll sich wie ein Stück Draht verhalten. Das war, logisch, pure Ideologie und nicht weitergedacht (der grösste Klangverbrecher ist immer noch der Lautspecher). Wie immer, wenn Ideologie in’s Spiel kommt, gibt es ein paar Leuchten, die das wörtlich nehmen… Auch in der Röhrenszene.

Prompt kamen die haifidelen Che Guevaras daher und wollten die Röhre perfektionieren. Messwerte bzw. Effekte, die in der NF-Technik höchstens akademisch von Bedeutung sind, wurden übertrieben dargestellt (zB Pentodenrauschen). Die Röhre hatte gefälligst kein Eigenleben zu haben und man ging den Röhren mit Halbleitern an den Kragen. Dies wurde oft als eigenes Gedankengut verkauft. Es wurde nicht selten entdeckt, dass das als eigenes Gehirnschmalz deklarierte schon arg ranzig war.

Und überhaupt: Wie war das mit den Verschleisserscheinungen von Röhren…?

Automatische Ruhestromreglung bzw. -Überwachung. Mea culpa, sage ich nur. Heute gibt es Geräte, in denen ein ausgewachsener Computer die Röhre an die Kandarre nimmt. Mit zweifelhaftem Erfolg, übrigens. Wie das nur kann…?

Der hifidelen Oberschicht liebstes Kind war und ist ein niedriger Klirrfaktor. Selbst dann, wenn der überhaupt nicht mehr hörbar ist. Und für eine semitaube Nuss erst recht nicht. Wie war das mit der HiFi-Norm 45500 noch mal…? Achja: Maximal 1% bei Nennleistung von mindestens 6W/Kanal. Unter normalen Umständen tut sich aber kein Mensch auch nur für fünf Minuten 3W an. Wie sieht denn der Klirr bei 1W aus, wie bei einem halben Watt? Da dürfte er mit vielleicht maximal 0,2% „geringfügig“ besser aussehen.

Und da sitzen wir nun, wir zwei beide

Du, wegen HNO, komplett von der Rolle – deswegen habe ich Dir einen kleinen Schwank aus meinem Leben erzählt (und der war wirklich klein), ich selbstbestimmt und fest entschlossen, niemals dieser selbstbetrügerischen HiFi High-Society beizutreten. Die berühmte rote Pille habe ich schließlich schon in meiner Jugend geschluckt – seitdem versuche ich erst gar nicht, die Physik überlisten zu wollen. Gut möglich, dass es „nur“ meiner Ausbildung (vor allem der „überbetrieblichen“ Forbildung – so will ich’s mal nennen) geschuldet ist.

Ganz sicher ist es der Zeit geschuldet, in der ich groß geworden bin. Geld zum Fenster ’rausschmeissen – ist nicht. Deshalb lasse ich vom „Tuberolling“ die Finger. Ich bin meinem Geld wirklich nicht böse.

Ja, ich war auch mal auf den Trip, es partout anders machen zu wollen. Bin aber nicht weit gekommen. Auch weil ich erkannte, dass das Geheimnis eines guten Verstärkers in der „Einfachheit“ liegt. KISS – Keep it small and simpel.

Für mich gibt’s auch kein „immer höher, immer weiter, immer besser“. Wenn ich einen Röhrenverstärker zusammenklöppel, dann hat das eher philosophischen Charakter: „Der Weg ist das Ziel“. Manchmal komme ich an, manchmal bleibe ich stecken. So what? Okay, manchmal beschreite ich diesen philosophischen Weg, um der Familie nicht auf den Sack zu gehen.

Ein paar hifidele Marotten pflege ich natürlich. Mit Wonne und Hingabe sogar. Kabel dürfen den elektrischen Anforderungen genügen, auch wenn sie potthässlich aussehen. In den Röhrengläsern sollte das drin sein, was drauf steht. Last but not least: Die Röhrenschaltung besteht aus Bauteilen, die zur Röhrentechnik passen und damit den Röhren auch den Freiraum gewähren, den sie verdienen…

frihu

…hört gerne Musik. Über Röhrenverstärker. Musikrichtung egal. Ausser Jazz, Hip-Hop, House, Metal, Trash, Schlager, Volksmusik, Gangsta-Rap (noch schlimmer, wenn in Deutsch gebrüllt). Da krieg' ich ein Hörnchen. Autor der Bücher: Hören mit Röhren, Röhrenschaltungen und High-End Röhrenschaltungen. Artikel in hifi-tunes (Röhrenbuch 2): Bauteileauswahl für Röhrenverstärker und EL509 Single-Ended Röhrenverstärker im Selbstbau

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