Butter bei die Fische (4)

Röhrenverstärker können ganz einfache „Kreaturen“ sein. In einem „einfachen“ Gegentakter sitzen zwei Vorstufen- bzw. Treiberröhren (inkl. geschickt gewähltem „Phasen-Spalter“) und zwei dicke Flaschen (vulgo Endröhren). Dazu eine geschickt dimensionierte Schaltung, Netztrafo und Übertrager… Aus die Maus.

Wenn man mal von Konzept der Schaltung absieht, würde das auch für Eintakter gelten. Eine, in Ausnahmefällen zwei, Röhren (-Systeme) in der Vor- bzw. Treiberstufe, dicke Flasche – fertig ist die Laube.

Das ganze Gelump dann noch in ein funktionelles Gehäuse gepackt – und ab dafür. Ganz bewusst nimmt man auch die röhrentechnischen Unzulänglichkeiten in Kauf und hechelt nicht den Möglichkeiten von Halbleitern hinterher. Das perfekte an Röhrenverstärkern ist ja eben, dass sie nicht perfekt sein können.

So einfach könnte das hifidele Leben sein. Weder Kling-Klang-Zinnober noch hochtrabende Schaltung nötig. Könnte, wohlgemerkt. Doch es hat nicht sein sollen.

Jedes Detail einer Schaltung für einen, wie auch immer gearteten, Röhrenverstärker ist schon lange erfunden worden. Auch die eine oder andere weniger gute Schaltung. Dessen muss man sich bewusst sein. Was gibt es daran noch zu verbessern? Auch das ist längst geschehen.

Es gibt auch keinen klanglichen Unterschied, wenn Verstärker A mit Verstärker B und Verstärker C verglichen wird. Die gleiche Schaltung und gleiche Dimensionierung vorausgesetzt.

Ausser die Verpackung, das Kleidchen.

Wenn Technik zur Deko mutiert

Röhrentechnik und Design – das waren schon immer zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein können. Verstärker A sieht aus wie die Kreuzung aus Sperrmüll und explodierte Dampfmaschine (was auch viel über den Aufbau bzw. die Funktion aussagt), Verstärker B ist ein funktioneller, aber einfallsloser schlichter Kasten und Verstärker C glitzert und blinkt, was mehr an einem Tag der offenen Tür auf der Herbertstrasse erinnert, als nach einem Gebrauchsgut.

Welcher Verstärker, glauben Sie, wird im „Hörtest“ besser abschneiden?

Jetzt gehen wir mal hin und drehen bei Verstärkertyp B etwas an der Optik. Aus dem soll – schwuppdiwupp – ein Luxusgut werden. Die Schaltung, wie gesagt, ändert sich nicht. Diesen Verstärkertyp nennen wir mal B1.

Die Röhren werden etwas anders angeordnet. Aus dem potenten Netzschalter („Klack“ – Achtung! Jetzt wird Strom ernst genommen!) wird ein Schalterchen, der mehr an Spielzeug erinnert und nur ein schüchternes „Klickchen“ von sich gibt. Dazu noch eine „Einschaltverzögerung“ mit blinkender LED.

Die Blech-Verpackung bekommt nun eine dicke Schicht aus hochglänzendem Lack und ist mit technisch irrelevanten Accessoires versehen. Dazu ein Marketing, da würde Pinocchio (das Original, meine ich) eine Nase bekommen, die man dreimal um die Erde wickeln könnte.

Wer „gewinnt“ den Hörtest wohl?

Sie meinen, dass gibt’s nicht? Tja, ich darf Sie enttäuschen. Das gibt’s wirklich. Das hat es immer schon gegeben, nur nicht so in dieser Ausprägung. Das ist ja eigentlich auch nicht schlimm. Wer wegen der Glitzereffekte mehr Geld ausgeben will, der soll das tun. Es dürfte aber doch wohl klar sein, dass es Showeinlagen nicht für lau gibt. Wo kämen wir denn dahin?

Haste was, biste was

Schlimm wird’s aber, wenn mehr Wert auf Deko gelegt wird oder wenn werbetechnisch so auf die Kacke gehauen wird, dass man als technisch Unbedarfter auf die Knie geht, die Hände faltet und einen verklärten Blick bekommt.

Da gibt es Unternehmen, die sich als „Nachfahre“ von bekannten Namen aus den 1960’er-Jahren hochstilisieren. Sie werden lachen, das funktioniert, auch wenn die Kiste Ähnlichkeiten mit Verstärkertyp A aufweist. Bei den Bauteildimensionierungen wird nun aber geklotzt, nicht gekleckert. Viel hilft viel, Sie wissen schon, diese Quark mit Soße: „Hätte man früher auch gemacht, wenn…“

Andere Unternehmen behaupten, selbstredend nach jahrelanger Entwicklungszeit, das Rad neu erfunden zu haben (was letztendlich auf eine vermurkste Schaltung hinausläuft). Man darf nur nicht hinter die Kulissen schauen (was gar nicht so schwer ist). Die Schaltung kann jeder Bastleranfänger besser aufbauen und aus dem grossen Firmenkonglomerat bleibt nicht selten ein 1-Mann-Hinterhofunternehmen übrig, von dessen Gründer ich mir noch nicht einmal ein Bier ausgeben lassen würde…

Ein anderes Unternehmen hat schlichtweg geklaut – ähnlich wie’s bei einer amerikanischen Fast-Food-Frittenschmiede abgelaufen ist. Damit man sich vom Wettbewerb abhebt, wird extrem hochpreisig verkauft. Die Schaltung ist Asbach, aber nicht die verwendeten Bauteile. Rauschärmer als der rauschärmste Messwiderstand – latürnich aus eigener Fertigung, ebenso wie die eigenfüßig von Hand gewickelten Kondensatoren und was weiß ich, was dem an Minderwertigkeitskomplexen leidenden Kunden sonst noch so aufgetischt wird. Wer das alles glaubt, der glaubt auch an den Schweinepriester, der den Bauteilen seinen hifidelen Segen gibt.

Der Aufbau der Schaltung geschieht dann in der Art und Weise, dass es zwar pompös wirkt, aber (beispielsweise) einen Williamson Lügen strafft. Jeder röhrentechnisch versierter Bastler wundert sich, dass das überhaupt störungsfrei funktioniert.

Gibt’s nicht? Doch, doch, gibt es schon. Auffällig aber, dass all‘ diese Unternehmen aus einem bestimmten europäischen Land stammen und alle irgendwie untereinander „verbandelt“ sind. Das nur nebenbei.

Gute, standfeste Röhrentechnik braucht keine Blendereffekte. Sie soll funktionieren und zuverlässig sein. Okay, das Auge isst mit, aber wenn Deko die Hauptrolle spielt, dann will man Scheisse parfümieren. Immer, wenn ich solche Kisten bekomme, wird das auf’s Neue bestätigt. Hier und dort, zum Beispiel.

Das fängt mit einer ganz simplen „Konstruktion“ an. Hatte ich schon erwähnt, dass Gehäuse ohne Lüftungsschlitze oder -Löcher sowohl oben als auch unten, Fehlkonstruktionen sind? Nein? Jetzt hab ich’s. Nein, Löcher „unten“ reichen nicht. Unterstehen Sie sich, mich zu fragen, warum. Ich schicke Sie glatt in den Physikunterricht der 5. Schulklasse. Doch, ich mache das. Da können Sie einen drauf lassen.

Eine fehlende Lüftung ist fast immer ein sicheres Indiz, dass da noch mehr Überraschungen auf einen warten. Im besten Fall ist es nur eine leicht vermurkste Schaltung.

frihu

…hört gerne Musik. Über Röhrenverstärker. Musikrichtung egal. Ausser Jazz, Hip-Hop, House, Metal, Trash, Schlager, Volksmusik, Gangsta-Rap (noch schlimmer, wenn in Deutsch gebrüllt). Da krieg' ich ein Hörnchen.Autor der Bücher: Hören mit Röhren, Röhrenschaltungen und High-End Röhrenschaltungen. Artikel in hifi-tunes (Röhrenbuch 2): Bauteileauswahl für Röhrenverstärker und EL509 Single-Ended Röhrenverstärker im Selbstbau

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