HiFi mit “P-Röhren” (Prelude)

Blitzt beim Einschalten (der Stromstoss) die eine oder andere Röhre auf (das passiert auch bei alten E-Röhren), meinen viele, dass dies ein Defekt sei. Das ist aber völlig normal und ein »NOS-Qualitätskriterium«. Diese Röhren leben u.U. länger als die überteuerte Neuware. Früher hat man sich darüber keine Gedanken gemacht.

Nochmal: Der Heizfaden kann durchbrennen. Ja. Soll vorkommen. Es soll auch vorgekommen sein, dass ein UFO auf der Erde gelandet ist. Sie verstehen?

Wenn man vorhat, eine SRPP-Schaltung mit P-Röhren zu realisieren, dann sollte man die Versorgungsspannung auf das maximale Uf/k der Röhre »ausrichten«, denn ein »Hochlegen« der Heizspannung auf festes Uf/k-Potential ist in Serienschaltung nicht möglich. Entweder man vergisst die SRPP und nimmt die gute, alte Pentode oder man bleibt bei den E-Röhren. Die »Insider«, die HiFi mit P-Röhren realisieren, halten sich die SRPP-Schaltung sowieso vom Hals. Das gilt in diesen Kreisen als »neumodischer« ECC-Kram… Es gibt so schöne Pentoden…

P-Röhren sind wirklich »von Natur aus« etwas robuster. Allein schon wegen dem Heizfaden und dessen Isolation zur Kathode. Und noch zwei Vorteile haben P-Röhren:
1.) Sie schützen den Anwender vor dem »Röhrentausch-Spielchen« und damit vor auralem Selbstbetrug. Man tauscht, wenn überhaupt, nur den Hersteller einer Röhrentype aus. Die »andersartige« Röhrenfassung bei Endröhren ist auch ein Grund. Eine Hypersoundige-EL34 mit Oktalsockel passt nun einmal ganz schlecht in eine Magnoval-Fassung.

2.) Alle verfügbaren Röhren sind NOS. Da ist drin, was drauf steht. NOS heisst aber auch: Wenn weg, dann weg. Aber glauben Sie mir, von einigen Röhrentypen gibt es noch reichlich. Rechtzeitig eingekauft und schonend behandelt, reicht das für mehrere Menschen-Generationen. Ich kenne Bastler, die die üblichen Probleme und Modeerscheinungen der »E-Hörer« vollkommen tiefenentspannt verfolgen und das »Feld« nach neuen Schätzen absuchen (mit Röhren basteln kann süchtig machen)…

Drei P-ferdefüsse haben diese Röhren allerdings auch:
1.) Auch hier macht sich mittlerweile die Namenshype breit. Ein und das gleiche Röhrensystem kann schon mal 30 Euro kosten, anstatt 4 Euro. Einziger Unterschied der teueren Röhren: »Telefunken«, »Valvo, »Philips«. Ganz komisch wird es bei Siemens-Röhren. Die können schon mal 20 Euro kosten. Die baugleiche Röhre von Ei nur 5 Euro. Ob man eine echte Siemens »Fernseher-Röhre« bekommt, kann man nicht so leicht feststellen – im Gegensatz zu Telefunken. Siemens produzierte zwar bis Ende der 1960’er Jahre »Fernseher-Röhren« – aber mit einer hohen Ausschuss-Quote. Das führte dann dazu, dass Siemens dazukaufen musste. Man hatte damals gut und reichlich eingekauft. In vielen deutschen Werkstätten wurden Siemens-Röhren in Massen gehortet. Soviele Röhren aus dem einen Werk bei München?

Und, falls Sie es noch nicht wussten, alle Röhrenhersteller hatten ein Agreement: Offiziell »beharkte« man sich zwar, inoffiziell half man sich aus. Eine ITT-Lorenz Röhre kann alles sein. Also, Valvo, Tungsram, Philips, RFT… Siemens kaufte überall ein und Philips trieb es besonders dolle. In ganz West-Europa betrieb Philips Fabriken – die die Röhren mit unterschiedlichen Namen auf den Markt brachten. Was man da wirklich im Glas hat, ist auch heute noch nicht ganz »erforscht«. Gerade bei »Fernseher-Röhren« gilt: Namen sind Schall und Rauch. Und »faule Eier« gibt es auch bei den E-Röhren.

2.) So manche P-Röhre eines bestimmten Herstellers weist eine bestimmte Eigenart auf und weicht damit etwas von Röhren anderer Hersteller ab. Telefunken, beispielsweise, war manchmal auch sehr »eigen«… Das kann man manchmal (aber nicht immer) den Datenblättern entnehmen. Es kann lohnend sein, sich über eine Röhrentype zu informieren, zu recherchieren und Datenblätter verschiedener Hersteller (!) zu vergleichen. Da kommen manchmal die tollsten Sachen ans Tageslicht.

3.) Kurios: Manchmal sind die P-Röhren allerdings auch teuerer als das E-Pendant, was aber nicht an der Verfügbarkeit liegt.

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In vielen Fernsehgeräten wurden auch P- und E-Röhren gemischt eingesetzt. Der Schaltplan des Grundig »Zauberspiegels« (ab 1957) zeigt es. Hier werkeln E- und P-Röhren in friedlicher Eintracht. Und mit Blick auf die EL84 (!) im Verstärkerteil strafen wir die »Quatsch-mit-Soßen-Erzähler« Lügen. Forschen Sie selber nach, was eine gute EL84 heute kostet (je musikalischer…). Wohl dem, der seit frühester Jugend die EL84 aus den Röhrenradios und -Fernseher, die am Strassenrand standen, gezogen hatte…

Selbst die Booster-Röhrendioden (EY… / PY…) habe ich in der letzten Zeit des öfteren gesehen. Ich muss zugeben, ich hatte diese Röhren gar nicht auf den Schirm (klingt blöd, ist aber so). Aber so manche Bastler haben tatsächlich einen 300B-Eintakter mit Booster-Röhrendioden aufgebaut. Und es klingt auch noch – bzw. es klingt gar nicht. So nach »Fernseher«, meine ich. Und es macht auch noch was her. Auch – oder gerade – aus technischer Sicht: Diese Röhrendioden heizen nämlich extrem langsam auf und fahren somit die Hochspannung sehr langsam hoch.

Zwei PY88 (EY88) ersetzen zB. locker eine EZ150. Als Ladekondensator empfiehlt sich ein 20µF MKP, danach eine Drossel und zum Schluss, je nach Röhre und Ausführung (Stereo- / Monoblock) bis zu 100µF Siebkapazität. Die zwei PY88 kann man heizungsmäßig zwar parallelschalten, ist jedoch kritisch. Besser ist es, die Heizfäden seriell zu schalten und mit in den Heizkreis einzukalkulieren. Die PY88 (EY88) sind übrigens auch ideale Hochspannungslieferanten für Röhren wie 211 oder 845. Trotz der »angezogenen« Preise eine Sache, über die man nachdenken sollte. Warum man heute 20 Euro und mehr für eine stinknormale GZ34-Variante (Neu, nicht NOS) zahlen soll, verstehe ich nicht. Falls Sie jetzt Booster-Dioden verwenden wollen, denken Sie daran, dass derartige Röhren nicht für »normale« Gleichrichteraufgaben vorgesehen waren: Booster-Dioden wie PY80 oder PY82 »versorgt« man sicherheitshalber mit maximal 4µF Ladekapazität (diese »Diodengläser« reichen übrigens für Phono-Entzerrer vollkommen aus, schauen Sie mal nach, was eine schnöde EZ80, die auch reichen würde, kostet). Besser wenig Lade- bzw. Siebkapazität, als zuviel. Von Booster-Dioden wie GY500 oder GY501 lässt man (als HiFi-Bastler) aber die Finger, genauso wie von der Ballaströhre PD500. Diese Röhren wurden damals nicht ohne Grund in einem separaten Metallgehäuse untergebracht…

Steigt die Nachfrage zu einem knappen Gut, steigt der Preis.

Das kann man zB. anhand der »schrottigen« PCC189 sehen. Ein »schickes« Röhrensystem, welches man noch vor vier Jahren fast nachgeschmissen bekam und seinerzeit als billiger Ersatz für überteuerte E88CC galt, wenn man nicht auf die (doch sehr) abschätzigen Urteile der »Outsider« hörte (das existieren die wildesten Geschichten). Dementsprechend haben auch hier die Preise für diese (unmögliche) Röhre angezogen. Sobald P-Röhren für HiFi entdeckt werden…

Genau das gleiche Röhrensystem setzte ich vor einigen Jahren in »meinem« EL509-Röhrenverstärker ein. Sie war »damals« preiswert. Und gut. Heute ist sie nur noch gut. Ich setze daher jetzt auf eine andere Spanngitter-Röhre. Wohl dem, der freiverdrahtet. Platinenbestücker haben schlechte Karten und werden für ihre Bequemlichkeit »bestraft«.

Oder die Eingangsseitig genannte »HZA-Röhren«, also zB. PL504 / EL504, PL509 / EL509 oder PL519 / EL519. Es soll mal eine Zeit gegeben haben, wo sie sehr billig waren. Ist ja auch »nur« eine »Fernseher-Röhre«. Bis man dann entdeckte, was für Qualitäten diese Röhren in NF-Verstärker entwickeln können (wenn man sie lässt). Heute sind diese Röhren, nicht nur bei Funkamateuren, Kult. Sehr kultig ist auch der Preis geworden. Auch für Röhren, die schon ziemlich ausgelutscht aussehen (erkennbar an den vielen braunen Schlieren im Inneren), werden horrende Preise gezahlt. Was es mit den Schlieren auf sich hat, kann man bei HTS nachlesen.

Apropos Preis:
Wenn Sie sich so richtig über die Leisten ziehen lassen wollen, dann kaufen Sie die P-Röhren natürlich in einem virtuellen Auktionshaus. Es soll da Verkäufer geben, die vor Lachen wochenlang nicht im Schlaf finden, weil die einen Doofen Esoteriker gefunden haben, der für eine (eine!) Telefunken PL84 fünfzig (50) Euro bezahlt hat.

Wenn Sie darauf aber keine Lust haben, sich das »richtige« Röhrensystem aussuchen und bereit sind, die Röhrenschaltung auf die »Fernseher-Röhre« zu »optimieren« – dann bekommt man bei einem »normalen« Händler auch schon mal (Achtung! Kopf einziehen!) Röhren mit Raute nachgeschmissen. 😉

Names- & Sammler-Esoterik

Und wo wir schon mal bei den »teuren« Namen sind: Mir persönlich ist es egal, welcher Firmenname auf der Röhre gestempelt ist. Diesen Fetisch mache ich nicht mit. Ich bezahle für eine Telefunken-Röhre genauso viel wie für eine, Siemens, Valvo, Miniwatt, Ei- oder Tungsram-Röhre. Wenn der Dealer sich »uneinsichtig« zeigt, dann gibt’s kein Geschäft. Mein Ego braucht so etwas nicht.

Ich sammel auch nicht. Das, was ich als »Sammlerobjekte« habe, sind Zufallskäufe zu einem fairen Preis (gilt auch für Schallplatten). Wer glaubt, man könne Röhren jahrzehntelang bunkern, um irgendwann damit zu spekulieren, der soll das weiterhin glauben. Pragmatiker und Realisten beschäftigen sich nicht damit und überlassen derartiges der Gier von nichtsahnenden Röhren-Esoterikern. Es ist kein Geheimnis, dass auch ein Telefunken-Vakuum nicht ewig hält. So manche »wertvolle« Röhre zog bereits in der Aufwärmungsphase Luft.

Röhren sind Bauteile. Die müssen arbeiten. Genauso wie alte Autos oder Plattenspieler. Vom »Kaputtstehen lassen« hat keiner etwas. Mit ins Grab nehmen, kann ich meine gesammelten Schätze auch nicht und meine Nachkommen machen keine Anstalten, sich auch nur ansatzweise dafür zu interessieren. Also freue ich mich zu Lebzeiten daran.

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Lebensdauer

Über die Lebensdauer von Vorstufenröhren braucht man eigentlich nicht reden. Die funktionieren normalerweise ein halbes Menschenleben lang (halbes Menschenleben deshalb, weil man blöderweise erst dann vernünftig und pragmatisch wird, wenn man den Zenit überschritten hat). Von mir aus legen Sie sich ein oder zwei Ersatzröhren auf Lager. Auf das Ihre Nachkommen diese Röhren dann zu Gold machen. Bei den Endröhren sieht das anders aus. Da rate ich wirklich, solche Röhren nicht übermäßig zu belasten und sie schonend zu fahren, also nicht das Letzte bisschen Watt aus der Anode zu quetschen. Wenn schon Single-Ended, dann bitte in Class-A1, also mit negativer Vorspannung, was übrigens technisch oftmals mehr als sinnvoll ist. Viele P-Röhren machen sich einen Spass daraus, genau das zu tun, was man nicht will. Da helfen keine Anodendrosseln, HF-Drosseln oder »watt auch immer«. Ist wie mit Kindererziehung: Man nimmt das, was einem lieb und teuer ist, an die Zügel und »dirigiert« – auch wenn man manchmal an die Zügel reissen muss – in diesem Fall eben die negative Vorspannung.

Es gibt aber auch Röhren, die am besten funktionieren, wenn sie wohldosierte positive Spannung am Steuergitter injeziert bekommen. Der sonst so gefürchtete Gitterstrom ist bei derartigen Röhren normal. Das sind aber Röhren, die man schon nicht mehr in Fernseher eingesetzt hatte. So ist zB. die 805 eine sehr leistungsstarke Senderöhre, die es in einem Single-Ended NF-Verstärker locker auf 25W Ausgangsleistung bringt.

Je nach Anwendung sollten Sie sich also gut eindecken. Gut und vorausschauend geplant, ist halb gewonnen. Und dann schlägt Ihre Stunde:

Auch bei den E-Röhren kann man sich nicht sicher sein, dass diese in vier, fünf Jahren überhaupt noch (preiswert) erhältlich sind. Die Winged-C EL509 ist da ein gutes Beispiel, die hat jetzt schon NOS-Status. Auch der Preis für Svetlana EL34 hat in der letzten Zeit gut angezogen.

Welche Röhren (nicht)?

Wie schon angedeutet, kann man (fast) jede »Rundfunk- und Fernseher-Röhre« für HiFi-Zwecke nehmen und eine passende Schaltung »drumherum« bauen. Auf diese Idee ist vielleicht schon jemand anders gekommen… Man sollte tatsächlich zuerst recherchieren (Tipp: Nicht auf deutschen Websites suchen).

Folgendes gilt für die Lötkolbenartisten, die ihre ersten Gehversuche in der Röhrentechnik machen: Von bestimmten Röhren lässt man am besten die Finger. Es sei denn man steht auf die Hardcore-Lernkurve (manchmal bleibts auch eine einmalige Erfahrung).

Zu diesen Röhren zählen zB. alle Doppeltetroden aus dem Hochfrequenzbereich. Und auch so manche Triode, die allein nur für die Beheizung über 50W Leistung benötigt, sind nicht unbedingt geeignete Kandidaten. So einfach ist es mit diesen Röhren wirklich nicht. Mit der russischen GU29 (US-Äquavilent: 829B) oder bestimmte SRS-Röhrentypen habe ich auch so meine Erfahrungen machen müssen und überlasse derartige Röhren gerne anderen Bastlern. Die russische GU29 (nur echt, wenn »mit« Saratov-Emblem und »Panzerglas«) ist auch eine Röhre, bei der man die Preissteigerung tagtäglich mitverfolgen konnte. Innerhalb weniger Wochen schoss der Preis von zwanzig Euro auf über fünfzig Euro. Heute hat die Saratov-GU29 einen ähnlichen Status wie die WE-310A. Beide Röhren sind fast unkaputtbar auch daher fast unbezahlbar. Gehandelt Gedealt wird unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen.

Auch wenn auf dem Glas »Telefunken« oder »Valvo« steht… Wie bereits zuvor erwähnt, lässt man die Pfoten von GY- / EY- und PD- / ED-Röhren. Solche Röhren dienen nur zum Auffüllen einer »Röhren-Wundertüte« oder zum »Aufwerten« eines »seltenen«, zum Verkauf stehenden, Röhren-Konvoluts (sobald dieser Begriff auftaucht, sollte man schlagartig vorsichtig werden). Derartige Röhren können höchstens als iluminierter Eye-Catcher dienen.

Übrigens: P-Röhrenverstärker sind überaus Anfängertauglich und hervorragende Lernobjekte. Die Betriebsspannung liegt bei 10-15W Verstärker deutlich unter 300V, was sich ebenso deutlich auf die Bauteilpreise auswirkt.

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frihu

…hört gerne Musik. Über Röhrenverstärker. Musikrichtung egal. Ausser Jazz, Hip-Hop, House, Metal, Trash, Schlager, Volksmusik, Gangsta-Rap (noch schlimmer, wenn in Deutsch gebrüllt). Da krieg' ich ein Hörnchen. Autor der Bücher: Hören mit Röhren, Röhrenschaltungen und High-End Röhrenschaltungen. Artikel in hifi-tunes (Röhrenbuch 2): Bauteileauswahl für Röhrenverstärker und EL509 Single-Ended Röhrenverstärker im Selbstbau

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