Bauteile für die Schaltung
Die Schaltung eines guten Röhrenverstärkers besteht aus Widerstände, Kondensatoren und allerhöchstens – und das nur in homöopathischer Dosierung – Halbleiter in Form von Dioden. Halbleiter – im eigentlichen Verstärkerzug hat so ein Teufelszeuchs nix zu suchen. Im Netzteil, als Gleichrichter, vollkommen in Ordnung.
Für etwa fünf Euro mehr „zaubere“ ich gerne noch die „klangliche“ Eigenschaft eines Röhrengleichrichters hinzu… Null Problemo. Diese Effekthascherei ist übrigens seit ewig und drei Tagen bekannt. Bin mal gespannt, wann das „wiederendeckt“ wird bzw. als „neue Erfindung“ hochgelobt wird.
Na gut, als Stromquelle um ein paar P-Röhren zu beheizen, geht so etwas auch noch in Ordnung. Ja, ich weiss, so ein Gyrator als Siebdrossel-Simulant ist auch was Schickes. Nutze ich im Phono-Bereich auch. Aber dann ist Schluss. Okay, wenn eine Pentode unbedingt eine stabilisierte Schirmgitterspannung haben will – Na gut. Ausnahmsweise. Aber jetzt wirklich: Schluss. Nö, da diskutiere ich auch nicht. Keine Chance. Die LED als Einschaltkontrolle zähle ich nicht dazu.
Kondensatoren
Des Tuning-Schamanen liebstes Kind. Hier mal was zum Einstieg. Und dort finde Sie auch die Begründung, warum die röhrige Schaltung (ohne Übertrager) über den Hörbereich hinaus arbeiten sollte. Genau auf diese Phasengänge hat man früher geachtet, wobei ich zugeben muss, dass man diesbezüglich heutzutage gewaltig übertreibt. Ja, ich war auch mal so drauf…
Und dann wäre da dieser eine Kondi, der sich meist direkt am Verstärkereingang befindet. In einigen virtuellen Selbsthilfegruppen wird diesem Bauteil eine ganz neue Funktion zugedacht. Nämlich die, dass der Kondensator den angeschlossenen Signallieferanten vor der Versorgungsspannung der Eingangsröhre schützen soll. Wie denn das, fragen Sie sich. Nun, es könnte ja sein, dass (Zitat) „das Anodenblech auf das Steuergitter fällt…“
(Hier eine zutiefst betroffene Schweigeminute einlegen)
Uff! Ja, und ich falle vom Glauben ab. Schwer das zu verstoffwechseln. Da sind aber ein paar Strategen im kognitiven Kreisverkehr geraten. Noch schlimmer wird’s, wenn das selbst von denen kolpotiert wird, die es eigentlich besser wissen müssten – zumindest tun sie so als ob… Mit Profi-Messgeräten herumprahlen, Klirrspektren bis in’s zehnte Glied präsentieren, aber solchen Humbug erzählen. Das wäre eigentlichein typischer Fall für die Jungs und Mädels von Mimikama.
Ernsthaft: Sollte es diesen Fehler jemals gegeben haben, dann wurde er erfolgreich totgeschwiegen. Dieses Bauteil ist nur ein Koppelkondensator. Den kann man unter Umständen weglassen und etwas Geld sparen (Hauptgrund), muss allerdings auch in Kauf nehmen, dass die Eingangsröhre prinzipiell zur Regelröhre wird.
Öl- oder Zinnfolie im Signalweg? Ach Leute, diese Never-ending-Story hat bei mir inzwischen mehr Staffeln als eine Vorabendserie. Ich möchte darüber wirklich nicht mehr reden – nicht mit Goldöhrchen und schon gar nicht mit dem berühmten „Ich hör’s doch“-Orchester. Nur so viel: Die betreffenden Dinger machen bei mir den Flieger und dürfen die Sonne grüßen. Thema erledigt, Vorhang zu.
Widerstände
Dazu habe ich mich hier schon eindeutig positioniert. Auch darüber rede ich nicht mehr. Auch nicht mit den Messfetischisten, die in meinen Augen nur falsch abgebogen sind, denn die wollten doch eigentlich zur Halbleitertechnik…
Sind aber wohl nur aus einem Grund in der Röhrentechnik geblieben, weil es wohl einfacher ist, hier den Leuten ein vom Pferd zu erzählen. Besonders schlimm treibt man es im Bereich Phono. Die Schaltung für den eigentlichen Entzerrer wird mit Präzisionswiderständen bestückt, damit man den idealistischen Vorgaben bis auf 0,1% nahe kommt. Kann man machen. Nur machen da die Röhren dem Perfektionismus-Wahn schnell einen Strich durch die Rechnung.
Vereinfacht kann man sagen, dass die Schaltung einer Röhrenstufe mit in die Entzerrer-Charakteristik eingeht. Es ist zu kurz gedacht, das eine oder andere isoliert zu betrachten.
In nahezu jedem China-Verstärker stecken übrigens Kohlewiderstände. Oftmals viel zu grosszügig dimensioniert. Wohl nur aus dem Grund, weil die Qualität nicht gerade berauschend ist. Ähnlich sieht’s aus bei den oft verwendeten Zementbunkern oder gar bei Metallwiderstände.
Übertrager und Netztrafo
Neben der eigentlichen Schaltung ist – Sie werden es nicht glauben – der Netztrafo ein grosser Schwachpunkt. Besonders die Asia-Ware ist sehr oft auf Kante genäht. Wird aus einem Stromkreis nur minimal mehr Strom entnommen als vorgesehen, sind alle Angaben, die der Trafo leisten sollte, Makulatur.
Anders ausgedrückt: Derartige Netztrafos verfügen über keinerlei Reserve. Deshalb ist es oft auch fraglich, wie man eine bestimmte zweistellige Ausgangsleistung erzielen will, wenn dem Trafo bereits im oberen einstelligem Bereich die Puste ausgeht.
Die Übertrager hingegen sind häufig gut brauchbar. Na klar gibt’s Besseres. Nur… Warum mehr Geld bezahlen für Dinge, die man schwer bzw. gar nicht hören kann? Deshalb bin ich von meinen abgehobenen Ansprüchen auch wieder auf den Boden der Tatsachen gelandet. Vorausgesetzt natürlich, man hat nicht auf Sand gebaut. Vermutlich… Ne, ich sag’s nicht.
Überhaupt diese Wickelpakete! Ringkerne kommen mir nicht ins Haus. Gerade als Netztrafo haben sie die unangenehme Eigenschaft, Probleme zu bereiten, deren Lösung offenbar irgendwo zwischen Quantenphysik und Mausbefragung liegt. Man sitzt davor, kratzt sich am Kopf und fragt sich, warum der Ringkern sirrt oder ob er lediglich schlechte Laune hat.
Schaltnetzteile, womöglich noch aus der Preisklasse „Kostafastgarnix“, sind für mich erst recht indiskutabel. Da fehlt meist nur noch ein Beipackzettel: „Bei Rauchentwicklung bitte Gerät freundlich zureden.“ Es sollte auch nicht überraschen, wenn in einem anderen Gerät im Haus der Ringkern verrückt spielt…
Nein, danke. Wenn ich unlösbare Probleme möchte, habe ich schon genug Auswahl. Und wenn ich lösbare Probleme haben will, wende ich mich der klassischen Röhrentechnik zu, oder ich zanke mich mit meiner Frau, die mir etwas später wenigstens erklärt, was ich (angeblich) wieder falsch gemacht habe…
Diese Sucht nach dem „Röhrenklang“
Was ist das überhaupt – „Röhrenklang“? Die derzeit für wirklich kleines Geld angebotenen Reiskocher versuchen eine Antwort zu geben. Während ein Grossteil der Hersteller noch darum bemüht sind, den Röhren Perfektionismus beizubiegen, hat der China-Mann mal wieder den Schuss gehört und bringen Verstärker auf den Markt, die den sagenumwobenen „Röhrenklang“ mitbringen nach dem selbst die Hifi-High-Society neuerdings „suchtet“.
Wunder sollte man von den Reiskochern aber nicht erwarten. Diese Spielzeuge sind noch nicht einmal in der Lage, die alte DIN 45500 unfallfrei über die Bühne zu bringen. Oder, um es mal überspitzt zu formulieren: Das sind, wenn’s hoch kommt, nur bessere Röhrenradios. Vielleicht auch gerade deshalb…
Und das Äussere erst. Minimalismus pur. Kein Bling-Bling, kein Geprotze. Nix. Das bezieht sich allerdings auch auf die Schaltung bzw. die Bauteile – allen voran die Übertrager… Sonst wäre der Preis nicht machbar. Klar. Also eher Verstärkertypus A.
Röhrenklang. Ein guter Röhrenverstärker klingt anders, als man es erwartet. Eine gut abgestimmte Gegentakt-Schaltung kann locker mit einem Halbleiter mithalten. Ich behaupte mal, in einem blinden Blindtest würde selbst Goldöhrchen keinen Unterschied hören, ob da ein Halbleiter oder eine Röhre (mit gerade einmal 10 Betriebsstunden) trällert. Von der Vielzahl an semitauben Nüssen ganz zu schweigen.
Es sei denn, man forciert das, was man als „Röhrenklang“ bezeichnet. Da gibt’s in der Röhrentechnik ja so die eine oder andere Schaltung, die völlig legitim und völlig „legal“ sind, aber das charmante Verbiegen des Klangs serienmäßig mitbringen. Oder, um es einmal klirrtechnisch zu formulieren: So eine Schaltung produziert auf völlig „natürliche“ Art mehr gradzahlige Oberwellen. Selbst der eine oder andere Messfetischist setzt eine derartige Schaltung ein. Unbewusst, vielleicht…
Mein „Spleen“
Wer lange genug mit Röhren herumfummelt, entwickelt unweigerlich seinen eigenen Stil – oder, etwas weniger freundlich formuliert, seinen ganz persönlichen „Spleen“. Bei mir dürfte inzwischen ziemlich klar sein, in welche Richtung meiner geht.
Nach allerlei Irrungen, Wirrungen und vermutlich auch einigen Schaltungen, die besser nie das Licht der Welt erblickt hätten, bin ich wieder dort gelandet, wo ich einst mit Röhrentechnik angefangen habe. Back to the roots, nur mit mehr Erfahrung und mittlerweile auch als semitaube Nuss.
Ich mag es, wenn eine Schaltung die Eigenschaften einer Röhre herausschält. Also nicht klinisch rein, geschniegelt und steril, sondern mit Röhren-Charakter. Ein bisschen eigenwillig und gern auch sympathisch unsauber. Eben so, als würde die Schaltung nicht nur brav ihren Dienst verrichten, sondern gelegentlich selbst entscheiden, wie sie die Musik jetzt am besten interpretiert.
Natürlich kann man alles optimieren, linearisieren und bis ins letzte Dezibel vermessen. Man kann einer Schaltung so lange die Halbleiterknigge beibringen, bis sie sich am Ende für einen Messverstärker hält. Aber irgendwo unterwegs geht dann oft genau das verloren, was Röhrentechnik so interessant macht: dieses nicht Perfekt sein zu wollen – weil sie es auch nie sein kann.
Geradezu obzessiv die Sache mit der „Phasenreinheit“ einer Schaltung: So wie das Signal „’rein“ kommt, so soll sie „nur“ verstärkt wieder „’rauskommen“. Bezüglich dessen versagt so mancher Röhrenverstärker aus der, auch so edlen, HiFi-Oberliga auf ganzer Linie.
Viele heute erhältlichen Röhrenverstärker klingen zudem wie verzärtelte Weicheier und sind auch wohl für solche gemacht. Früher waren das kernige Typen – die Röhrenverstärker meine ich. Sie konnten die Bässe in die Magengrube drücken und die Höhen und Mitten mit Anlauf in’s Gesicht klatschen. Bei den heutigen „Klangbeschreibungen“ fühle ich mich dagen oft verarscht bzw. in der falschen Abendvorstellung im Bahnhofskino: Samtig, seidig, schmelzig, warm… Auweia! Klingt so, als ob der Röhrenverstärker kaputt ist. Oder man hat einen Reiskocher…
Mein alter neuer „Spleen“
Nicht erst seit gestern hat ein Alien von mir Besitz ergriffen. Dieser hört auf die Bezeichnung „Fremdspannungsabstand“ bzw. „S/NR“. Unbewusst hatte ich das immer schon gemacht, auf dieses Rauschen zu achten, neuerdings rückt das verstärkt in den Vordergrund.
Wenn dann selbst an 100-dB-Lautsprechern nur mit viel Fantasie ein Rauschen wahrnehmbar ist, dann würde ich sagen: Da habe ich wohl nicht ganz so schlecht gearbeitet. Das ist dann der Moment, in dem der Messwert nicht nur auf dem Papier glänzt, sondern auch akustisch die Krawatte richtet.
Dynamisch, sauber und ohne dieses heimliche Grundrauschen, das sich sonst gern wie ein ungebetener Mitbewohner ins Wohnzimmer setzt.
Auch wenn die Schaltung für die Schaltschrankkünstler und Platinenbestücker aussehen mag, wie ein Unfall zwischen Kabelsalat und Konfettikanone. Juckt mich nicht, denn so einen guten S/NR bekommt man mit Schaltschrank oder Platine nicht hin. Von Chaos habe ich nicht geredet.
Es gibt ja keinen Preis für die schönste Schaltung. Entscheidend ist, dass, bevor Musik aus dem Lautsprecher fällt, die Stille davor verdächtig still bleibt und man sich dann fragt: „Ist der Verstärker überhaupt eingeschaltet?“
Zu meinem „Spleen“ gehört auch, Röhrenverstärker nicht bloß als Technik, sondern als Lebensstil zu betrachten. Sie sind nicht perfekt – klingen gerade deshalb so wunderbar „menschlich“. Wer will schon einen seelenlosen Perfektionisten im Wohnzimmer? Und überhaupt… Wie war das noch mit dem Lautsprecher?
In diesem Sinne