Ampeg V4

Mit Ampeg verlassen wir mal kurz die eigentlichen HiFi-Gefilden und fangen da an, wo Musik entsteht. Also beim Musiker bzw. seinen Instrumenten und hier speziell Verstärker. Auch ein Gitarrenverstärker gilt als Instrument. »Mein« Instrument ist ein Ampeg V4. Der alte V4 ist ein Dinosaurier, stammt aus den 1970’er Jahren und ist ein Voll-Röhrenverstärker – auf Leistung und »Effekt« gezüchtet.

Mit Effekt ist hauptsächlich »Distortion« gemeint, den dieser V4 als Beinamen trägt. Wobei man »Distortion« (also Verzerrungen im weitläufigem Sinne) durchaus wörtlich nehmen darf. Nicht das, was man als HiFi-Junkie darunter versteht – hier geht es um richtig »brutale« Verzerrungen. Das Oszilloskopbild sollte man sich – so als HiFi-Mensch – nicht antun…

Die Sache mit der Leistung war/ist dagegen recht simpel: Die meissten Verstärker laufen in Push-Pull Class-B. Das hingegen geht nur mit einer entsprechend hohen Betriebsspannung. Fünfhundert Volt und mehr sind keine Seltenheit. Je mehr die Röhren aber leisten müssen, desto höher wird auch der Klirrfaktor (womit wir wieder bei Distortion sind). Was in HiFi-Verstärkern unerwünscht ist, ist bei Gitarrenverstärker essentiell und prägen den Sound.

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Einhundert Watt mit vier EL34 oder 6L6GC sind in diesem Bereich normal – heisst aber auch: Die Röhren werden hart an der Grenze gefahren, besonders bei den alten Ampegs!

Und nun kommt dieser betagte Ampeg mit der Statusmeldung »Keine Leistung mehr« in meine bescheidene HiFi-Hütte. Ehrlicherweise sei gesagt, dass er zum zweiten Mal hier sein Gastspiel gibt. Das letzte Mal ist allerdings schon nicht mehr wahr (etwa 20 Jahre her) und die Reparatur hatte sich damals mit dem Austausch von zwei Widerständen und Kondensatoren erledigt.

Irgendwann, während dieser Zeit, wurde der Ampeg dann in die Ecke verfrachtet und vergessen. Moderne Halbleiter-Amps haben ja viel mehr technische Möglichkeiten zu bieten, als dieser V4-Koloss… Vor allem sind sie leichter von Gig A nach Gig B zu transportieren.

Zahn der Zeit

Als man sich wieder an diesen Verstärker erinnerte, war es zu spät. Er hatte sich regelrecht kaputt gestanden. Derartige Verstärker hege und pflege ich übrigens nur selten. Die archaische Technik ist – auf HiFi-technischer Sicht – gewöhnungsbedürftig. Hat aber alles seinen Grund.

Von dem Ampeg V4 gibt es verschiedene Revisionen. Um den richtigen Schaltplan zu finden, ist die Röhrenbestückung, Details im Netzteil (besonders wie die negative Vorspannung generiert wird) und die Anodenwiderstände (!) der Endröhren von entscheidender Wichtigkeit.

Anlaufpunkte sind verschiedene Foren und natürlich die Ampeg-V4 Internetseite. Aus den vielfältigen Beiträgen – auch aus anderen Foren – und vor allem des Buches »Ampeg: The Story behind the sound« (von Gregg Hopkins und Bill Moore) kann man als Resumee ziehen, dass Ampeg-Amps nicht Ohne sind.

Viele Hinweise, die man jetzt im Netz lesen kann, stammen übrigens aus diesem Buch. Als »kompakte« Zusammenfassung ist dieser Artikel zu verstehen.

Ampegs Röhrentechnik

Ampeg ist / war eigentlich stark im Breich Bassverstärker. Für die sechssaitigen Eierschneider gab es nur wenige Modelle. Eins davon ist eben der V4 mit vier 7027A-Endröhren. Auf dem Zettel stehen 100W Ausgangsleistung. Versorgungsspannung übrigens 540V!

Auch die Schirmgitter der 7027A werden gut ausgelastet. Bemerkenswert hier: das Ganze funktioniert recht gut ohne Schirmgitterwiderstände. Selbst 100Ω-Widerstände als Schwingschutz wären in diesem Bereich der Leistung abträglich. Je zwei Endröhren werden an der Kathode miteinander verbunden. Das daraus ergebende Paar balanciert dann den »individuellen« Ruhestrom einer einzelnen Röhre von selber aus. Es gibt also keine Ruhestromregler für jede Röhre.

In dem V4 gibt es überhaupt gar keinen Regler!

Üblich ist bei Gitarrenverstärkern ja ein Regler, mit dem man nur die Höhe der negativen Vorspannung – nach Herstellerangabe – einzustellen hat. Hier ist die Spannungshöhe jedoch fest vorgegeben. Das hat (unter anderem) den Nachteil, dass Röhrenalterung nicht mehr ausgeglichen werden können. Ab einem bestimmten Punkt galten die Röhren als »ausgelutscht«. Und das war immer schon ein Kritikpunkt und wird für die nachfolgende Endröhrenauswahl sehr wichtig.

Die Verkabelung derartiger Verstärker ist, gelinde gesagt, manchmal etwas chaotisch. Nichts für »Drähtchen-um-die-Ecke-Bieger«. Nicht selten ist es auch gerade die Aufbauart, die die »Seele« des Verstärkers ausmacht(e). In »meinem« Ampeg befanden sich beispielsweise die Sieb- bzw. die Ladekondensatoren nicht unbedingt da, wo es logisch gewesen wäre… Die Sieb- bzw. Stützkondensatoren wurden scheinbar da angebracht, wo Platz war.

7027A

Die 7027 Beam Power Tetrode ist ein Spezialfall einer 6L6GC. Sie ist intern anders beschaltet, was so manchen wilden Röhrentauscher mal ganz »gut tun« würde. Die flanschen ja in einem Oktalsockel alles hinein, was 8 Stifte hat…

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Das Schirmgitter (g2) ist bei der 7027(A) an Pin 4 und gemeinerweise auch mit Stift Nummer 1 verbunden. Das Steuergitter liegt an Pin 5 und 6 (üblich ist Pin 5). Letzteres ist nicht schlimm, da viele (gebräuchliche) Pentoden bzw. Tetroden den Anschluss 6 erst gar nicht beschaltet haben. Aber…

Viele (HiFi-) Röhrenschaltungen haben die Kontakte 1 und 8 (Kathode) miteinander verbunden, wobei mir jetzt ad hoc nur die EL34 einfällt, wo das Sinn macht. Sie hat das Bremsgitter (g3) separat an Pin 1 herausgeführt – bei allen anderen Röhren ist g3 intern mit der Kathode beschaltet und somit ist Pin 1, wie auch Pin 6 »NC«, d.h. Not Connected. Und »NC« heisst eigentlich – an diesem Anschluss darf / soll nichts gelötet werden! Macht man aber trotzdem. Warum, weiss ich nicht.

Bis auf das Pinout ist die 7027(A) mit einer 6L6GC identisch. Die 7027A (das Anhängsel A ist wichtig!) kann man sich als »gepimpte« 6L6GC bzw. 5881 vorstellen. Die Anodenverlustleistung (Plate Disipation bzw. Wa) beträgt 35W gegenüber 30W bei 6L6GC bzw 7027 (ohne A). Das Original-Datenblatt von RCA 7027A und das JJ 7027a zu dieser Röhre.

In diesem Ampeg nun eine einfache 7027 (wg. Pinout) oder 6L6GC zu stecken, heisst: Man überlastet die Röhren. Noch einmal als Hinweis: Wir fahren die Röhren mit einer Anodenspannung von etwa 540 Volt. Am Schirmgitter liegen etwa 340 Volt an. Negative Vorspannung ist mit etwa -28V fix vorgegeben.

Der oft genannte Hinweis, dass man einfach eine 6L6GC oder die einfache 7027 – ohne weitere Maßnahmen – einflanschen kann, ist falsch!

Ohne großartig herumzudoktern kommt man also um die 7027A nicht herum. Und das ist leichter gesagt, als getan, denn eine echte 7027A gibt es nicht mehr. Nein, wirklich nicht.

Die Produktion hat RCA (als einziger Hersteller) irgendwann in den 1970’er Jahren eingestellt. Die Verstärker-Hersteller lebten quasi von den (beachtlichen) Restbeständen – das wusste damals aber kaum einer.

Laut Datenblatt ist eine JJ-7027A identisch mit JJ-7027 / 6L6GC / 5881. Von Tung-Sol ist kein Datenblatt greifbar. Und auch andere »Hersteller« bleiben Daten schuldig. Bestempeln kann man viel. Ohne Datenblatt – kein Einsatz. Zumindest nicht bei mir. Also bleibt JJ-7027A (weil mit Datenblatt) übrig – wobei das »A« mit Vorsicht zu geniessen ist (siehe o.g. Datenblatt).

Achtung!

Der Hinweis, man könne auch die EL34 (mit Umbaumaßnahmen an den Röhrenfassungen, Schirmgitterwiderstände und Ruhestromreglung) verwenden, ist soweit richtig! Man muss bezüglich Ruhestrom aber darauf achten, dass die maximale Anodenverlustleistung von »nur« 25W keinesfalls überschritten wird! Sollte das angedacht werden, dann sollte man das auch unmissverständlich kennzeichnen! Sonst knallt es, wenn ein Röhrentauscher blindwütig eine (alte, originale) 7027A einsetzt. Nachteil: Eine EL34 ändert massiv den Klang-Charakter des gesamten Verstärkers.

Kurios?

Einige Ampeg-Schaltpläne haben einen »interessanten« Vermerk. Da heisst es sinngemäß: »Falls keine Original-Röhren verfügbar (!) sind, kann man als Ersatz für die vier 7027A auch zwei 6550 einsetzen.« Dieser Vermerk stammt von Ampeg selber. Die wussten wohl, warum…

Die Sache hat nur einen Haken: Wenn 6550 (mit eingestelltem Anodenstrom von etwa 40mA bis 50mA) eingesetzt werden sollen, dann sollte man unbedingt prüfen, ob die Heizspannung tatsächlich etwa 6,3V beträgt. Alles unter 6,1V ist ein No-Go.

Laut den Autoren des zuvor genannten Buches hat Ampeg auch mal gerne die Netztrafos »Spitz auf Knopf« dimensioniert. Eine derartige Umrüstung macht aber auch kaum einer, da das den Sound des V4 ebenfalls gravierend ändert.

frihu

…hört gerne Musik. Über Röhrenverstärker. Musikrichtung egal. Ausser Jazz, Hip-Hop, House, Metal, Trash, Schlager, Volksmusik, Gangsta-Rap (noch schlimmer, wenn in Deutsch gebrüllt). Da krieg' ich ein Hörnchen. Autor der Bücher: Hören mit Röhren, Röhrenschaltungen und High-End Röhrenschaltungen. Artikel in hifi-tunes (Röhrenbuch 2): Bauteileauswahl für Röhrenverstärker und EL509 Single-Ended Röhrenverstärker im Selbstbau

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