Zeit für ein paar Anekdötchen.
Pubertierende Jugendliche und Röhrenverstärker passen nicht wirklich zusammen. Diese Erkenntnis resultiert aus der Erfahrung, dass die Pubertät scheinbar alles unwesentliche vergessen lässt. So natürlich auch das Ausschalten des Röhries, wenn man das Haus verlässt und irgendwann - irgendwie - wieder nach Hause findet. Das schaffen die Jugendlichen wundersamerweise auch ohne Navi, spätestens dann, wenn das Taschengeld ordnungsgemäss verbraten wurde. Wir waren früher ja auch nicht anders, allerdings war der Dual-Plattenspieler mit integriertem 10 Watt Verstärker bei weitem nicht so kritisch, was Stromverbrauch und Wärmeentwicklung anbelangt…. Aufgrund einer infarktähnlicher Entdeckung hängt jetzt auch eine Zeitschaltuhr zwischen Verstärker der Kids und Netzanschluss: Ab 21:00 Uhr unterbricht die Uhr die Energieversorgung und gibt sie erst ab 7:00 Uhr wieder frei.
An dem eigenen Nachwuchs kann man auch sehen, dass die Zeit unaufhörlich voran schreitet. Als diese Website aus der Taufe gehoben wurde, hatte ich »Teppichratten« an den Füssen und die Weihnachtsbäckerei im CD-Player. Heute laufen die »Teppichratten« aufrecht auf zwei Beinen und betrachten AC/DC und »Nothing else matter« als Opa-Rock und langweilig (Nein, nicht ganz… So ganz heimlich hören sie es doch und kloppen entsprechende Gitarrengriffe…- jeder Gitarrist, der auf sich hält hat das - und noch vieles mehr - schliesslich in seinem Repertoire zu haben). Zum (versehentlichen) grossen Wecken wird auch nicht mehr mit »Highway to hell« (passend zum Karfreitag) geblasen, sondern mit ohrenbetäubenden Krach welches unmöglich Musik sein kann. Metallica ist was fürs Seniorenstift.
Jaja, man wird älter und schnell wird man als rückständig und senil bezeichnet. »Mama? Kannst Du den Leonard Cohen mal leiser stellen, wir können uns oben nicht mehr unterhalten.« Wie bitte? Wir müssen die Musik doch lauter drehen, damit wir das stimmbruchgepägte Gebrabbel gar nicht mitbekommen (Kennen Sie das? Da benötigt man einen Dolmetscher). Ehrlich, der Ohrenarzt entliess die jugendlichen Ohren o.B. Wir haben unsere Eltern mal gefragt, ob das früher mit uns auch so war und ernteten nur ein vielsagendes Lächeln. Morgen gehe ich in den Baumarkt und besorge Material für Lärmdämmung - zum Schutz der elterlichen Ohren.
Das Alter. Es ist schon ein Kreuz. Je älter der HiFi-verliebte Röhrenjunkie, desto leistungsschwächer wird anscheinend der Single-Ended Röhrenverstärker (um wieder die Kurve zu bekommen). Ha! Hat sich was. Derzeit liebäuglen wir(!) sehr stark mit der Push-Pull Technik. 80 Röhrenwatt. Mindestens. Das passende Röhrchenpaar habe ich dafür bereits ausgesucht - mal sehen. Das soll dann aber definitiv der letzte Verstärker sein, der gebaut wird. Irgendwie haben wir von Single-Ended die Nase voll. Es ist schon ein Unterschied, wenn Mark Knopfler eintakt- oder gegentaktmässig reproduziert wird.
Wobei die Frage zu klären ist, warum soviel Watt benötigt wird? Um unangestrengt das Gebrabbel der Kids zu übertönen? Das auch, ja. Für den eigentlichen Grund müsste ich allerdings weiter ausholen - aber dazu fehlt der Platz (und die Zeit). Kurz gesagt: Die, aus unserer Sicht, potthässlichen Breitbandkisten und Hornsysteme passen mit dem Wohnambiente nicht zusammen und es bestehen wenig bis gar keine Ambitionen, das Ambiente auf die HiFi-Anlage abzustimmen - von daher steht ein Normal-Lautsprecher im Wohnzimmer der entsprechend befeuert werden will. Alter hin, Jugend her: Ab und an wollen wir es auch mal richtig krachen lassen und da helfen uns regelmässige Konzertbesuche, wie es live klingen kann (sofern die Tontechniker in der Lage sind, das bestmögliche aus der Konzerthalle herauszuholen). Dermassen wieder geeicht, stellt sich immer mehr die Frage, ob Single-Ended wirklich glücklich macht. Naja, wenn man Triangle und Falsettstimme mag…
Wenn die Kids endgültig flügge geworden sind, kann man ja mal über einen Hörraum nachdenken (lärmgedämmt ist er ja dann schon), ich schätze aber, dann haben sich ganz andere Prioritäten ins Leben geschlichen…
In diesem Sinne High-fidele Grüsse
-Friedrich Hunold-
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