Craftsmen 500

Zwei Nachteile:

Erstens: Es sollte klar sein, dass man eigentlich immer abgleichen muss. Mit neuen Endröhren zunächst öfter während den ersten 50 Stunden, dann dürfte etwas Ruhe einkehren. Je mehr Betriebsstunden aber die KT66 auf dem Tacho haben werden, ist man wieder „alle Nase lang“ am abgleichen. Merke: Röhren sind Verschleissteile. Ob von Jungfrauen geweiht oder nicht. Und sie „altern“ auch noch – Ohgottohgottohgott – unterschiedlich.

Allein dieser Umstand machten die Williamson-Verstärker für den Konsumenten seinerzeit nicht unbedingt attraktiv. Die guten technischen Daten hin oder her. Diese Schaltungsmimik hat sich deshalb auch nicht durchgesetzt. Unter anderem auch deshalb war Mitte der 1950’er das Unternehmen „Radio Craftsmen Inc.“ an sich schon wieder Geschichte.

Zwotens: Geht der Regler für die Signal-Symmetrie (Balance) kaputt oder hat Funktions-Schluckauf (durch Einlagerung von Dreck), dann wird’s für die Endröhren aber ganz fix gar nicht mehr lustig. Verdreckte Regler führte seinerzeit immer wieder – aus Werkstatt-Sicht – zu einer „gern gesehene“ Fehlfunktion (Kleine Ursache – grosse Wirkung).

In einem Craftsmen-Mono ist genau dieser Regler schon einmal ersetzt worden.

Und überhaupt: Wenn in der Abgleich-Anleitung zu diesem Verstärker schon angemerkt wurde, dass eine gewisse Asymmetrie bei den Endröhren normal und vertretbar ist, dann frage ich mich schon, warum überhaupt noch dieser Aufwand?

Die Entscheidung, ob diese feinen Gemeinheiten in diesen Craftsmen so bleiben werden, oder ob diesbezüglich „vereinfacht“ wird (wie heute üblich), vertage ich erst einmal.

Handwerkliches

Wenn man schon so einen Oldtimer restaurieren will, dann bitte auch mit den Bauteilen, die den Originalbauteilen möglichst nahe kommen. Klar, es gibt immer Ausnahmen oder Situationen, bei denen man auf modernes Zeugs ausweichen muss, wie zB. den Öl-Ladekondensator, der durch axiale MKP-Kapazität ersetzt wird.

MKP deshalb, weil er den Eigenschaften eines Öl-Kondis doch am nächsten kommt. Die axiale Bauform ist der neuen Masseführung geschuldet… Und überhaupt: So einen passgenauen Becher gibt’s nicht mehr und von einen Kondensator, der in eine Waschmaschine besser aufgehoben ist, lässt man die Finger, weil sie für diese Aufgabe gar nicht konstruiert wurden.

Ja, ich weiss. Es geht. Irgendwie. Genauso ist dann das Ergebnis. Ausser Mü-Eff kommt ein Kondensator ja noch mit anderen Eigenschaften (sprich Kenndaten) daher, nicht wahr? Das sollte man schon auf dem Schirm haben…

Und man hält sich diesbezüglich zwingend an die Kapazitätsangaben, die im Schaltplan genannt sind. Eher etwas weniger, als zuviel. Denn das wird alles schon seinen Grund gehabt haben. Gucksdu hier.

Die ursprünglichen Siebkapazitäten des Vierfach-Bechers (2x 40µF plus 2x 8µF) müssen ebenfalls ersetzt werden. An Stelle des Öl-Kondensators wird ein Becher mit 2x 50µF (Ersatz für 2x 40µF) eingesetzt. Ja, ist kapazitätsmässig zuviel, 2x 32µF wäre zwar noch gegangen, aber der preisliche Unterschied sprach für den 50’er-Becher. An dieser Stelle schaden die 2x 10µF zuviel nicht.

Als Ersatz für die fehlenden 2x 8µF wird ein entsprechender Doppel-Elko eingesetzt, der intern verbaut wird. Der alte Vierfach-Becher verbleibt als Zierde. Die Koppel-Kondensatoren werden durch (Kondensatoren-Fanatiker aufgepasst!) MKT-Material ersetzt. MKT kommt den damaligen Papierkondis halt am nächsten.

Eine Spannungsfestigkeit von mindestens 550V bei den Elkos und 600V beim MKP-Ladekondensator ist hier Pflicht. Was die Widerstände betrifft: Minigenz Kohleschicht. Die gibt’s ja nicht ohne Grund wieder.

Mythos 6SN7GT, -A, -B

Warnung: Sollten Sie dem 6SN7-Fetisch frönen und felsenfest glauben, dass dies eine Wunderröhre sei, verlassen Sie jetzt bitte den Saal.

Die 6SN7GT war und ist nur eine relativ gute Universal-Doppeltriode. Einsatzgebiete waren: Fernsehgeräten, Radios oder auch Sender, in den ersten Elektronikgehirnen und was weiss ich noch wo. Wichtiges Merkmal: Das Uf/k beträgt 100V.

Eine Weiterentwicklung war die 6SN7GT-A. Sie „glänzte“ vor allem mit einer höherer Anodenverlustleistung und einem Uf/k von 200V.

Die 6SN7GT-B setzt auf die A-Version auf, ist aber innerhalb einer definierten Zeit aufgeheizt (max. 10 Sekunden, sagt das Datenblatt) – weil das die Anforderung der damaligen TV-Industrie war. Nix anderes.

Warum in den Craftsmen unbedingt die 6SN7GT-A eingesetzt werden sollen, weiss ich nicht. Vermutlich Marketing. Die einfache Version tut’s genauso, also auch die billige russische 6H8C. Da aber die A-Version ziemlich selten ist, muss man zur B-Version greifen – wenn man darauf Wert legt und in diesem Fall nicht ganz so verkehrt ist.

So, und jetzt mal unter uns Gebetsbrüder: Wenn keine alte RCA, Sylvania, General Electric (GE), was auch immer, gestempelte 6SN7GT-B im Hause ist, dann ist alles Neue reine Glaubensache.

Das Gewese um diese poppelige Doppeltriode werde ich in diesem Leben wohl nicht mehr verstehen. Wer mit 30 oder gar 50 Lenze meint, dass er Goldohren hat und eine GE-Röhre von einer 6H8C unterscheiden kann, soll mal zum HNO gehen. Der knallt einem die Tatsachen aber sowas vor’m Latz… Deswegen geht da ja auch keiner freiwillig hin.

frihu

…hört gerne Musik. Über Röhrenverstärker. Musikrichtung egal. Ausser Jazz, Hip-Hop, House, Metal, Trash, Schlager, Volksmusik, Gangsta-Rap (noch schlimmer, wenn in Deutsch gebrüllt). Da krieg' ich ein Hörnchen. Autor der Bücher: Hören mit Röhren, Röhrenschaltungen und High-End Röhrenschaltungen. Artikel in hifi-tunes (Röhrenbuch 2): Bauteileauswahl für Röhrenverstärker und EL509 Single-Ended Röhrenverstärker im Selbstbau

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