Die Amis sind uns mal wieder um ein paar Nasenlängen voraus. Nicht das sie etwas neues vorzuweisen hätten, nein, das nicht, aber wer auf sich hält und den Geldbeutel schonen möchte, kauft qualitätsbewusst. Wobei die amerikanische Lesart von Qualität gleichbedeutend mit Patriotismus ist. Nicht wenige HiFi-Liebhaber jenseits des grossen Teichs setzen zu Erfüllung ihrer (Hör-) Wünsche ganz auf amerikanische Produkte. Zumindest sind diese aber in Amerika gefertigt, denn das gewisse Bauteile nun einmal nicht mehr in Amerika gefertigt werden können (weil die Herstellungsanlagen komplett verkauft wurden), ist jedem klar. Man tröstet sich dann damit, dass in der Tschechei die Röhren auf alten amerikanischen Anlagen produziert werden.
Cary ist z.B. so ein Hersteller. Eine kleine Klitsche, die sich anschickt, gewisse Wertvorstellungen zu revolutionieren. Einen Röhrenverstärker von Cary zu besitzen, das ist schon was und ist fast gleichbedeutend, wenn dänische HiFi-Liebhaber stolz auf Welter-Röhrenverstärker oder auf ihren Burmester-CD Player hinweisen. Hier zählt »Made in Germany« noch etwas.
Die Renaissance der HighEnd-Röhrenverstärker lässt sogar Firmen wie Western Electric mutig werden. Neben der neu aufgelegten und sündteuren Original-WE300B, will die Grande Dame der Röhrentechnik auch die legendäre WE308 neu auferstehen lassen. Man bewegt sich bei dieser Röhre in 845'er Sphären, also nicht für jeden Selbstbauer geeignet (sowohl preislich als auch spannungsmässig). Da mutet ein Röhrenverstärker mit 6AS7G oder 300B ja schon fast wie ein Niedervolt-Verstärker an. Aber was solls? Der HighEndige Röhrennarr wartet schon voller Ungeduld auf Juni 2008. Dann erst sollen die ersten Exemplare käuflich sein - für läppische 2000 Dollar (zweitausend) das Stück.
Während man hierzulande noch immer billige China-Produkte kaufen muss, ist auch hier der Amerikaner etwas weiter: wenn man sich kein Qualitätsprodukt leisten kann, dann bietet jede Manufaktur, die auf sich hält, eine günstige Finanzierung an. Kein Problem. Die gesamte amerikanische Volkswirtschaft läuft auf Pump und das seit Jahrzehnten nicht schlecht (wie man das volkswirtschaftlich bewerten will, steht nicht zur Debatte). Wer sich also einen wirklich guten Verstärker nicht leisten kann, dem wird das Vergnügen halt finanziert (egal ob mit Bank, Kredithai oder Firmenkredit). In Amerika »hält« man sich keinen billigen Verstärker, will man nicht Gefahr laufen, von der Gesellschaft geschnitten zu werden (wenn überhaupt, dann nur wegen des Chassis und zum basteln).
Andererseits muss man sich auch fragen, wie sich hier (also in Germany) gewisse Werte verschoben haben: einerseits jammern über zuwenig Geld in der Kasse und sich einen billigen Röhrenverstärker kaufen um dann andererseits etwa die dreifache Summe (!) des Kaufpreises in Tuningmassnahmen zu stecken (Röhrentausch-Orgien, µF-Protzereien um das Brumm wegzubekommen, Wunder-Kondensatoren usw.), damit aus dem Edelschrott doch noch etwas Brauchbares herauskommt. Irgendwann landet dann so ein Verstärker auf einer Auktionsplattform. Auf das sich der nächste Doofe findet. Irgendwo hatte irgendjemand gesagt: »China-Verstärkerwunder: aussen Chrom - innen Plunder«.
Nun bin ich ja nicht unbedingt ein Freund gewisser amerikanischer Vorstellungen, »Neuerungen« oder gar gewisse musikalische Abartigkeiten, aber manchmal sollte man schauen, was und vor allem wie es die Amis machen. Da gibt es nämlich noch den Pioniergeist. Wenn es in der Kasse mau wird, dann müssen neue Vertriebswege und Absatzmöglichkeiten her. Und die kommen auch. Dafür braucht es kein BWL-Studium sondern nur etwas Phantasie und Mut.
Für eine bestimmte deutsche Röhrenmanufaktur stellt Amerika übrigens ein technisches Problem dar: da müssen Geräte für den amerikanischen Markt tauglich gemacht werden. Neben diversen Belehrungen in der Bedienungsanleitung durfte auch noch ein Signet entworfen werden, dass an der Frontplatte gut sichtbar angebracht werden musste: 1500 »Tube Amplifier made in Germany« sind letztens über den grossen Teich geflogen. Röhrenverstärker aus Germany (noch besser: aus »Haidelbörg«) sind neben Porsche ein Statussymbol.
Ach ja, die Cary's: die sehen nicht nur geil aus, sie klingen auch so. Und vom Aufbau her absolut durchdacht. Aufgrund des Dollarwechselkurses sollte man sich auch mal mit Röhrenverstärker aus Amerika beschäftigen. Eine Anpassung an unser Stromnetz ist übrigens »No Problem« und kostenfrei!
Glühende Grüsse
-Friedrich Hunold-
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